Jochen Goedecke, Agrarexperte beim Nabu-Landesverband und Projektleiter des „Dialogforums Landwirtschaft und Naturschutz“, schilderte die gegenwärtige landwirtschaftliche Praxis und deren Auswirkungen auf Flora und Fauna der Agrarlandschaft, Boden und Grundwasser, und erläuterte die vom Nabu vorgeschlagenen Veränderungen.

Ein Landwirt könne heutzutage innerhalb kürzester Zeit sein gesamtes Grünland abmähen, ein hoher Düngereinsatz ermögliche frühe und zahlreiche Schnitte. Der Nabu rät, beim Mähen kleinere Streifen oder Inseln als Rückzugsgebiet zu erhalten, diese können dann bei der nächsten Mahd eingebracht werden. Statt mit Mais könne die Biogas-Anlage beispielsweise mit Sonnenblumen „gefüttert“ werden. Blühstreifen oder auch „Lerchenfenster“ könnten zum Erhalt von Flora und Fauna beitragen.

Der Import von – oft gentechnisch veränderten – Futterpflanzen erlaube Massentierhaltung auch ohne eigene Futtergrundlage. Da sei auch der Verbraucher in der Pflicht: Der Fleischkonsum müsse deutlich reduziert werden. Sieben bis zehn pflanzliche Energieeinheiten würden für die Erzeugung einer einzigen (!) Fleischenergieeinheit verbraucht. Der niedrige Fleischpreis beruhe allein auf der ethisch kaum vertretbaren Massentierhaltung sowie dem Import von Futtermitteln, für deren Erzeugung oft Kleinbauern das Land geraubt oder Regenwald geopfert werde.

Subventionen umschichten

EU-weit werden pro Jahr fast 60 Milliarden Euro an Agrarsubventionen ausbezahlt. Von den anteiligen Zahlungen an die landwirtschaftlichen Betriebe in Baden-Württemberg dienten nur zwölf Prozent der Biodiversität, der allergrößte Anteil sei daher weder auf den Erhalt der Artenvielfalt noch auf den Schutz von Boden und Trinkwasser ausgerichtet. Um die – auch von immer mehr Landwirten gewünschte – stärkere Rücksicht auf Natur und Tierwohl zu ermöglichen, müsse deshalb bei der anstehenden Fortschreibung der „Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP)“ unbedingt eine Umschichtung erfolgen und eine „Nachhaltigkeits- und Natur-Agrar-Prämie“ geschaffen werden, betonte der Referent. Bislang würde die Agrar-Lobby in Brüssel und Berlin in unheiliger Allianz mit der Chemie- und Pharmaindustrie die notwendigen Veränderungen verhindern. Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner habe unlängst wieder bienengefährliche Spritzmittel zugelassen.

Bauern stimmen weitgehend zu

Auf Nachfrage stellte der Nabu-Experte klar, dass seine Darstellungen weitgehend die deutschlandweite Situation wiedergeben, im Südwesten sei die Situation zum Teil besser. Dem Einwand, dass mehr Natur- und Tierschutz geringere Erträge bewirkten, begegnete er mit dem Hinweis, dass Unterernährung vor allem ein Problem der Verteilung und Verwendung darstellten, wie etwa die Verstromung von Mais und die Erzeugung von Bio-Diesel aufzeigten. Einig war man sich in den durchweg sachlichen Diskussionen auch darüber, dass der Einsatz von Spritzmitteln im Hausgarten und bei der Pflege städtischen Grüns schnellstens untersagt werden müsse. Die anwesenden Landwirte stimmten den Nabu-Positionen weitgehend zu, eine Erfahrung die Goedecke auch bei den vielen Vor-Ort-Gesprächen gemacht hat, und die jüngst bei einer Forsa-Umfrage bestätigt wurde.