Noch vor sieben Wochen waren Hechinger Helfer des Vereins Kinder brauchen Frieden vor Ort in Ruanda und haben dort ihre Hilfsprojekte besucht. Nun ist auch das kleine Land in Ost-Afrika im Corona-Ausnahmezustand. Die Projektverantwortlichen stehen aber in engem Kontakt mit den Partnern vor Ort.

Während der zehntägigen Reise Ende Februar wurden verschiedene Projekte im ganzen Land besucht. Ein Schwerpunkt des Aufenthalts lag auf der Abstimmung zum großen Familien-Patenschaftsprogramm. Außerdem wurden ein Hilfstransport ins Flüchtlingslager Kiziba bewerkstelligt sowie Besuche bei den befreundeten Schwestern des Bonifatius Ordens im Süden Ruandas und in Goma in der Demokratischen Republik Kongo gemacht. Des Weiteren wurde ein neues Projekt-Engagement in Tansania ins Leben.

Frühe Kontrollen

Schon bei der Einreise wurde klar, dass sich in Ruanda etwas Außergewöhnliches anbahnt. In Kigali waren schon Mitte Februar Maßnahmen zur Covid-19-Erkennung etabliert. Am Flughafen fanden intensive Befragungen zu Gesundheitszustand und Reiseroute statt; flächendeckend wurde die Körpertemperatur mit Hilfe von Infrarot-Kameras kontrolliert. Zu dieser Zeit waren die Kontrollen in Europa noch nicht spürbar.

Wenige Wochen später befindet sich nicht nur Europa im Ausnahmezustand. Auch in Ruanda herrschen höchste Vorsicht und strenge Ausgangsbeschränkungen. Ein großer Ausbruch des Sars-CoV-2 hätte in dem kleinen ostafrikanischen Land dramatische Folgen, da das Gesundheitssystem im Vergleich zu deutschen Verhältnissen nicht auf eine Pandemie vorbereitet ist.

Die Verantwortlichen von Kinder brauchen Frieden und die Partner von Sinapisi Ngo in Ruanda stehen in engem Kontakt und beobachten genau, ob die Projekte in größerem Ausmaß von der Pandemie betroffen sein werden. In einer ersten Stufe wurde man bereits in der letzten März-Woche aktiv. Zu diesem Zeitpunkt lagen nach offiziellen Angaben rund 60 bestätigte Infektionen vor. Wie die Projektpartner aus der Hauptstadt Kigali berichten, wurde von der Regierung ein Bewegungsverbot ausgesprochen, das von den Polizeibehörden streng überwacht wird. Missachtung wird nicht selten mit Gefängnisstrafen geahndet. Geschäfte, die nicht lebensnotwendig sind, wurden geschlossen, der Verkehr im ganzen Land liegt lahm.

Schwer getroffen von den Einschränkungen im öffentlichen Leben sind einige der von der Hechinger Organisation Kinder brauchen Frieden unterstützte Familien. So können beispielsweise die Eltern ihrem Beruf nicht mehr nachgehen, erhalten keinen Lohn und stehen somit vor lebensbedrohlichen Herausforderungen, da häufig keine Lebensmittel mehr eingekauft werden können. Daher wurde kurzfristig ein Hilfsprogramm für 50 Familien aufgesetzt, um die nötigste Versorgung mit Nahrungsmitteln sicher zu stellen.

Während der Projektreise vor Zuspitzung der Corona-Ausnahmesituation besuchten die Helfer um Projektleiter Matthias Holzmann vor Ort Schulen, die von Kinder brauchen Frieden mitfinanziert wurden. Die Sekundarschule St. Philipe ist mit knapp 400 Schülerinnen und Schülern gut ausgelastet, der Trend wird in den nächsten Jahren zu einer noch höheren Auslastung gehen.

Die Jugendlichen lernen hier in zwei verschiedenen Spezialisierungen: „Tourism and Accouting“ oder „Computer Science und Hotel Operation“. In den Gesprächen mit den Schülern, Lehrern und der Schulleitung wurde den Helfern aus Hechingen einmal mehr bestätigt, wie wichtig eine gute Schulausbildung mit angegliederter Berufsspezialisierung ist.

Soziale Absicherung

Ebenfalls positiv präsentierten sich die Fortschritte im Familien-Patenschaftsprogramm. Die von Kinder brauchen Frieden und Sinapsi Ngo entwickelte Unterstützung sichert die Familien sozial ab. So erhalten alle Familien die Krankenversicherung und Unterstützung für den Kauf von Hygieneartikeln. Als nachhaltige Maßnahme wird den Kindern der Familien die Schulbildung ermöglicht.

Bei den Besuchen in den Familien erlebten die Hechinger schöne Begegnungen und es konnten wichtige Eindrücke aus dem wirklichen Leben der Kinder gesammelt werden. Nicht allen Familien geht es gut, doch mit der beschriebenen Unterstützung gelingt es in den allermeisten Fällen, dass die Familien die alltäglichen Probleme gut meistern.

Einen besonderen Besuch erlebte man bei Liliane. Wie berichtet, wurde ihr um die Weihnachtszeit aus Hechingen ein neues Zuhause ermöglicht. Liliane wohnt heute in einem kleinen Haus in einer Art Kommune. Sie kann die Schule besuchen, während sich eine Tagesmutter um ihren Sohn kümmert. Es ist genügend zu essen vorhanden und ein verhältnismäßig gutes Leben möglich.

Schulspeisung in Tansania

Des Weiteren gab es in Kigali ein Treffen mit einem neuen Projektpartner aus Tansania – und zugleich ein zukunftsweisendes Projekt auf den Weg gebracht. Im Westen Tansanias unterstützt Kinder brauchen Frieden nun zunächst für zwölf Monate eine Schulspeisung für Kinder aus armen Bevölkerungsschichten. Gezielt wird in die Landwirtschaft der einzelnen Schulen investiert, so dass den Kindern eine warme Mahlzeit garantiert werden kann.

Mit viel Bildmaterial über das schon bestehende Engagement konnte ein guter Eindruck vom Projekt erlangt werden, und mit dem neu gewonnenen Partner wurde ein „Memorandum of Understanding“ erstellt, um die Zusammenarbeit zu fixieren. Bei der nächsten Reise nach Ostafrika steht dann sicher auch ein Besuch in Tansania auf dem Plan.

Die letzte Station auf der Reise führte die Hechinger in das Gesundheitszentrum der deutschen Ärztin Dr. Düll. Dort wurden Medikamente übergeben und die Unterstützung für die Hydrocephalus (Aufstau des Hirnwassers)-Patienten und das ans Gesundheitszentrum angeschlossene Ernährungszentrum koordiniert. Beim Rundgang durch das gesamte Krankenhaus wurden diesesmal auch die Geburtenstation genauer vorgestellt und der Kreissaal besichtigt.

Komplett abgeriegelt

In ihrer jüngsten Nachricht berichtete Dr. Düll über die Corona-Situation in Ruanda, die intensiven Vorbereitungen auf eine mögliche Welle von Infektionen, aber auch davon, weshalb derzeit vergleichsweise wenige Infizierte gemeldet sind. So wurde bereits vor Wochen der Flughafen Kigali komplett geschlossen, manche Banken haben die Arbeit eingestellt und Transport-Möglichkeiten existieren praktisch nicht mehr. Das, informiert die Ärztin, erschwere die Lage – weshalb die Vorräte gut eingeteilt werden müssten. Die im Krankenhaus angestellte Näherin, lässt die Medizinerin weiter wissen, sei in die Produktion von Mundschutzmasken eingestiegen. Das konsequente Abriegeln des Landes und das rigorose Vorgehen gegen Missachtung von Ausgangssperren möge ein Grund sein für die vergleichsweise geringen Infektionszahlen. Der Großteil der registrierten Fälle seien direkt aus dem Ausland eingereiste Personen gewesen.

Große Angst in Bulgarien

Dieser Tage hat der Vorstand von Kinder brauchen Frieden online getagt und sich über die Lage auch in den anderen Projekten ausgetauscht. Ob in Bulgarien, Kroatien oder Sri Lanka. Überall herrschen Ausgangssperren und Familien sind von Nahrungsmittel-Knappheit bedroht, da häufig die Einkommensquellen wegbrechen. In Bulgarien zum Beispiel herrscht sehr große Angst bei den alten Bevölkerungsschichten, da eine Versorgung von Intensiv-Patienten praktisch nicht gegeben sein wird. Die verschiedenen Projektpartner stehen in engem Austausch, um bei einer weiteren Verschärfung der Lage schnell handeln zu können.

Info Alle Projekte des Vereins sind auf Spenden und treue Paten angewiesen. Gerade im Ausblick auf die drohende Wirtschaftskrise in Europa befürchtet der Verein ein massives Ausbleiben von Spendengeldern und bittet gleichzeitig weiterhin um Unterstützung. Die auf den 25. April terminierte Jahreshauptversammlung von Kinder brauchen Frieden ist auf unbestimmte Zeit verschoben. Weitere allgemeine Informationen sind auf der Homepage www.kinder-brauchen-frieden.de zu finden.

Das könnte auch interessieren:
Corona-Song von „AbgRockt“ aus Hechingen „Stillgestanden, liebe Welt“

Hechingen

Neun Tonnen Lebensmittel im Gepäck


Mit einem gemieteten Lastwagen wurden neun Tonnen Lebensmittel in das „Kiziba Refugee Camp“ gebracht – ein Lager, in dem über 15 000 Menschen leben. Eingekauft wurde die Ladung mit Maismehl, Öl, Bohnen, Reis, Zucker und Hirsemehl von Partnern im Land. Dieses Jahr wartete der Weg mit besonders schlechten Bedingungen auf den Transport, da war hin und wieder Muskelkraft bei den ehrenamtlichen Helfern gefragt, um den Laster im Lager ankommen zu lassen. Die Lebensmittel werden besonders bedürftigen Campbewohnern zur Verfügung gestellt – beispielsweise kranken oder misshandelten Kindern und Waisen sowie Kindern mit Behinderungen.

Wie sieht es im Nachbarland Kongo aus?


Erstmals seit mehreren Jahren hat sich während der jüngsten Reise ein Vertreter von Kinder brauchen Frieden wieder in das Nachbarland D.R. Kongo begeben. Die Lage in Gomas Armenviertel Birere beschreibt Heinz Wolfram als sehr gefährlich. Die Kriminalität habe seit dem letzten Besuch deutlich zugenommen, es herrsche eine aggressive Grundstimmung. Das Fotografieren beispielsweise, was vor sechs Jahren noch meist problemlos möglich war, werde heute als Provokation wahrgenommen und sei kaum noch möglich.

Der Hechinger Verein unterstützt ein von Ordensschwestern betriebenes Ernährungszentrum in Birere. Dort werden 40 Kinder von Montag bis Freitag mit zwei Mahlzeiten pro Tag versorgt. Hinzu kommen weitere 39 Portionen Trockenrationen für Kinder, die zu weit entfernt leben und somit keine Möglichkeit haben, selbst ins Ernährungszentrum zu kommen.

Das Ernährungszentrum liegt knapp 200 Meter von der Grenze zu Ruanda entfernt. Dieser „Grenzstreifen“ wird nach und nach zerstört – zukünftig soll dort ein Geschäftsviertel entstehen. Wann die Arbeiten dafür bis heran ans Ernährungszentrum voranschreiten, ist noch unklar. Die Partner der Bonofatius Schwestern haben in weiser Voraussicht ein Grundstück im Norden der Stadt erworben, wohin das Ernährungszentrum im Notfall umziehen könnte.

Nur wenige Informationen hat Kinder brauchen Frieden bezüglich der aktuellen Corona-Lage. Die Grenze nach Ruanda wurde geschlossen, wodurch wichtiger Güterverkehr und Nahrungsmittellieferungen massiv eingeschränkt werden. Ein Gesundheitssystem – vor allem für die arme Bevölkerung – ist praktisch nicht existent.