Tränen auf der Anklagebank, Tränen im Zeugenstand. Sehr emotional ging es am Freitagmorgen im Saal 181 des Hechinger Gerichtsgebäudes zu. Menschen, die für sich ein schweres Schicksal in Anspruch nehmen, kamen zusammen, als vor dem Schöffengericht ein Prozess wegen schweren Bandendiebstahls eröffnet wurde.

Killertäler Unternehmer ist Opfer des Einbruchs

Dem Anschein nach am leichtesten nahm es der Mann, der das Opfer der Tat war, die mehr als sechs Jahre zurückliegt: ein Killertäler Unternehmer, in dessen Haus am Rosenmontag des Jahres 2014 eingebrochen worden war. Er war als Zeuge geladen, musste aber erst telefonisch an den Termin erinnert werden und kassierte nach verspätetem Erscheinen eine Ermahnung von Richter Ernst Wührl: Normalerweise warte man nicht gerne so lange auf die Zeugen.

300 Kilogramm schweren Tresor ins Freie gewuchtet

Den richterlichen Rüffel lächelte der Geschäftsmann weg. Dabei hätte er nach Lage der Dinge durchaus Grund zum Heulen gehabt: In der Nacht vom 3. auf den 4. März 2014 hatten – in seiner Abwesenheit – Einbrecher den Drahtzaun um sein Anwesen zerschnitten, die Schiebetür der Terrasse aufgehebelt und anschließend einen 300 Kilogramm schweren Standtresor aus dem Wohnzimmer ins Freie gewuchtet und abtransportiert. Die Beute war erklecklich: 17 500 Euro Bargeld, Krüger-Rand- und Maple-Leaf-Goldmünzen, ein Säckchen mit 500 mexikanischen Silbermünzen im Wert von rund 15 000 Euro, eine goldene Visa-Card, die goldenen Eheringe und das Testament des Mannes. Den materiellen Wert des Diebesgutes bezifferte die Anklagevertreterin auf gut 35 000 Euro.

Geschädigter wundert sich, was alles nicht gestohlen wurde

Dabei waren die Einbrecher eher schnell als sorgfältig vorgegangen. Wenn sie alles gefunden hätten, was im Haus war, wäre die Beute deutlich höher ausgefallen, stellte der Unternehmer fest. Offensichtlich hatte es das Trio, das von der Überwachungskamera nur unscharf erfasst wurde, ganz gezielt auf den Standtresor abgesehen. „Die wussten genau, wo sie suchen mussten“, stellte der Geschädigte fest, der offenbar davon ausgeht, dass die Kriminellen einen gezielten Hinweis erhalten hatten. Jedenfalls äußerte er Verwunderung, dass „im Rest des Hauses gar niemand gesucht hat“. Unter anderem sei ein Geldbeutel mit 3000 Euro Inhalt unbemerkt zurückgeblieben, außerdem drei ägyptische Goldmünzen, die offen im Regal lagen.

„Wenn ich sie damals erwischt hätte...“

Welche Nachwirkungen der Einbruch bei ihm hinterlassen habe, wurde der Unternehmer gefragt. Antwort: Die Versicherung habe die Schäden ersetzt, zunächst habe er sein Haus bei Abwesenheit von einem Sicherheitsdienst überwachen lassen, inzwischen sei eine Alarmanlage installiert. Es gehe schon, so das Fazit, aber: „Wenn ich sie damals erwischt hätte, wären sie einen Kopf kleiner gewesen. Ich habe mir lange überlegt, ob ich mir das ein Kopfgeld kosten lasse.“

Kripo schnappt Bande aus Ex-Jugoslawien

Nötig war das nicht, denn die Kripo ermittelte drei Tatverdächtige aus Ex-Jugoslawien, die als mutmaßliche Diebesbande gefasst wurden. Zwei von ihnen haben ein separates Verfahren am Hals, einer wurde am Freitag aus der U-Haft in Handschellen in den Hechinger Gerichtssaal geführt: ein 47-jähriger Lastwagenfahrer aus Bosnien-Herzegowina, der bereits heftig schluchzend mit den Tränen kämpfte, als er nach seinem Geburtsort gefragt wurde. Zum Vorwurf, einer der drei Einbrecher gewesen zu sein, machte der in zweiter Ehe verheiratete Vater zweier erwachsener Kinder keine Angaben, wohl aber zu seinem Schicksal. Seit einem Motorradunfall mit Rippenbrüchen im Jahr 2004 könne er nicht mehr Lkw fahren. Deshalb chauffiere er nun seinen Chef, der im bosnischen Banja Luka mit Margarine, Ketchup und Putzmitteln handelt. Außerdem, so schilderte der Angeklagte, sei er „vor sieben oder acht Jahren“ Opfer eines Gewaltverbrechens geworden: Ein Mann habe ihn in einem Kosmetiksalon mit drei Messerstichen verletzt, als er eine Frau vor dessen Schlägen beschützt habe. „Nur mit Glück“ habe er die Attacke überlebt, sagte er, lupfte das T-Shirt und zeigte seine Wunden. Im Übrigen vermittelte der 47-Jährige den Eindruck, aus geordneten Verhältnissen zu kommen: fester Job, keine Vorstrafen, keine Schulden, die Familie hat ein Haus in Serbien.

Handy des Angeklagten am Tatort geortet

Aufgeflogen ist die Bande, weil ein Handy des Angeklagten in der Tatnacht am Tatort geortet wurde. Auf das Trio vom Balkan stießen die Ermittler aber erst auf Umwegen. Denn zugeordnet war die Nummer einer Prepaid-Karte einer bosnischen Gastwirtin aus dem Alb-Donau-Kreis. Sie schilderte als Zeugin, dass sie den Angeklagten schon aus Kindertagen kenne und 2013 in einer bosnischen Kneipe zufällig wieder getroffen habe. Wenig später sei der Mann mit zwei Kollegen zu ihr ins Gasthaus gekommen und habe sich ein paar Tage in ihrer Gegend aufgehalten. Seiner Bitte, ihm eine Telefonkarte zu kaufen, sei sie nachgekommen: „Er wollte seinen Onkel in Ulm anrufen.“ Die Karte sei dann auf ihren Namen angemeldet worden. Dem Landsmann habe sie die Karte gegeben. Was der dann damit gemacht habe, wisse sie nicht.

Zahlreiche Widersprüche in den Aussagen

Der Verteidiger fand zahlreiche Widersprüche zwischen der Aussagen der Frau jetzt vor Gericht und damals bei der Polizei – was wiederum der Zeugin stark zusetzte: Tränen. Nach einem Streit mit ihrem damaligen Mann sei sie „psychisch kaputt“ gewesen, daher die wirren Angaben.
Weitere Zeugen will das Gericht bei der Fortsetzung des Prozesses am Mittwoch, 3. Juni, ab 9 Uhr hören.

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