Göppingen Zukunftsweisende Botschaft

Göppingen / Von Annerose Fischer-Bucher 09.09.2018
Das Premieren-Publikum in der Göppinger Werfthalle feiert Mozarts „Zauberflöte“.

Mozarts Oper „Die Zauberflöte“ von 1791, eine Mischung aus Märchen, Zauber, Posse und einem aufklärerischen Idealismus aus Freimaurer Ideen der damaligen Zeit, erlebte eine fulminante Premiere bei den Göppinger Staufer Festspielen mit minutenlangen Standing-Ovations der 1500 Besucher in der Werfthalle. Regisseur und Intendant Alexander Warmbrunn hatte die Oper entstaubt und am Ende mit einer zukunftsweisenden Botschaft überrascht.

Sarastro (Timo Riihonen) gibt am Ende seinen Herrschermantel an Tamino (Maximilian Mayer) und Pamina (Jessica Eckhoff) ab und tritt ins zweite Glied zurück. Er nimmt die Hand der Königin der Nacht (Galina Benevich) und hält mit ihr gemeinsam die Fackel hoch, so dass sie die Chance bekommt, ihr Lebenslicht neu zu entzünden. Mit einer Art  Fackel der inneren Freiheit kann sie ohne Neid, Rache und Hass nochmals neu beginnen. Der Gegensatz zwischen Tag und Nacht, die Auseinandersetzung der Geschlechter und der Konflikt zwischen Gut und Böse werden zwar nicht aufgehoben, bekommen aber eine Bewältigungschance von beiden Seiten. In einer Zeit, in der Hassbotschaften wieder versuchen, salonfähig zu werden, eine eminent wichtige politische und psychologische Aussage.

Das Stück mit vielen zeitgleichen und oft verwirrenden Handlungsebenen wurde echt, pur, liebevoll und kurzweilig erzählt. Das Publikum erlebte eine abwechslungsreiche, poetische, moderne Inszenierung, jedoch nicht modernistisch bis zur Unkenntlichkeit gegen den Strich gebürstet. Durch Animationen und großartige Projektionen (Andreas Dihm) wurden Stoff und Szenen strukturiert und Lust auf Oper gemacht. Das Bühnenbild von Karel Spanhak, in den Werkstätten des Moskauer Bolschoi hergestellt, erlaubte in einer genialen Einfachheit eine große Flexibilität des Spiels. Unterschiedliche Türen auf drei Ebenen, die  sich etwa in eine antike Arena mit Priestern, einen Tempel mit drei großen Türen (Vernunft, Weisheit, Natur) oder in alltägliche dahinter gedachte Orte verwandeln ließen, dienten als Projektionsfläche beispielsweise für die Schlangen, für einen Himmel oder für die Illustration der beiden Prüfungen Feuer und Wasser mit eindrucksvoll gefährlich-realistischen Zügen.

Dazu kamen einerseits üppige und doch klassische Kostüme – an die 280 waren von Ehrenamtlichen unter der Leitung von Manuela Kirn genäht worden –, die in Farbgebung und Stil die Interpretation unterstützten. So trat das königliche Paar Tamino/Pamina auf der psychologischen Ebene in Weiß auf, das sinnlich-einfache Paar mit dem drolligen Papageno in kariertem Hemd, Filzhut und Turnschuhen sowie Papagena im kurzen Glitzerröckchen. Das metaphysische Paar, bestehend aus der Königin der Nacht und Sarastro war durch Schwarz-Rot kontrastiert wie deren Anhang der Drei Damen und der Priester in Rot mit Fackeln. Besondere Schmankerl galten Monostatos mit schwarzer Seele in moderner Rocker-Manier und den drei helfenden Knaben in Matrosenanzügen.

Ein Glücksfall für die Festspiele ist deren musikalische Leiterin Sabine Layer, Lehrbeauftragte an der Musikhochschule Stuttgart und regelmäßig für die Internationale Bach Akademie Stuttgart tätig. Nicht nur hilfreich für die Solisten leitete sie souverän das flexibel agierende Festspielorchester sowie einen überraschend gut aufgestellten Festspielchor und Kinderchor. Zusammen mit  einem professionellen internationalen Solisten-Ensemble kreierte sie den musikalischen Erfolg einer göttlichen Musik Mozarts in Göppingen.

Jessica Eckhoff brachte als Pamina mit der berührenden g-Moll Arie „Ach ich fühl’s“ echte Gefühle auf die Bühne und bildete mit dem stimmlich fantastischen Tenor Maximilian Mayer als Tamino ein Dream-Team. Publikumsliebling Papageno, durch Johannes Mooser grandios schrullig, einfältig, vorwitzig-gewitzt umgesetzt, und Schirin Hudajbergenova als Papagena – sie ließ aufhorchen, denn oft hört man diese Partie zu schrill – sowie ein glänzend disponierter Philipp Nicklaus als Monostatos trugen zum Erfolg bei.

Die Drei Damen waren mit jungen spielfreudigen Stimmen wie aus einem Guss besetzt (Chisa Tanigaki, Vanessa Maria Looß, Sophia de Otero) und die Drei Knaben wurden herzallerliebst und lupenrein von den Aurelius Sängerknaben Calw (David Ehrhardt, Johannes Götz, Florian Fiderer) gesungen. Profis auch die Geharnischten mit Kai Preußker und Johannes Mayer.

Großartig das Antipodenpaar, einerseits mit der russischen Sopranistin Galina Benevich als mächtige Königin der Nacht mit großem Material in der halsbrecherischen Koloratur-Rache-Arie und überragender Bühnenpräsenz. Eine gewisse fehlende Leichtigkeit in den Spitzenhöhen war sicher dieser Nervenpartie in einer Premiere geschuldet. Andererseits sang und spielte der finnische Bass Timo Riihonen, gerade noch in Bayreuth engagiert, mit einer profunden, weichen, klangschönen Tiefe (zuweilen etwas angestrengt im Übergang zur Mittellage) die Rolle des Sarastro mit ruhiger, majestätischer Ausstrahlung. Das Besondere bei den seit 2006 stattfindenden Staufer Festspielen ist, dass Profis und etwa 200 ehrenamtlich Mitwirkende sowie ein großer Stab an ehrenamtlichen Helfern sich wunderbar ergänzen und ein ganz eigenes Flair erzeugen. Denn eine solch gigantische Produktion mit dem Bespielen einer Bühne von 40 Metern Länge – der Choreographie Marga Renders und dem Tanzensemble sei Dank –  brauchte einen Vorlauf von zwei Jahren mit einem großen Stab von ehrenamtlichen Helfern im Hintergrund. Man darf gespannt sein, welches Highlight Opernliebhaber als nächstes erwartet.

Weitere Termine für „Die Zauberflöte“

Aufführungen Tickets gibt es noch für die Vorstellungen gibt es am Dienstag (11. September), Donnerstag, Freitag und Samstag. www.staufer-festspiele.de

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel