„Mein Gott, wie sich die Zeiten ändern.“ Oberbürgermeister Guido Till schlägt den Bogen von damals, also dem Gründungsjahr der Turnerschaft 1844, bis ins Heute. Das Turnen und die Turnvereine waren gerade mal zwei Jahre wieder offiziell erlaubt, vorher galt ein 22-jähriges Verbot. Der Obrigkeit waren die Turner suspekt, unter anderem wegen des in der Turnerbewegung propagierten Nationalstaatsgedankens.

Heute ist das anders. Die Obrigkeit in Person des OB kommt zur Geburtstagsmatinee des ältesten Sportvereins der Stadt, und bringt nicht nur einen ganz kurzen Ausflug in die Geschichte mit, sondern auch etwas Bares, „für jedes Jahr des Bestehens 10 Euro“. Das könne der Verein bis zum Festakt im Oktober schon mal ausgeben, empfiehlt Till. Gefeiert wird das große 175-Jahre-Jubi­läum nämlich nicht nur im Alten E-Werk, sondern auch noch im Sommer im eigenen Stadion und im Herbst in der Stadthalle.

Längst keine Männersache mehr...

Dass sich die Zeiten geändert haben, zeigen die Mädchen der Turnerschaft. In den Gründungsjahren und danach war Turnen Männersache, das ist schon lange anders. Die Mädchen wirbeln, hüpfen und springen zum Pippi-Langstrumpf-Lied über die Bühne, schlagen Räder und Purzelbäume. „Wir sind toll im Turnen“, rufen sie zur We-will-rock-you-Melodie von Queen. Zum Dank gibt es eine Tafel Schokolade für jede Turnerin – natürlich, soviel Werbung sei erlaubt, von Ritter-Sport. Und schon jetzt ist klar, es geht in der Matinee um den Sport, aber auch um die Musik. Selina Kästner und Vivien Laurenzano, beide aus dem Verein, singen Songs von Bryan Adams bis zu The Who.

Und dann kommt Anne Sie­brasse und spielt etwas, was es nicht alle Tage zu hören gibt: Klassik auf dem Saxophon. Sie weiß auch, warum: „Das Saxophon ist fast genauso alt wie die Turnerschaft.“ 1842 erfand es der Belgier Adolphe Sax, die Klassik war da schon vorbei. Siebrasse spielt Johann Sebastian Bach und einen Tango von Astor Piazzolla, der das Saxophon schon kannte.

„Mimi“ Kraus startete seine Karriere bei der Turnerschaft

Dann ist der Sport wieder dran, Thomas Edtmaier empfiehlt den rund 180 Gästen die Fotoausstellung zur Geschichte der Turnerschaft: Sportler, Fans, Wettkämpfe aus dem letzten Jahrhundert Vereinsgeschichte. Auch die Legenden des Vereins wie Stabhochspringer Wolfgang Reinhardt sind zu sehen. Auf einer Schwarz-weiß-Aufnahme trägt er die Silbermedaille, die er 1964 bei den Olympischen Spielen in Tokio gewann. Auch Handballer Michael „Mimi“ Kraus startete seine Sportkarriere bei der Turnerschaft, erzählt Vereinschef Hans-Dieter Mayer. Mayer selbst war Trainer des Zehnkämpfers Michael Kohnle, der 1988 die Junioren-Weltmeisterschaft gewann, mehrfach deutscher Meister war und „immer noch Mitglied der Turnerschaft ist“.

Japanische Kampfkunst

Nicht nur Leichtathletik, auch Aikido können die Turnerschaftler,  „eine japanische Disziplin der Selbstverteidigung“, erklärt Mayer. Vier Sportler auf der Bühne zeigen eindrucksvoll, wie Angriffe abgefangen werden und die Angreifer mit lautem Knall unter „Ah“- und „Oh“-Rufen des Publikums auf dem Boden landen. Nach der japanischen Einlage wird es wieder richtig deutsch, die Männerriege der Turnerschaft persifliert die Anfänge des männlichen Turnens in Deutschland mit angeklebten Schnauzbärten und dem lauten Kommando des Vorturners.

Nach so viel Sport ist wieder Zeit für Musik, denn Mayer gesteht: „Sport ist meine Freude, für die Musik habe ich eine Leidenschaft“. Mayer hat es geschafft, Jasmin Kolberg mit ihrer Marimba und dem Vibraphon ins Alte E-Werk zu holen. Schon nach den ersten Tönen auf der Marimba, einer Art Riesen-Xylophon, ist klar: ein Volltreffer. „Ach, schön“, seufzt eine Dame im Publikum, „so angenehm“, eine andere. An einem Stehtisch im hinteren Teil nimmt ein Herr seine Begleiterin in den Arm. Es ist ein wirklich schöner Sonntag.

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