In einer Zeitung aus dem Jahr 1929 war zu lesen: „Immer ist die Heilsarmee bemüht, Not zu lindern, wo sie sie findet und die Menschen durch Wort und Schrift für die gute Tat zu gewinnen.“ Wie die christliche Einrichtung ist auch Gertrud Dölker diesem Ziel bis heute treu geblieben, auch wenn sich in der langen Zeit Vieles verändert hat.

Seit 1899 ist die Heilsarmee in Göppingen tätig. Anfangs in der Spitalstraße 10, bekannt als das frühere Gasthaus „Zum Falken“, 1975 war der Umzug in die Marktstraße 58.

Im kommenden Jahr wird die Heilsarmee 120 Jahre alt – kaum zu glauben, die Hälfte davon ist Gertrud Dölker dabei. Schon als Kind kam sie mit der freikirchlichen Gemeinschaft in Berührung. Sie erinnert sich gerne daran, wie stolz sie war, als sie mit ihrer Mutter „im guten Kleid“ mit 14 zum Jugendkreis gehörte und in die dortige Sonntagsschule ging. Auch durch ihren Vater habe sie die niederschwellige Freikirche „als einen besonderen Ort kennengelernt“.

Nähe zu den Menschen

Am 14. Dezember 1958 wurde sie mit 20 Jahren Mitglied der Heilsarmee und sucht 60 Jahre später noch immer als Soldatin in ihrem täglichen Tun die Nähe von Menschen am Rande der Gesellschaft. Einige Zeit führte sie zu Hause den Haushalt, ersetzte den jüngeren Geschwistern die Mutter, die mit 48 Jahren gestorben ist. „Wir waren zu Hause acht Kinder“, verrät Gertrud Dölker, die damals unter ihrem Mädchennamen Weiß auch diese schwere Aufgabe mit Gottes Hilfe gemeistert hat.

Gleichfalls Beständigkeit bewies sie an ihrem Arbeitsplatz: „Ich habe 35 Jahre lang in der Spritzgießerei bei Märklin gearbeitet, bin 1993 in Frührente“, erzählt die kinderlose Witwe. Durch ihr Wirken in der Heilsarmee lernte die bodenständige Schwäbin auch ihre Liebe, den „Schriften-Sergeant“ Eberhardt Dölker, kennen: 1968 heirateten sie, 2005 verstarb ihr Mann.

Bei ihrem Eintritt in die Heilsarmee vor 60 Jahren legte Gertrud Dölkerihr Gelübde ab und verinnerlichte die elf Glaubensartikel. Ihr großes Anliegen war und ist es, sich um die Menschen zu kümmern, die in der Gesellschaft ganz unten stehen. Besonders geliebt hat sie die Auftritte nach dem Gottesdienst mit der Kapelle, „das machten wir früher mehrmals die Woche. Rausgehen und spielen, ab und zu auch mit Gitarre“, verrät sie lachend und erinnert sich, dass dies gerade zur Weihnachtszeit besonders schön war.

Auch ging man früher noch in Wirtschaften, „ich war 50 Jahre mit der Sammelbüchse unterwegs“, betont die zierliche Seniorin. Meistens war dies in Göppingen, eher selten führte ihr Weg in andere Gemeinden, mitunter nach Lorch. Sehr dankbar waren die Bewohner der Altersheime, die sich immer über diese christlichen Besucher und deren Botschaften freuten. „Das war eine schöne Zeit, ich hab’s gerne gemacht“, betont die Heilsoldatin, die wie alle Mitglieder mit Befehl und Gehorsam und „mit der Liebe Gottes“ kämpft.

Heute hilft sie in der Kleiderkammer, kocht und backt nach Bedarf oder putzt die Gemeinderäume. „Bis jetzt geht’s noch, das tut mir wirklich gut“, ist ihr wichtig zu sagen. Wenn man noch eine Arbeit hat, gebe es keinen Grund zu klagen, schiebt sie nach. Gertrud Dölkers Hauptanliegen ist, dass es jeder Mensch wert ist, geachtet und geliebt zu werden, egal, welche Vergangenheit er hat, betont die 81-Jährige und nennt damit eine der wichtigsten sozialen Aufgaben, die sich die Heilsarmee seit ihrer Gründung auf die Fahne geschrieben hat.

Randgruppen eine Heimat bieten


Geschichte Früh mit der Armut konfrontiert, begann General William Booth (1829 bis 1912), Randgruppen wie Kriminellen, Obdachlosen und Prostituierten eine Heimat zu bieten und versammelte sie mit Unterstützung seiner Frau Catherine in seiner Ost-Londoner Christlichen Erweckungsgesellschaft. In allen Ämtern gleichberechtigt, kämpfte das Ehepaar mit Predigten, Gebeten, Gesprächen und praktischer Hilfe gegen die Sünde und das Elend – die Anfänge der Heilsarmee.

Idealbild Galt das Militär damals als Idealbild, organisierte sich die Bewegung zunehmend nach diesem Vorbild, und so entstand im Jahr 1865 „The Salvation Army“ – Die Heilsarmee. Hauptamtliche Mitarbeiter wurden zu „Offizieren“, die Mitglieder zu „Soldaten“, die Missionsstationen zu „Korps“ und „Vorposten“. Als General William Booth vor 106 Jahren starb, war die Heilsarmee in 58 Ländern rund um den Globus vertreten, derzeit arbeitet sie in mehr als 128 Ländern in 175 Sprachen. Seit 1886 engagiert sich die Heilsarmee in Deutschland, mit ihre erste Gemeindeniederlassung „Korps“ war in Stuttgart.