Kreis Göppingen / Arnd Woletz  Uhr
In acht Göppinger Kirchengemeinden wird über die Zusammenführung geredet – mit Druck der Diözese.

Wird aus den ehemals acht Göppinger Kirchengemeinden eine einzige Seelsorgeeinheit? Was passiert mit viel zu großen und teils renovierungsbedürftigen Kirchen und Gemeindehäusern? Und wie kann man angesichts der Personalmisere in Zukunft noch funktionierende Gottesdienststrukturen hinbekommen? Die sind die Fragen, die auch in den Göppinger Kirchengemeinden die Menschen umtreiben – und zum Teil auch Ängste auslösen. Hintergrund ist der von der Diözese Rottenburg-Stuttgart angestoßene Prozess der „Zusammenführung“. Drei Arbeitsgruppen mit Mitgliedern aus den acht Gemeinden beschäftigen sich damit.

Sicher ist: Es sind mit Felix Doldererer und Stefan Pappelau gerade noch zwei Pfarrer für die acht Gemeinden da. Seit dem krankheitsbedingten Ausscheiden von Sven Jast in der Seelsorgeeinheit „Lebendiges Wasser“, die den Göppinger Südwesten abdeckt, ist klar: Mehr werden es auch nicht mehr. Jasts Stelle wird nicht wieder besetzt. Stefan Pappelau gibt zu: Das kam schneller als erwartet und hat „eine gewisse Brisanz entwickelt“. Um die Auswirkungen macht er kein Geheimnis. Derzeit fahre die katholische Kirche in Göppingen „auf Sicht“. Länger als bis zum Ende der Sommerferien könne er die Gottesdienste derzeit nicht planen. Zwar springen Pensionäre und Klinikseelsorgerin ein, aber die Zeiten flächendeckender Versorgung mit Eucharistiefeiern sind vorbei. Zudem sieht sich Pappelau mit eiem Berg an administrativen Aufgaben konfrontiert, den er nur mit viel Unterstützung abbauen kann.

Die katholische Heilig-Geist-Kirche in Westgartshausen ist seit Mittwoch im Besitz der Rumänischen Orthodoxen Metropolie.

Katholische Kirchengemeinden schrumpfen stetig

Der akute Pfarrermangel fällt zusammen mit der Notwendigkeit zu tiefgreifendem Umdenken. Die stetig schrumpfenden acht katholischen Kirchengemeinden, beziehungsweise drei Seelsorgeeinheiten (siehe Infokasten) müssen zusammenrücken. Dazu hat die Diözese Rottenburg Stuttgart im März „eine klare Ansage gemacht“, sagt Pappelau. Ob am Ende alles in einer einzigen großen Seelsorgeeinheit für das komplette Stadtgebiet und seine Stadtbezirke gebündelt wird oder ob es zwei werden, das ist noch offen.

In einer der Arbeitsgruppen geht es um die immer erdrückender werdende „Immobilienlast“ der Göppinger Katholiken, sagt Pappelau. Die meisten Kirchen wie Christkönig, St. Maria oder Heilig Geist in Faurndau haben alle fast 500 Sitzplätze. Im Normalfall ist in den Gottesdiensten höchstens jeder zehnte Stuhl besetzt. Doch die Kosten bleiben die gleichen. Das gilt auch für die oft üppig dimensionierten Gemeindehäuser, die in Zeiten gebaut wurden als in der Stadt noch doppelt so viele katholische Kirchenmitglieder gezählt wurden und jeder Zweite den Gottesdienst besuchte. Heute ist die Quote in der Stadt auf etwa fünf Prozent gefallen. Doch die Immobilien müssen immer noch geheizt und geputzt werden. Sanierungen verschlingen oft Unsummen.

Die Christus-Kirchengemeinde im Täle möchte homosexuelle Paare im Gottesdienst segnen.

Manche Kirchen müssen vielleicht aufgegeben werden

Was das im Klartext heißt, streitet Pappelau nicht ab: Auch das Aufgaben und der Verkauf einzelner Kirchen muss diskutiert werden. Und das ist auch der emotionalste Teil, weiß der junge Pfarrer. Denn hier gibt nur „hopp oder topp“, es gibt keine Kompromisse, wie sie beim Wandel in anderen Bereichen möglich sind. Zudem hängen an den Kirchen, die die Menschen schon seit Jahrzehnten gehen, auch entsprechend viele Emotionen. Dennoch sagt Pappelau. „So schmerzlich das ist: Es wird auch darum gehen, Abschied zu nehmen.“

Die zweite Arbeitsgruppe befasst sich mit der möglichen Zusammenarbeit der einzelnen Gemeinden miteinander. Da sei vieles möglich. Und hier sieht Pappelau durchaus auch Chancen, denn Zusammenarbeit könne neue Stärke bedeuten.

Prozess soll „nicht übers Knie gebrochen“ werden

Schließlich geht es in einer weiteren Arbeitsgruppe um die künftig sinnvolle und machbare Gottesdienststruktur: Auch hier sei „gegenseitiges aufeinander Rücksichtnehmen gefragt“, sagt der Pfarrer. Als er vor eineinhalb Jahren nach Göppingen kam, sei ihm schon klar gewesen, dass er den Umstrukturierungsprozess, der andernorts schon weiter fortgeschritten ist, in Göppingen in die Hand nehmen muss, sagt Pappelau. Am Ende wird der Gesamtkirchengemeinderat die Entscheidung fällen. Der Prozess werde nicht übers Knie gebrochen, solle aber auch nicht ewig dauern. Zwei Jahre nennt Pappelau als realistischen Zeithorizont.

Wie haben Sie es mit der Religion? Vielen Menschen scheint die Frage nichts mehr zu bedeuten. Ein Trugschluss? Ein Gespräch über die Glaubwürdigkeit und über Chancen, die Religion bietet.

Der angefangene Mitbestimmungsprozess reicht nicht allen Mitgliedern, räumt Jörg-Michael Wienecke ein, der in der der Gemeinde St. Josef der zweite stellvertretende Kirchengemeinderatsvorsitzende ist. „Es herrscht Unzufriedenheit, wie die Diözese den Prozess steuert.“ Viele Mitglieder hätten den Eindruck, dass der Rahmen dafür sehr eng ist. Motto: „Ist doch alles schon entschieden“.

Die meisten Gemeindemitglieder sehen Notwendigkeit eines Strukturwandels

Trotz dieser Kritik und dem emotionalen Festhalten an vertrauten Verhältnissen sehe wohl fast jedes Gemeindemitglied die Notwendigkeit des Strukturwandels ein, sagt Wienecke, der ihn ganz persönlich für „zwingend und unumstößlich hält.“ Natürlich gebe unter den praktizierenden Katholiken in der Stadt „ein ganzes Spektrum an Meinungen dazu“, welche Konsequenzen daraus gezogen werden müssen. Er sagt aber: „Wir wollen die Kirche nicht kaputt machen, sondern uns vorbereiten und uns nicht überraschen lassen“. Es gehe darum offen die Lage zu erkennen und nicht zu warten, „bis es in drei oder vier Jahren knallhart durchgepeitscht wird“.

So sieht das auch Rainer Häfele, Kirchengemeinderatsvorsitzender von St. Maria. Er glaubt, die Gemeindemitglieder gingen sehr offen in den Prozess. Er spürt nach eigener Aussage auch in seiner zentral gelegenen Gemeinde eine gewisse Zuversicht, dass nicht allzu viel aufgegeben werden muss. Häfele räumt aber ein, dass in eher am Rand gelegene Seelsorgeeinheiten die Ängste größer sein könnten, nicht mehr bedient zu werden.

Derzeit noch drei Seelsorgeinheiten

Rückgang Derzeit gibt’s in acht Göppinger Kirchengemeinden etwa 16 000 Katholiken. Damit hat die Kirche hier seit der Jahrtausendwende ein Fünftel der Mitglieder eingebüßt.

Seelsorgeeinheiten In einem früheren Prozess der Zusammenarbeit wurden die Göppinger Gemeinden bereits zu drei Seelsorgeeinheiten zusammengefasst. Das sind „St.Maria und Christkönig“, „Lebendiges Wasser“ mit Faurndau, Jebenhauen, Bezgenriet und Hattenhofen, sowie „Profectio 2022“ mit St. Josef, St. Paul und Heilig Geist Ursenwang.