Hysterikon – Allein schon der Titel lässt befürchten, dass es schrill werden wird, laut und hektisch, was die Göppinger Theater-Gruppe dacapo unter der Regie von Ralf Rummel am Samstagabend erstmals vorstellt. Als gäbe es nicht schon genug Lärm um alles und nichts.

Völlig überdrehte Frauen

Ausverkauft. Das kommt im E-Werk nicht oft vor. Eine angenehm kribbelnde Aufregung ist zu spüren: Lampenfieber gemischt mit gespanntem Interesse. Das Publikum ist jung und alt und alles dazwischen. Zwei völlig überdrehte, clowneske Frauen ergänzen als Kassiererinnen das schlichte Bühnenbild des angedeuteten Supermarktes mit bunten Gefäßen in Regalen. Swingend geben sie die Einführung ins Stück, erklären die Regeln und durchbrechen dabei die vierte Wand der Bühne zum Publikum hin. Katja John und Regina Gentsch nehmen als grenzenlose Kassiererinnen im Supermarkt des Lebens die Distanz weg, sprechen Einzelne an – glücklicherweise ohne zum meist sehr peinlichen Mitmachen aufzufordern.

Überhaupt kommt da etwas in Fahrt, das so ganz anders ist als das Befürchtete. Gut, die mit klugem Witz arbeitende Grimme-Preisträgerin Ingrid Lausund schrieb das Buch, aber die Umsetzung macht das Theater. Es geht um Träume, Enttäuschung, Liebe, Hoffnung, Sex, Geld, Macht, Angst – es geht um das ganz normale Leben, um Menschen. Hier, jetzt, überall. Jede und jeder im Publikum ist Expertin, jede führt Regie, jeder spielt die eine und andere Rolle. Nicht einfach also für die Schauspielenden, hier etwas zu gestalten, das nicht gähnend banal ist.

Die Leute von dacapo schaffen es. Sie schaffen es, abgesehen von wenigen Schwächen, sogar ganz hervorragend. Hin und wieder gar sensationell. Wenn Margarete Kienzle zwischen Joghurts in einem Sog aus Verzweiflung untergeht; wenn Barbara Rummel als wahnsinnig guter Mensch Grenzen bombardiert; wenn Katja Schmitt sich an sich selbst klammert, um nicht ins Bodenlose zu stürzen; wenn Sarah Koschitzki bezaubernd hinterhältig strippt, um wen auch immer zu retten, und Oliver Beutel ganz süß ganz furchtbar gemein ist; wenn Ralf Dörings Seele an käuflichen Heiligenbildchen zerschellt und Frank Möbius von seinem Chef und seiner lärmenden Jacke irrsinnig gequält wird; wenn Monika Zylla so tief traurig sexy sein will, um nicht zu erfrieren, und Anika Wacher eiskalt ihre Verletzungen wegkalkuliert; wenn Sebastian Langenhagen sich an seine Gier verliert, Gerlinde Arand von ihrer eigenen Abwesenheit erdrückt wird und Klaus Wolfframm sein Leben als Verwechslung bedauert – dann bleibt bei vielen im Publikum das Lachen über das scheinbar Absurde im Hals stecken. Oder im schreckenden Erkennen des Alltäglichen. Bravo dacapo!