Göppingen / Von Susann Schönfelder  Uhr

Wenn Angeline Fischer erzählt, fragt man sich: Wann hat diese quirlige Frau eigentlich Zeit zu schlafen? Stillstand, Momente der Muße, scheint die 47-jährige Göppingerin nicht zu kennen. Die gebürtige Kanadierin ist ständig auf Achse, arbeitet als Moderatorin beim Göppinger Lokalsender Radio Fips, lehrt am Standort Göppingen der Hochschule Esslingen, ist Sprecherin des städtischen Integrationsausschusses, engagiert sich im Café Asyl und im interkulturellen Frauenrat, spielt Tennis, liebt Jazz, ist verheiratet und Mutter eines elfjährigen Sohnes.

Durchatmen. Die Frau legt ein Tempo vor. Sie ist definitiv eine starke Frau, auch wenn sie sich selbst nicht so sieht. Eher als Macherin. Das ist offenbar eine Grundeinstellung dieser Frauen, die täglich beinahe Unglaubliches leisten.

Angeline Fischer lebt seit ungefähr 20 Jahren in Deutschland, seit zehn in Göppingen. Die Liebe war es, die die Kanadierin nach Europa verschlagen hat. Damals hat sie Austauschprogramme in einer internationalen Studenten-Organisation auf die Beine gestellt. „Dort habe ich meinen Mann kennen gelernt. Er ist Göppinger.“ Der Start war nicht einfach: „Ich konnte kein Deutsch“, blickt sie zurück, „aber ich wollte die Kultur meines Mannes kennen lernen“. Angeline Fischer studierte Volkswirtschafts- und Betriebswirtschaftslehre und konnte zunächst nur begrenzte Zeit mit einem Arbeitsvisum in Deutschland arbeiten. Immer wieder musste sie zurück in die alte Heimat, bekam wieder einen neuen Vertrag. Sie arbeitete an der Uni in Ulm, im Controlling und bei einer Wirtschaftsprüfungsgesellschaft.

Das Paar lebte einige Jahre in Esslingen. In dieser Zeit wurde Angeline Fischer auch schwanger, ihr Sohn kam aber in Kanada zur Welt. Etwa ein Jahr lebte sie mit ihrem Mann in ihrer alten Heimat – „eine Chance für mich, Zeit mit meiner Familie zu verbringen“. Doch dieses Intermezzo war nicht von Dauer: „Mein Mann hat dann wieder ein Angebot in Göppingen bekommen, also bin ich notgedrungen mit“, erzählt die Frau mit den dunklen Haaren, jetzt etwas leiser und nachdenklicher. Sie macht kein Hehl daraus, dass anfangs alles schwer war: in einer völlig fremden Welt mit einem Baby und der Unsicherheit, wie es für die gut ausgebildete junge Frau beruflich weitergehen wird.

Aber Angeline Fischer, der Unerschütterlichen, fällt immer etwas ein: „Ich habe dann gleich angefangen zu arbeiten und Englischkurse für Kinder gegeben“, erzählt sie im Studio bei Radio Fips, unten im Keller, bei einer Tasse Tee. Als einjährige Übergangslösung folgte Englisch-Unterricht an der Waldorfschule in Faurndau, später auch die Selbstständigkeit: Sie bot und bietet bis heute Business English für Unternehmen an. Seit mehr als sechs Jahren lehrt sie zudem an der Hochschule Esslingen VWL, BWL, Business English und Interkulturelle Kompetenz.

Ihren Job bei Radio Fips im Kreismedienzentrum macht Angeline Fischer rein ehrenamtlich. „Das ist ein wirklich großes Ehrenamt“, sagt sie schmunzelnd. Beim Stadtfest im Jahr 2010 sei sie auf den lokalen Sender aufmerksam geworden und gleich Feuer und Flamme gewesen. „Ein bisschen kannte ich mich aus, weil ich früher Geräusche für Filme gemacht habe“, erklärt sie. Ein damaliger Freund, der in der Filmbranche arbeitete, habe ihr diese Tür geöffnet.

„Ich hatte gleich die Idee, ein interkulturelles Radioprogramm zu machen“, erzählt sie mit Begeisterung. Doch davor stand ein Jahr, in dem sie das Handwerkszeug des Radiomachens lernte und viele Reportagen machte. Selbstverständlich sei diese Chance nicht gewesen, betont sie, schließlich sei ihr Akzent nicht zu überhören.

Ein Traum wird wahr

2011 konnte sie ihren Traum dann wahrmachen: Mit „English Breakfast“ startete sie ein interkulturelles Morgenmagazin, eine Sendung für interkulturell und international interessierte Hörer in Göppingen und Umgebung. Einmal die Woche, immer mittwochs von 10 bis 11 Uhr (Wiederholung Samstag von 11 bis 12 Uhr), stellt Angeline Fischer ihre Studiogäste vor und plaudert mit ihnen in englischer Sprache über lokale Geschehnisse mit Menschen, die Erfahrungen aus aller Welt mitbringen. „Das Ziel der Sendung ist es, Vorbilder zu zeigen und andere zu animieren, sich ehrenamtlich zu engagieren.“

„Ich habe die Internationalität gesucht und gefunden“, sagt die Wahl-Göppingerin und strahlt eine Glücklichkeit aus, die ansteckt. „Das Ziel ist, dass Menschen eine Chance und eine Stimme haben. Ich sehe Vielfalt als Reichtum“, sagt sie. Dafür trete sie auch als Sprecherin des Integrationsausschusses ein: „Ich möchte alle Migranten repräsentieren.“ Genauso möchte sie im interkulturellen Frauenrat der Stadt nach den Bedürfnissen von Frauen schauen.

Mit „New Colours“ schließlich haben Radio Fips und Angeline Fischer im Januar 2017 einen Weg eingeschlagen, der nachahmenswert ist: Die Sendung ist ein Integrationsprojekt, in der Flüchtlinge selbst zum Mikrofon greifen und die Themen wählen: „Sie erzählen von ihrem Leben, ihrer Fluchterfahrung, ihren Wünschen, ihrer Sehnsucht nach Frieden. Das sind schöne Botschaften“, sagt Fischer. Die Flüchtlinge erreichen Menschen in ihrer Heimat via Webradio. Gleichzeitig gibt es Informationen und Tipps für Neuankömmlinge im Landkreis Göppingen. „Das ist quasi ein Angebot für Flüchtlinge und eine Sendung“, erklärt die Moderatorin. Einmal die Woche, jeden Freitag, treffen sich die Mitwirkenden mit dem Redaktionsteam, die Erstausstrahlung der neuen Sendung ist dann jeweils am ersten Sonntag eines Monats von 16 bis 17 Uhr.

Die Sendung sei „eine Herausforderung“, räumt die Radiomacherin ein, weil eben viele dieser Flüchtlinge Schlimmes  erlebt haben. „Aber sie sind sehr motiviert. Und ich versuche, diesen Leuten Mut zu machen, auch wenn sie noch nicht arbeiten.“

Wie schafft sie es nur, diese ganzen Dinge unter einen Hut zu bringen, stets für andere da zu sein? Es sei manchmal schon nicht so einfach, sagt die 47-Jährige. Aber am meisten wurmt sie, wenn sie gegen Widerstände anrennen müsse und „Politiker nicht verstehen, dass wir bunt sind“. Trotz mancher Enttäuschung: Aufgeben gilt bei Angeline Fischer nicht. Ihr Leitsatz: „Man braucht Hoffnung und Kommunikation.“ Ein weiterer Schlüssel zum Erfolg lautet bei ihr: „Kultur und Kunst. So bekommt man unterschiedliche Kulturen zusammen.“

Liebe zu Kunst und Kultur

Kunst und Kultur – das ist auch ein privates Steckenpferd dieser starken Frau, die keine Ruhe kennt. Sie liebt Jazz und geht hin und wieder zu einer Buchvorstellung, wenn sie die Zeit dazu findet. Mit ihrem Mann und ihrem Sohn spielt sie Tennis. „ich genieße die freie Zeit mit meiner Familie“. Und wie sieht es mit der Sehnsucht nach ihrer Heimat Kanada aus? „Alle zwei, drei Jahre fliege ich dorthin“, sagt die vielbeschäftigte Frau. Die Kosmopolitin, die gedanklich überall zu Hause ist, hat ihren Lebensmittelpunkt in der Hohenstaufenstadt gefunden: „Ich fühle mich als Göppingerin. Ich lebe mich hier voll aus.“

Porträtreihe über starke Frauen im Landkreis

Jubiläum In diesem Jahr feiert der Landkreis ­Göppingen seinen 80. ­Geburtstag, zudem wird das Frauenwahlrecht 100 Jahre alt. Die NWZ ­veröffentlicht aus diesem Anlass die Porträtreihe „Starke Frauen“, die im Landkreis als „Heldinnen des Alltags“ oft im Verborgenen Großartiges leisten. Ob die Pflege von Angehörigen, herausragende Leistungen als Unternehmerin, Künstlerin, Politikerin und Sportlerin oder unermüdliches Engagement im ­Ehrenamt – die Serie soll Frauen und ihre Arbeit zeigen.
Bisher wurden in dieser NWZ-Serie Ilse Birzele,
Barbara Küpper, Susanne Weißkopf, Caroline Märklin, Lena Urbaniak und Claudia A. Schlürmann vorgestellt.

Kooperation Die Serie erscheint in Zusammenarbeit mit der Gleichstellungsbeauftragten des Landkreises Göppingen, Lidwine Reustle, dem Kreisfrauenrat und der GZ. Die Frauen-Porträts erscheinen in loser Folge das ganze Jahr über.