Nach dem abrupten Ende der Skisaison in Ischgl und anderen Alpenorten hat sich herausgestellt, dass viele Menschen das Coronavirus unfreiwillig als Tiroler Urlaubssouvenir im Gepäck hatten. Gerade in der Region Ulm, auf der Ostalb und im Kreis Göppingen soll es zahlreiche Betroffene geben. Inzwischen ist klar, dass in Ischgl das Corona-Risiko unter den Tisch gekehrt wurde, um den Skibetrieb so lang wie möglich am Laufen zu halten.

Göppingen/Geislingen

Verdächtige Corona-SMS von ÖVP-Mann Franz Hörl

Wellen schlägt insbesondere ein mögliches Fehlverhalten der Tiroler Behörden, wobei auch die Rede von einem undurchdringlichen Filz zwischen Politik und Hoteliers die Rede ist. „Wenn eine Kamera den Betrieb sieht, stehen wir da wie ein Hottentotten-Staat“, zitieren österreichische Medien eine SMS des Tiroler ÖVP-Abgeordneten Franz Hörl an den Betreiber der Après-Ski-Bar Kitzloch, die mittlerweile als Corona-Brutstätte verrufen ist. Laut den Berichten sollte auf diesem Weg offenbar diskret auf eine freiwillige Schließung hingewirkt werden, um nicht die ganze Branche zu kompromittieren. Gleichzeitig sollen im Ort Corona-Verdachtsfälle beim Personal unterschlagen worden sein.

Hörl, der auch als Seilbahn-Lobbyist gilt, hat die Existenz der SMS eingeräumt, sagt jedoch, er habe dem Wirt nur gut zureden wollen und bestreitet jegliche böse Absicht.

90 Prozent der Corona-Beschwerden aus Ischgl und dem Paznauntal

Ein österreichischer Verbraucherschützer hat laut dpa nach eigenen Angaben inzwischen 400 Zuschriften von Menschen gesammelt, die glauben, sich in Tirol mit Sars-CoV-2 infiziert zu haben. „Den Schwerpunkt bilden derzeit deutsche Urlauber mit 356 Meldungen. Bislang betreffen rund 90 Prozent der Meldungen Ischgl und das Paznauntal“ teilte Peter Kolba vom Verbraucherschutzverein VSV am Freitag mit. Die Zuschriften sammelt er seit Mittwoch.

Anzeige wegen Corona auch gegen Landeshauptmann Günther Platter

Kolba hatte Anfang der Woche zunächst Tirols Landeschef Günther Platter, Landesräte, Bürgermeister und Seilbahngesellschaften bei der Staatsanwaltschaft angezeigt. Diese teilte aber mit, dass sie auf der Grundlage von gesammelten Medienberichten keine Ermittlungen einleiten werde. Daher wolle er nun Zeugen und die Schilderungen von Betroffenen anbieten, „die den Verdacht, dass aus kommerziellen Gründen die Schließung der Ski-Gebiete verzögert wurde, verstärken“, erklärte Kolba.

Scharfe Corona-Kritik an der Gemeinde Ischgl und dem Land Tirol

Tirol wird seit Tagen dafür kritisiert, im Kampf gegen das Coronavirus den Skibetrieb nicht schnell genug eingestellt zu haben. Vor allem Ischgl rückte in den Fokus, weil dort ein Barkeeper einer beliebten Après-Ski-Bar Anfang März positiv auf das Virus getestet wurde und zuvor zahlreiche Gäste angesteckt haben könnte. Inzwischen ermittelt die Staatsanwaltschaft zum Verdacht, dass der positive Coronavirus-Test einer Mitarbeiterin eines weiteren Ischgler Gastronomiebetriebes Ende Februar nicht den Behörden gemeldet wurde.

Geislingen/Albershausen