Beim Thema Bahn gehen im Kreis die Emotionen hoch. Heute, wie vor 40 Jahren, als Nebenstrecken geschlossen wurden. Die damalige Debatte stellt Fragen, die auch heute noch relevant sind.

„Seit vierzig Jahren fahren keine Personenzüge mehr auf den kleinen Nebenstrecken Süßen-Donzdorf und Geislingen-Deggingen“, macht Bernd Boerboom aus Eislingen auf ein historisches Datum aufmerksam, das vor 40 Jahren die Wellen hochschlagen ließ. Eisenbahnfreunde erinnern immer wieder an solche Ereignisse und kämpfen dafür, Strecken zu erhalten. Bernd Boerboom war nicht nur bei vielen letzten Fahrten auf inzwischen geschlossenen Strecken dabei, er hat auch Dokumente bewahrt und sich engagiert.

Aufwühlende Ereignisse vor 40 Jahren

Wie aufwühlend diese Ereignisse zum Zeitpunkt des Geschehens waren, zeigen alte Zeitungsberichte. Vom „offiziellen Todestag“ des „Lautertalexpress“ und dem erst kurz davor mitgeteilten „Todesurteil“ sprach der Berichterstatter der NWZ am 31. Mai 1980 anlässlich der letzten Fahrt zwischen Süßen und Donzdorf. Der Betrieb der bis dahin vor allem bei Pendlern beliebten Strecke war durch die Zunahme des Individualverkehrs unrentabel geworden. Eine Diesellok verbrauchte viel mehr Kraftstoff als ein Bus auf derselben Route. Dafür mussten die Pendler nach dem Aus tiefer in die Tasche greifen. Sechs Mark mehr koste die Fahrt von Donzdorf nach Stuttgart, beklagt sich ein verärgerter Bürger.
Bahnfreunde standen mit Kameras und Tonbandgeräten am Bahnhof, um das Ereignis festzuhalten. Anders die Bahnoberen, wie ebenfalls im Bericht zu lesen ist: „Im Gegensatz zu Streckeneröffnungen läßt sich bei Streckenstillegungen von den höheren Chargen des Bahnunternehmens übrigens niemand blicken.“

Gescheiterte Privatisierung

Donzdorfs Bürgermeister Albrecht Iffländer strebte damals an, eine Privatbahn für die Strecke zu interessieren. Ein Jahrzehnt später, als auch der Güterverkehr beendet wurde, war davon keine Rede mehr. Inzwischen ist die Bahnstrecke ein Radweg. Ebenfalls zum 1. Juni 1980 wurde die Tälesbahn zwischen Geislingen und Deggingen stillgelegt. Der Güterverkehr wurde später beendet.
Welche Dimension die Frage hatte, lässt sich auch an dem Umstand erkennen, dass sich am 4. April 1978 alle Abgeordneten des Kreises parteiübergreifend im Stuttgarter Regierungspräsidium sechs Stunden zusammen mit dem Landtagspräsidenten Erich Ganzenmüller (CDU) gegenüber der DB für den Erhalt der Strecken stark gemacht hatten: Georg Gallus (FDP), Heinz Rapp (SPD), Manfred Wörner (CDU), Frieder Birzele (SPD), Fritz Frey (CDU) und Anton Ilg (CDU). Neben dem Lautertal und dem Täle ging es im Gespräch mit Vertretern der Bundesbahn auch um die Verbindungen Göppingen – Boll und Göppingen – Gmünd. Gegenüber der NWZ befürchtete der Landtagsabgeordnete Fritz Frey unmittelbar nach dem Gespräch, dass „das ganze Palaver für die Katz“ gewesen sei. Am 1. Februar 1980 wandten sich die Bundestagsabgeordneten an Bundesverkehrsminister Kurt Gscheidle (SPD) und baten, der Stilllegung die Zustimmung zu verweigern.

Reaktivierung scheitert

Noch am 9. November 1979 hatte sich der Bahngewerkschafter Fritz Raff zuversichtlich gezeigt, die Strecken nach Boll und Gmünd erhalten zu können, während er für die Strecken ins Lautertal und Täle keine Hoffnung sah: „Wenn auf einer Strecke gar nichts mehr geht, kann man sich auch nicht länger dafür einsetzen“.

In den 1990er Jahren gab es Überlegungen zur Reaktivierung des Personenverkehrs auf der Strecke. „Keine Chance“ lautete das Urteil der Ingenieur-Gesellschaft Stuttgart, vermeldete die NWZ am 22. April 1993. Als Alternative wurde der Bus empfohlen. 1000 Fahrgästen wären Kosten in Höhe von 1,1 Millionen Mark gegenübergestanden, berechneten die Fachleute.

Endgültig letzte Fahrt 1989

Am 22. Dezember 1989 fuhr das letzte Mal ein Güterzug in den Donzdorfer Teilort Grünbach. An Bord waren Donzdorfs Bürgermeister Albrecht Iffländer sowie der Göppinger Bahnhofsvorsteher Wolfgang Dorsch. Rangierlokführer Franz Budig fuhr mit der Köf-Kleinlok 332 232. Nach Grünbach war der Verkehr stark rückläufig gewesen. Von 120 Wagen, die 1988 vorwiegend zur Firma Bellino rollten, waren 1989 gerade noch elf übrig geblieben. Hinzu kam, dass die Züge aufgrund des Streckenzustandes teilweise nur mit zehn Kilometern in der Stunde fahren konnten. Die Güterzüge nach Donzdorf wurden Anfang der neunziger Jahre ebenfalls eingestellt.

Göppingen

Anfangs Sonderzüge zur Fasnet


Die Lautertalbahn war als 10,4 Kilometer lange Nebenbahn am 7. Dezember 1901 eröffnet worden. Seit 31. Mai 1969 fuhren keine Personenzüge mehr nach Weißenstein, elf Jahre später kam das Aus für den Personenverkehr nach Donzdorf. Seither gab es noch Sonderzüge zur Donzdorfer Fasnet. Güterverkehr bis Weißenstein gab es bis zum 27. September 1981.

Der Eisenbahnfan Bernd Boerboom (58) hat ungeheures Wissen über Geschichte und Daten der Bahn und ihrer Strecken im Kreis. Seine Sammlung an Dokumenten und Bildern hat der Eislinger an ein Museum übergeben, um der Nachwelt diesen Teil der Geschichte des Kreises zu erhalten. rai