Geislingen Geschäfte können überleben

Referent Andreas Haderlein findet es elementar wichtig, in ein umfassendes Veränderungsmanagement zu investieren und nicht allein in Technologie.
Referent Andreas Haderlein findet es elementar wichtig, in ein umfassendes Veränderungsmanagement zu investieren und nicht allein in Technologie. © Foto: HfWU
Geislingen / SWP 16.04.2018
Der Online-Handel und große Einkaufsstädte erschweren den Alltag der Händler – auch in Geislingen. Welche Strategien es gibt:

Kommunale Online-Plattformen werden ein immer wichtigeres Thema, lautet eine Erkenntnis des „Handelstags“ an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt (HfWU) in Nürtingen. Die Fachtagung, die die Hochschule zusammen mit dem Handelsverband Baden-Württemberg (HBW) organisiert, nahm die jetzt anstehende Herausforderung in den Blick.

Die Anziehungskraft der großen Städte und die steigende Zahl der Online-Käufe machen dem Handel in kleinen und mittleren Städten zu schaffen. Das gilt auch für Geislingen und Göppingen. Um dieser Entwicklung zu begegnen, lautet seit einigen Jahren das Zauberwort „Kommunale Online-Plattform“. Aber allein mit flugs installierter Technologie werden verwaiste Fußgängerzonen nicht bevölkert werden, da waren sich die Referenten beim vierten Handelstag von HfWU und HBW einig. „Es menschelt“, bringt es HBW-Präsident Hermann Hutter auf den Punkt, „wir müssen die Menschen für einen Besuch in der Stadt begeistern“. Der digitale Weg spiele dabei eine wichtige Rolle. Aber, und auch da waren sich die Experten einig, es müssten alle Akteure – Kunden, Bürger, Kommune und Dienstleister – in ganzheitliche Konzepte integriert werden.

Deutsche sind Vorreiter

Zu der Fachtagung, die vonseiten der HfWU vom Team um Professor Dr. Dirk Funck organisiert wurde, waren rund 100 Teilnehmer von Kommunen, Hochschulen, aus dem Stadtmarketing, dem Handel und zahlreiche Studierende in die Nürtinger Stadthalle gekommen. „Wir sind alle noch im Labor bei diesem Thema, wir müssen gemeinsam lernen“, meinte Hermann Hutter. Gleichzeit sei, darauf verwies der Wirtschaftspublizist und Gründer der Local Commerce Alliance, Andreas Haderlein, Deutschland bei lokalen Online-Plattformen europaweit der Vorreiter.

Haderlein warnte vor einer Abhängigkeit von den großen Internetkonzernen. „Die Hoheit über die digitalen Infrastrukturen muss bei den Kommunen bleiben“, so sein Appell. Es gehe für die Händler nicht vorrangig darum, schnell über das Internet Umsätze zu generieren, sondern darum „Sichtbarkeit zu erzeugen, digitale Aufmerksamkeit in die Städte zu tragen“. Das Internet sei „lokaler denn je“. Eine ganzheitliche, intelligente Integration von Handel, Handwerk, Dienstleistern, Kommunen und Veranstaltern sei die Zukunft. Für elementar wichtig hält Haderlein daher, in ein umfassendes Veränderungsmanagement zu investieren und nicht allein in Technologie.

Beim Thema Online-Handel und -Plattformen steht zwangsläufig die Übermacht der amerikanischen Digitalgiganten mit auf der Agenda. Fakt ist: Ein Viertel bis die Hälfte des Handelswachstums in Deutschland greifen die großen Internetplattformen ab. Sie bieten eine sehr viel größere Angebotsvielfalt als kommunale Einkaufsportale. Zudem haben die großen Konzerne einen enormen technologischen Vorsprung. Auf diese Zusammenhänge wies Prof. Dr. Klaus Gutknecht von der Hochschule München hin.

Er berichtete zudem vom Pilotprojekt „Digitale Einkaufsstadt“ in Coburg, Günzburg und Pfaffenhofen. Die Relevanz von regionalen Internetplattformen sei nach wie vor sehr gering. Auch er wies darauf hin, dass es bei den kommunalen Angeboten um mehr gehe als dem Einzelhandel eine Vertriebsplattform anzubieten. „Oft wird gar nicht geschaut, was die Bürger wirklich von solchen Plattformen erwarten“, ist Gutknecht überzeugt.

Laut einer an seinem Lehrstuhl durchgeführten Studie suchen die Bürger auf kommunalen Onlineplattformen zunächst Informationen über Veranstaltungen, Geschäfte und Dienstleister. Die Information, ob beispielsweise ein gewünschtes Produkt noch am selben Tag geliefert werden kann, ist dagegen kaum bedeutsam. „Städte sind bereit, Millionen in Stein und Mörtel zu investieren“, aber digitale Baumaßnahmen führten immer noch ein stiefmütterliches Dasein. Der Handel werde mit diesen Investitionen oft alleingelassen.

Viele Läden schließen

Dass Handlungsbedarf besteht, unterstrich Karin Wunderlich, Beraterin der Future City Langenfeld und Geschäftsführerin der Future  Retail Init mit dramatischen Zahlen. Im Zeitraum von 2015 bis 2020 würden zehn Prozent der Ladengeschäfte verschwinden, ihr Umsatz um fast 50 Milliarden Euro zurückgehen.

Die Klage vieler Einzelhändler, die Kunden ließen sich im Geschäft beraten und kauften dann online, ließ sie nur bedingt gelten. Bei 80 Prozent der Käufe informierten sich die Kunden zuerst online, kauften dann aber doch vor Ort. Ihr Resümee: „Digital ist kein Selbstzweck“. Sie sieht sogar eine Renaissance des stationären Handels. „Der Kontakt Mensch zu Mensch, Kunde zu Händler bleibt wichtig.“ Einer vielschichtig vernetzenden Technologie komme die Rolle zu, die ganze Stadt wie unter einer unsichtbaren Glasglocke in eine „smart Sphere“ zu verwandeln.

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