Bildung Junge Flüchtlinge lernen Deutsch am Gymnasium

Wer findet Subjekt und Objekt im Satz? Junge Menschen, die erst seit Kurzem in Deutschland leben, lernen in der Vorbereitungsklasse am Geislinger Michelberg-Gymnasium die deutsche Sprache.
Wer findet Subjekt und Objekt im Satz? Junge Menschen, die erst seit Kurzem in Deutschland leben, lernen in der Vorbereitungsklasse am Geislinger Michelberg-Gymnasium die deutsche Sprache. © Foto: Markus Sontheimer
Geislingen / Isabelle Jahn 19.03.2018
In der Vorbereitungsklasse am Michelberg-Gymnasium lernen junge Flüchtlinge und Migranten Deutsch. Einige wechseln bald in eine normale Klasse.

Kein Klassenzimmer, keine Stühle“, erzählt Abeda vom Schulalltag in ihrem Heimatland Afghanistan. Da der Unterricht draußen stattfinde, falle er bei schlechtem Wetter aus, sagt die 13-Jährige. Dabei liebt das Mädchen, das vor einigen Monaten mit seiner Familie nach Deutschland geflüchtet ist, das Lernen. Deshalb geht Abeda gern in die Vorbereitungsklasse (VKL) am Geislinger Michelberg-Gymnasium, die es seit knapp einem halben Jahr gibt.

Mit 15 anderen Schülern im Alter von 13 bis 15 Jahren, die noch nicht lange in Deutschland leben, lernt die junge Afghanin in der VKL vor allem Deutsch, aber auch Englisch. Außerdem sieht das Kultusministerium für dieses Modell auch „Demokratiebildung“ vor, das heißt: Die Jugendlichen lernen zum Beispiel was Wahlen sind, wie Meinungsäußerung funktioniert und welche weiteren Rechte es gibt, erklärt Heiner Sämann. „Alltagspraktisch“ soll der Stoff der vier bis fünf Schulstunden pro Tag sein, betont der Schulleiter.

Manche der neun Mädchen und sieben Jungen sind – zum Teil ohne Begleitung – aus ihrer Heimat geflüchtet; andere sind mit den Eltern nach Geislingen, weil diese hier Arbeit gefunden haben. Die VKL-Schüler haben teils nur wenige Jahre und unregelmäßig die Schule besucht, erklärt Sämann. Andere wiederum haben einen ähnlichen Bildungsstand wie ihre gleichaltrigen deutschen Mitschüler – es fehlen jedoch die Deutschkenntnisse, um gleich am regulären Unterricht teilzunehmen. „Es ist schwierig, allen gerecht zu werden“, sagt Sämann.

Dies ist die Aufgabe von Reiner Uhlenbrok, der die VKL am MiGy – das Modell gibt es auch an anderen Schulen in Geislingen – von Montag bis Freitag unterrichtet. Der 64-Jährige hat lange in der Pharmaindustrie gearbeitet, obwohl er ein Lehramtsstudium abgeschlossen hat. Nach seinem zweiten Staatsexamen im Jahr 1982 habe es keine Stellen gegeben, und so habe er umdisponiert, erzählt Uhlenbrok.

Doch der Lehrer in ihm erwacht, wenn er den 16 Schülern aus aller Welt die deutsche Grammatik näher bringt. Dafür nutzt der Pädagoge auch den Beamer. „Schönen guten Morgen“, singen die Wise Guys in dem Videoclip, der auf der Leinwand zu sehen ist. Den Text des Liedes können die VKL-Schüler schon fast auswendig – „den haben wir gut geübt“, erklärt Uhlenbrok lächelnd.

Es sei eine „riesige Herausforderung“, in den zwei Jahren VKL so viel aufzuholen, dass sich die Chance auf einen Platz am Gymnasium auftut. Die Jugendlichen seien aber motiviert und fleißig, berichtet der Lehrer. Auch die Gemeinschaft in der Klasse lobt der 64-Jährige: „Sie essen gemeinsam und machen zusammen Hausaufgaben.“ Das größte Erfolgserlebnis – für Schüler und Lehrer gleichermaßen – sei der Wechsel in eine reguläre Klasse. „Dort lernen sie noch schneller als hier“, betont Uhlenbrok. Der Pädagoge findet es wichtig, dass die Schüler die Voraussetzungen erfüllen, um auf Dauer am MiGy bleiben zu können. Die Bindungen, die sie zu Mitschülern aufbauen, sollen nicht wieder gelöst werden – „das wäre wieder ein Trauma“, sagt Uhlenbrok im Hinblick auf die zum Teil tragischen Erlebnisse junger Flüchtlinge.

Auch der 14 Jahre alte Nuri, der ohne seine Familie aus dem Irak geflüchtet ist, musste schon vieles durchmachen. Es fällt dem Jungen schwer, sich an den Schulalltag zu gewöhnen: Der 14-Jährige kommt zu spät zum Unterricht oder gar nicht. „Er versteht nicht, dass es hier die Schulpflicht gibt“, sagt Uhlenbrok. In so einem Fall kommt auch der Vertrauenslehrer mit ins Boot. Nuri will eigentlich unbedingt besser Deutsch sprechen können, sagt er, und Schwänzen sei für ihn keine Option: „Ich will zur Schule gehen, zu Hause ist niemand.“

In der Vorbereitungsklasse am MiGy zeigen sich knapp sechs Monate nach dem Start auch Fortschritte: Dora und Laura, beide 15 Jahre alt und aus Kroatien, wechseln bald in eine reguläre Klasse. „Hier wird es uns so langsam langweilig“, sagt Laura lachend und unterhält sich locker auf Deutsch. Ihr Lehrer erinnert sich, dass sie noch vor einem halben Jahr nicht mehr als „Guten Tag“ sagen konnte. Am normalen Biologie- und Englischunterricht nehmen die zwei Kroatinnen bereits teil, bald dann auch an den anderen Fächern. So wünscht sich das Schulleiter Heiner Sämann, der mit der VKL „einen Beitrag zur Integration“ will.

Vorbereitung auf den regulären Unterricht

In VKL-Klassen (Vorbereitungsklassen der allgemein bildenden Schulen) werden ausländische Schüler sprachlich gefördert und darauf vorbereitet, in eine reguläre Klasse zu wechseln. Für Schüler ab 16 Jahren sind VABO-Klassen (Vorqualifizierung Arbeit und Beruf ohne Deutschkenntnisse der beruflichen Schulen) vorgesehen. Das Modell des Kultusministeriums ist vorgesehen für junge Flüchtlinge und Migranten, die kein oder kaum Deutsch sprechen. Die VKL ist auf zwei Jahre ausgelegt, nach denen die Schüler spätestens am regulären Unterricht teilnehmen sollen.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel