Simon Wottons Erfindung passt in die Hosentasche. Die i4.0-Box ähnelt vom Aussehen ein wenig einer externen Festplatte. Die „Kiste“, wie Wotton sie mit liebevollem Stolz nennt, kann aber deutlich mehr als Daten speichern. Sie bringt beispielsweise Maschinen dazu, miteinander zu kommunizieren – auch wenn sie unterschiedliche Sprachen sprechen. Wenn ihr Entwickler davon erzählt, dann leuchten seine Augen.

Die i4.0-Box ist eine gemeinsame Entwicklung des 40-jährigen Geislingers und Halb-Briten mit dem Softwareentwickler Reiner Rusnak. Dieser ist Geschäftsführer der „embedded wireless GmbH“, einem Entwickler mobiler Kommunikationslösungen mit Sitz in Ulm.

Die begeisterten Hobbymusiker lernten sich privat beim Jammen in einem Degginger Probenraum kennen, kamen ins Gespräch und irgendwann auf die Idee, ihre eigene Lösung für ein recht häufig auftretendes Problem umzusetzen: Die Schwierigkeit, Werkzeugmaschinen (Wotton: „Im Grunde ist das ja auch ein Computer, den man programmieren kann.“) an Netzwerke anzubinden.

Eines der größten Probleme: Haben die Maschinen zehn, 15 Jahre auf dem Buckel, ist ihr Betriebssystem veraltet, erklärt Wotton. Aus Kostengründen tausche man die ansonsten tadellos funktionierenden Maschinen natürlich nicht aus. Es seien aber keine Updates möglich – und so werde die Maschine zum Sicherheitsrisiko mit zusätzlichen Kompatibilitätsproblemen.

An diesem Punkt setzt die i4.0-Box an: Der kleine Computer mit Linux-Betriebsystem und OpenWrt (Freeware, die es ermöglicht, Software-Bausteine herunterzuladen) wird zwischen Maschine und Firmennetzwerk geschaltet – und ermöglicht so unter anderem nicht nur Updates, sondern auch Schutz per Firewall oder, Infos über die Maschine und ihre Produktivität auszulesen.

Weitere Ergänzungen wie ein Schlitz für eine SIM-Karte ermöglichen per Internet externen Zugriff für Servicetechniker. Per Schnittstelle können auch Protokolle aufgeladen werden – und die Maschine fängt an, in genormter Form „zu sprechen“: „Mit der entsprechenden Schnittstelle erhält der Mitarbeiter beispielsweise am Wochenende eine Fehlermeldung per Handy“, erläutert Wotton. „Dann kann man gleich reagieren, statt erst am Montag im Betrieb festzustellen, dass die Maschine zwei Tage lang stillstand.“

Wotton weiß um die Probleme, weil er viele Jahre als Anwendungstechniker arbeitete, also unter anderem dafür zuständig war, in Betrieben Programmierprobleme von Werkzeugmaschinen zu lösen. Zehn Jahre lang arbeitete er beim CNC-Hersteller Mazak in Göppingen, zuletzt im Engineering. Dazu kommt: Er kennt sich mit den Maschinen selbst aus, denn er hat nach dem Abschluss an der Geislinger Schubart-Realschule eine Ausbildung zum Industriemechaniker bei Heidelberger in Amstetten absolviert. „Das ist mein Riesenvorteil: Ich verstehe so eine Maschine vom Werkerstandpunkt und vom IT-Standpunkt aus – ich kann eine Brücke zwischen beiden Welten schlagen. Und darum geht es meiner Ansicht nach bei Industrie 4.0.“

Mit der i4.0-Box hat sich Wotton nach zweijähriger Entwicklungszeit im Frühjahr 2018 selbstständig gemacht – aus organisatorischen Gründen ohne Rusnak, aber in gegenseitigem Einverständnis; Rusnak bleibt er als Kunde erhalten. Der Name i4.0 – für die Box genau so wie für Wottons Firma – bezieht sich übrigens auf sein Alter.

Sich selbständig zu machen, sei ihm lange wie ein unbezwingbarer Berg erschienen, erzählt Wotton. Familie und Freunde hätten ihm aber gut zugeredet, und nach dem Besuch zweier IHK-Seminare habe er es gewagt. Gernot Imgart, der stellvertretende Geschäftsführer der IHK-Bezirkskammer Göppingen, habe ihn enorm unterstützt, sagt Wotton: „Ich bin ihm sehr dankbar, dass er damals gesagt hat: ‚Sie machen das jetzt’.“

Imgart animierte ihn ebenso dazu, sich als Scout des Netzwerks „Allianz Industrie 4.0 Baden-Württemberg“ zu bewerben. Wotton schaffte es in die Experten-Riege und steht seit dem Sommer als zertifizierter Scout Unternehmen beratend zur Seite, die sich zwar in die digitale Welt aufmachen wollen, aber noch nicht so richtig wissen wie. „Das ist eine tolle Sache, um einen ersten zündenden Funken zu geben.“ Dass er Teil des Scout-Teams sein dürfe, ehre ihn: „Ich habe angefangen als derjenige, der in der Produktion steht und Späne zusammenfegt. Und jetzt fachsimple ich mit IT-Spezialisten.“

Wotton möchte als nächstes eine GmbH gründen, „aber dafür braucht es Geld“, sagt er. Nach knapp einem Jahr der Selbständigkeit zeigt er sich aber bereits zufrieden: „Ich habe einige Aufträge und Anfragen. Ich habe ein gutes Gefühl.“

Sich und sein Produkt bekannt zu machen, ist wichtig für ihn. Gelegenheit dazu bietet sich morgen auf dem „Start-up Summit 2019“ in Stuttgart. Wieder war es Imgart, der Wotton empfahl, sich dort als Gründer zu bewerben. Er erhielt den Zuschlag und kann sich dort den Tag über kostenlos an einem eigenen Stand vorstellen. „Das ist natürlich eine Riesenchance für mich“, sagt er. „Ich freue mich auf den Tag und darauf, möglichst viele Kontakte zu knüpfen.“

Industrie 4.0 und der Weg dorthin


Der Begriff Industrie 4.0 bezeichnet die intelligente Vernetzung von Maschinen und Abläufen in der Industrie mit Hilfe von Informations- und Kommunikationstechnologie.

Die Scouts der
„Allianz Industrie 4.0 Baden-Württemberg“ sind ein vom VDMA (Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau) ­geführtes, vom Fraunhofer Institut entwickeltes und vom Land ­Baden-Württemberg ini­tiiertes und gefördertes Coaching-Programm zum Einstieg von Unternehmen in die Digitalisierung.

Die IHK-Bezirkskammer Göppingen bietet regelmäßig Veranstaltungen und Beratungsangebote zum Thema Digitalisierung für ­Unternehmen an. ­Kontakt: Telefon (07161) 6715-0, per E-Mail: info.gp@stuttgart.ihk.de und auf www.stuttgart.ihk24.de/bezirke/­Bezirkskammer_Goeppingen

Mehr zu Simon ­Wotton, seinem Produkt und seinem Einsatz als Scout im Internet auf www.wotton.de