Kollege Papst, Frau Kardinal“ – so war der Vortrag von Professor Hubert Wolf am Dienstag überschrieben. Eine Veranstaltung der Katholischen Erwachsenenbildung im Dekanat Göppingen/Geislingen, die fast 50 Besucher neugierig machte. Im Lesecafé der Geislinger Stadtbücherei musste nachgestuhlt werden, um allen Interessenten einen Sitzplatz zu verschaffen.

Sie wurden nicht enttäuscht. Hubert Wolf ist nicht nur jemand, der komplizierte Sachverhalte verständlich darstellt, sondern sogar spannend. Der Kirchenhistoriker und Buchautor hat unter anderem in den Archiven des Vatikans recherchiert – und dabei festgestellt: Alles schon mal dagewesen. „Es stimmt einfach nicht, wenn viele aktuelle Forderungen abgeschmettert werden mit der Begründung „es war schon immer so“, sagte er.

Die katholische Kirche sei nie ein monolithischer Block gewesen, betonte der Experte, in der Geschichte gab es zahllose unterschiedliche Modelle. „In den ersten sechs Jahrhunderten musste die Beichte zum Beispiel als öffentliches Bekenntnis abgelegt werden und war nur einmal im Leben möglich“, berichtete er.

Dagegen führten die Iren und Schotten ab dem siebten Jahrhundert die Privatbeichte vor einem Beichtvater ein, die so oft wie notwendig durchgeführt werden durfte. „Und wer vergab die Sünden? Mönche und Nonnen, Äbte und Äbtissinnen, während es im Mittelmeerraum immer nur der geweihte Priester war.“

Erstaunte Ausrufe im Auditorium

Für Hubert Wolf bedeuten „Re-Formen“ nicht unbedingt, etwas Neues zu erfinden, sondern „Formen, die vergessen wurden aus der Tradition heraus neu zu entdecken.“

Zu seinen Thesen gab Hubert Wolf zahlreiche Beispiele, die in seinem Auditorium immer wieder für erstaunte Ausrufe oder Kopfschütteln sorgten. Kirche habe sich im Lauf der Jahrhunderte entwickelt, also auf neue Situationen eingestellt, machte der Referent deutlich.

So verwarf Papst Pius VI. im Jahr 1791 das durch die französische Revolution aufgekommene Gedankengut wie Menschenrechte, Gewissensfreiheit und Religionsfreiheit. 1832 nannte Papst Gregor XVI. die Gewissensfreiheit sogar als „geradezu pesthaften Irrtum“. Und 1864 verdammte Pius IX. Gewissens-, Meinungs-, Presse- und Religionsfreiheit als „Wahnwitz“.

Dagegen heiße es seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil, dass die Religionsfreiheit sowie die Menschenwürde und die Gewissensfreiheit gegeben sei durch die Ebenbildlichkeit Gottes.

Werden heute Bischöfe vom Papst eingesetzt, so wurden sie früher vom Volk frei gewählt. Dazu hatte Papst Leo der Große im fünften Jahrhundert gesagt: „Wer allen vorstehen soll, muss auch von allen gewählt werden.“

Selbst der Papst zählte nicht immer nur als unfehlbares Oberhaupt der Kirche. Wie Hubert Wolf deutlich machte, bildete Kaiser Heinrich III im 11. Jahrhundert ein Kardinalskollegium aus 25 Kardinälen um Papst Clemens II, mit dem sich dieser täglich treffen und Entscheidungen absprechen und beraten musste. „Mit einem solchen Kabinett hätte die Williamson-Affäre im Jahr 2009 nicht passieren können“, ließ der Referent einfließen.

Er thematisierte auch die aktuelle Forderung nach der Priesterweihe von Frauen. Über sieben Jahrhunderte hinweg hätten ab Ende des 12. Jahrhunderts die Äbtissinnen in der Zisterzienser-Abtei Las Huelgas die Macht eines Bischofs gehabt und wurden von benachbarten Bischöfen als „collega“ akzeptiert.

Diese Frauen unterstanden nur dem Papst. „Das Konzil hängt heute alle Vollmachten an die Weihe“, machte er deutlich und überlegte laut: „Aber kann es denn nicht rechtliche Vollmachten geben für nichtgeweihte Männer und Frauen? Und für die Weihe selber gibt es dann die Weihbischöfe – was ja eigentlich auch deren Aufgaben ist?“

Hubert Wolf beendete seine Ausführungen mit den Worten: „Die Geschichte der Kirche kennt viele Alternativmodelle, deshalb bekenne ich mich als Traditionalisten. Die Aussage „Es war schon immer so“ – ist nicht katholisch.“