Geislingen Neue Erkenntnisse über KZ-Außenlager in Geislingen

Geislingen / Von Eva Heer 11.01.2019
In einer Vortragsreihe referiert die Autorin Sybille Eberhardt aus Rechberghausen detaillierte und zuvor unbekannte Erkenntnisse aus ihren Recherchen zum KZ-Außenlager Geislingen.

Sie hat mit überlebenden Zeitzeugen und deren Nachfahren gesprochen, in Archiven in Deutschland und Polen recherchiert, etliche Gerichtsakten  und Gesprächsprotokolle ausgewertet:  Mit ihrer Dokumentation „Als das Boot zur Galeere wurde“  hat die Autorin Sybille Eberhardt aus Rechberghausen im vergangenen Jahr das Ergebnis ihrer dreijährigen Recherche zum KZ-Außenlager in Geislingen veröffentlicht.

Die  Realschullehrerin im Ruhestand hat die Lebenswege von 18 jüdischen Mädchen und Frauen aus dem polnischen Lodz nachgezeichnet, die über die Lager Auschwitz-Birkenau und Bergen-Belsen ins Geislinger KZ-Außenlager deportiert wurden. Der Titel ihres Buches bezieht sich auf den Ort, in dem diese Frauen gelebt haben: Lodz ist das polnische Wort für „Boot“.

In einer dreiteiligen Vortragsreihe in der Geislinger Stadtbücherei wird Sybille Eberhardt diese neuen Erkenntnisse einem breiten Publikum bekanntmachen.

Erster Vortrag: 24. Januar

Zunächst war nur eine Lesung geplant. „Gemeinsam mit Sandra Schneider von der Geislinger Vhs haben wir dann entschieden, doch vertiefender darzustellen, was passiert ist“, erzählt Sybille Eberhardt.  Die drei Teile der Reihe sind thematisch gegliedert: Die erste Veranstaltung am 24. Januar beleuchtet die Zustände im Geislinger Lager. Vor allem zu den Machtverhältnissen und Hie­rarchien innerhalb der Lagerführung, dem Kapo-System und der Ausbildung der SS-Aufseherinnen  haben Sybille Eberhardts Recherchen viele unerwartete und noch unbekannte Erkenntnisse ans Licht gebracht.

Sie erzählen etwa von den Brüchen im Leben dieser Aufseherinnen, meist selbst junge Frauen,  die sich innerhalb kürzester Zeit zu brutalen, skrupellosen Kapos wandelten. Ein Vorgang, der Sybille Eberhardt stark beschäftigt. „Die Frauen hatten dadurch einen finanziellen Nutzen“, erläutert sie. Dennoch ist der Autorin unbegreiflich, wie schnell diese Frauen gefühlsmäßig verrohten und auch später nicht in der Lage waren, ihre Vergehen aufzuarbeiten, sie zuzugeben.

Sybille Eberhardt wird in diesem Vortrag auch darstellen, welcher Druck auf den Zwangsarbeiterinnen lastete: Wurden sie krank oder schwanger, drohte der sofortige Rücktransport nach Auschwitz.

Zweiter Vortrag: 30. Januar

Der Wandel und die Entwicklung der Geislinger WMF zu einem „NS-Musterbetrieb“ sowie die Arbeitsbedingungen der Zwangsarbeiterinnen ist Thema des zweiten Vortrags am 30. Januar. Zunächst noch, Anfang der 30-er Jahre, wegen seiner jüdischen Kundschaft  von den Nazis angefeindet, geriet das Geislinger Unternehmen zunehmend zum Nutznießer der Zwangslage der Juden, wie Sybille Eberhardt schreibt.

Ab 1941 schließlich ist die WMF ein expandierendes Rüstungsunternehmen im Dienste der NS-Regierung – und benötigt dringend Arbeitskräfte. Polnische Jüdinnen aus Lodz wurden nach Geislingen gebracht und trafen dort auf 700 ungarische Jüdinnen, mit denen sie im KZ-Außenlager in der Heidenheimer Straße zusammen lebten. Sybille Eberhardt zeichnet den Arbeitsalltag dieser Frauen nach.

Dritter Vortrag: 21. Februar

Im dritten Teil der Vortragsreihe am 21. Februar möchte Sybille Eberhardt den Zuhörern zeigen, wer diese Frauen eigentlich waren, die in Geislingen für die WMF arbeiten mussten, woher sie kamen und wie ihr Leben vor der Deportation aussah. Sie beleuchtet an diesem Abend die Wohn- und Arbeitsverhältnisse in der multi-ethnischen Stadt Lodz, Formen der religiösen Praxis in Stadt und Umland, den Kriegsausbruch und die deutsche Besatzung.

Für die jüdische Bevölkerung war sie gleichbedeutend mit Entrechtung, Ghettoisierung, Ausbeutung und Vernichtung.

Zeitgleich zur Vortragsreihe werden in der Geislinger Stadtbücherei Künstlerinnen aus der Region Arbeiten zeigen, die in der Auseinandersetzung mit dem Thema entstanden sind.

Info Alle Vorträge beginnen um 19 Uhr in der Geislinger Stadtbücherei.

Zwangsarbeit in Geislingen

Im KZ-Außenlager in der Heidenheimer Straße in Geislingen waren von August 1944 bis April 1945 820 Frauen und Mädchen aus Polen und Ungarn interniert. Sie mussten in der WMF, die für den Krieg produzierte,  Zwangsarbeit leisten.

2015 hat das Ehepaar Schneider aus Gingen im Digital Archiv der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem eine Transportliste gefunden. Viele der Zwangsarbeiterinnen, von denen bis dahin nur Nummern bekannt waren, haben so Namen und Lebensgeschichten bekommen.

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