„Das Auto der Zukunft wird und muss aus Baden-Württemberg kommen“, fordert Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-­Kraut.

„Mir ist fast das I-Pad aus der Hand gefallen“, sagt indes der Geislinger Hochschulprofessor für Automobilwirtschaft, Stefan Reindl – und beschreibt damit seine Reaktion auf den Autogipfel im Juni im Kanzleramt, bei dem keine Entscheidung über eine neue Antriebstechnologie gefallen ist: Im Geislinger Autohaus Schmid hat auf Einladung der CDU eine Runde aus Politik, Wissenschaft und Wirtschaft kürzlich über die Zukunft des Automobils diskutiert.

Kaum einer der etwa 100 Besucher meldet sich bei der Frage, wer bereits ein Elektroauto fährt oder plane, sich im kommenden Jahr eines zu kaufen. Das Käuferverhalten müsse sich allerdings ändern, wolle man die Klimaziele der Bundesregierung einhalten, betont Reindl: 2030 dürften dann die Hälfte der Neuzulassungen keine Autos mit herkömmlichen Verbrennungsmotoren mehr sein, rechnet er vor.

Hoffmeister-Kraut: Baden-Württemberg muss Führung bei neuen Technologien übernehmen

Die Wirtschaftsministerin prophezeit „einen Strukturwandel, wie wir ihn noch nie erlebt haben“. Den anzugehen, sei eines der zentralen Themen ihrer Regierungszeit: „Es gilt, Beschäftigung und Wertschöpfung in Baden-Württemberg zu behalten“, sagt Hoffmeister-Kraut. Um das Ziel zu erreichen, müsse man in den neuen Technologien führend sein. Die Branche solle durch Innovationen überzeugen. Sie fordert deshalb eine Senkung der Unternehmensteuer, damit die Unternehmen mehr in Forschung investieren können. Zudem will sie 100 Millionen Euro vom Bund, um in Baden-Württemberg Brennstoffzellen zu entwickeln.

Eduard Freiheit will Technologieoffenheit

„Wir wollen, dass das Wasserstoffauto bei uns und nicht in Münster gebaut wird“, sagt der Kreisvorsitzende der Mittelstands- und Wirtschaftsvereinigung der CDU, Eduard Freiheit. Er und Hoffmeister-Kraut bedauern die Entscheidung der Bundesregierung, dass Münster statt Ulm den Zuschlag für eine Batterie-Forschungsfabrik erhalten hat: „Wenn die nicht bei uns, sondern woanders gebaut werden, regt uns das auf“, sagt Freiheit. Er plädiert für Technologieoffenheit.

Das klinge zwar sympathisch, aber man könne nicht wie mit der Gießkanne Forschungsgelder verteilen, wirft Professor Reindl ein. Stattdessen müsse man Schwerpunkte setzen: „Politik und Unternehmen haben den Fehler gemacht, sich nicht zu entscheiden, welchen Antrieb sie haben wollen. Das hat uns nun China mit dem batterieelektrischen Antrieb abgenommen.“ Wichtig sei ein klarer Fahrplan, der festlegt, ab welchem Jahr es anstatt den herkömmlichen Antrieben nur noch neue auf dem Markt geben dürfe.

Nicole Razavi: „Diskussion ist hysterisch“

„Die derzeitige Diskussion ist aufgeheizt und hysterisch“, äußert sich die Landtagsabgeordnete Nicole Razavi (CDU). „Wenn wir nur batterieelektrisch denken, sägen wir den Ast ab, auf dem wir sitzen.“ Razavi ist sich sicher: Es braucht Diesel als Übergangstechnologie. Sie weist darauf hin, dass eine zu schnelle Abkehr vom Verbrennungsmotor Arbeitsplätze kosten kann. „Das Auto muss weiter ,Made in Baden-Württemberg’ sein“, erklärt sie.

Hans-Frieder Walz von Daimler gibt zu, dass sein Unternehmen bei der Brennstoffzelle den richtigen Zeitpunkt verpasst hat und womöglich nicht mutig genug gewesen ist, Neues zu wagen. Walz sieht Handlungsbedarf: „Entweder wir werden gewandelt oder wir gestalten den Wandel selbst.“

Christoph Schmid: „Wir müssen vor Ort den VW-Skandal ausbaden.“

Autohaus-Besitzer Christoph Schmid beschwert sich: Er hat den Eindruck, dass das Handwerk vor Ort bei der Politik auf weniger Gehör stößt als große Automobilunternehmen. „Wir vor Ort mussten den VW-Skandal ausbaden“, erzählt Schmid. Dabei seien Betriebe wie seiner „Statthalter der modernen Technologien auf dem Land“. Die Ministerin beteuert, ihr seien Handel und Handwerk wichtig. So initiiere sie eine Lernwerkstatt für die KfZ-Branche, in der Umgang mit neuen Technologien erlernt werden soll. Außerdem unterstütze sie die KfZ-Branche durch eine Digitalisierungsprämie. Die könnten Betriebe mit weniger als 100 Mitarbeitern bekommen. Schmid selbst hat 85 Angestellte.

Den Abschluss der Runde hat dann Symbolcharakter: Die Ministerin bekam als Geschenk ein Modellfahrzeug überreicht, das mit einer Solaranlage Strom produziert und mit einer Brennstoffzelle betrieben wird.

Info: Dieser Artikel erschien im Internet am 6. August, im ePaper und der gedruckten GZ am 3. August.