Die Anspannung ist ihm anzumerken. Für die Schneelandschaft des Mainhardter Waldes hat Peter Braun an diesem sonnigen Wintermorgen kein Auge. Der 58-jährige Kfz-Mechanikermeister aus Fichtenberg leidet an einer seltenen Krankheit, dem Clusterkopfschmerz. Damit sind Schmerzattacken verbunden, „die man seinem ärgsten Feind nicht wünscht“, sagt Braun. Sie ziehen sich über zwei, drei Stunden hin. Acht, neun Jahre habe es gedauert, bis ein Arzt die Diagnose stellen konnte.

Nach einem Herzinfarkt 2011 kamen für Peter Braun die Medikamente für Clusterkopfschmerz-­Patienten nicht mehr infrage. Alternativ kann er medizinischen Sauerstoff inhalieren. Doch der greift auf Dauer die Schleimhäute an, und das ist schlecht für Peter Braun, denn er ist Schlaf­apnoe-Patient und trägt nachts eine Sauerstoffmaske. In einer Schmerzklinik in Kassel lernte er das Gamma-Core-Gerät kennen. Dieses stimuliert einen Gesichtsnerv und lindert die Intensität und Häufigkeit seiner Schmerz­attacken. Brauns Krankenkasse, die AOK Heilbronn-Franken, weigerte sich, die Kosten dafür zu übernehmen. „Es handelt sich um 4000 Euro im Jahr“, konkretisiert sein Anwalt Christoph David Winkler und sagt zu Braun: „Da sind Sie ein Schnäppchen.“

Lebensbedrohliche Situation

Am Mittwochvormittag wurde der Fall Braun am Sozialgericht Heilbronn nicht öffentlich verhandelt. Seine Frau wartet vor dem Sitzungssaal 3, sieht hinter der Milchglasscheibe ihren Mann, im Hintergrund den Vertreter der Krankenkasse. Nach 50 bangen Minuten öffnet sich die Tür des Sitzungssaals. „Ihr Mann hat’s geschafft“, sagt der Anwalt zu Maria Braun. Sie lächelt, umarmt und küsst ihren Peter. Mit dem Spruch von Richter Wieschmann endet für Peter Braun ein jahrelanger Streit. Das Gericht, erklärt Winkler, habe sich auf den Grundsatz berufen, dass einem Patienten geholfen werden muss. „Auch der Richter war der Meinung, dass Herrn Brauns Situation lebensbedrohlich ist und dass ihm deshalb die Behandlung mit Gamma-­Core gewährt werden muss“, erklärt der Anwalt. Deshalb greife im Fall seines Mandanten die Einzelfall­entscheidung. „Ob dieses Gerät auf der Zulassungsliste steht oder nicht, spielt in diesem Fall keine Rolle. Zumal der Patient die Medikamente für Clusterkopfschmerz-Patienten aus medizinischen Gründen nicht nehmen darf.“ Der Medizinische Dienst der Krankenkasse hatte die Kostenübernahme für das Gerät mit der Begründung abgelehnt, Clusterkopfschmerz „führt nicht zum direkten Tod“.

Richtungsweisendes Urteil

Einen Vergleich mit seinem Mandanten habe die Krankenkasse abgelehnt, erklärt Winkler. Damit kann sich nun jeder Patient, dessen Situation der des Fichtenbergers Peter Braun ähnelt, auf dieses Urteil berufen. „Es sei denn“, räumt Anwalt Winkler ein, „die AOK geht in Berufung. Ich denke, dabei wird sie wenig Aussicht auf Erfolg haben.“

Das Ehepaar Braun und der Anwalt aus Walldorf unterhalten sich etliche Minuten im Flur des Sozialgerichts, ehe sie sich voneinander verabschieden. Maria Braun hakt sich bei ihrem Mann unter. Draußen weht ein scharfer Wind. Peter Braun trägt den Rucksack mit der kiloschweren Sauerstoffflasche auf dem Rücken. „Das brauche ich künftig nicht mehr“, sagt er. Mit dem 300 Gramm schweren Gamma-Core-­Gerät in der Hosentasche wird er mobiler sein, wieder am gesellschaftlichen Leben teilhaben können. Brauns Gesichtszüge sind entspannt, seine Frau lächelt. „Wir können’s noch nicht fassen“, sagt sie. Ihr Mann freut sich, „dass mich das Gericht ernst genommen und mich respektvoll behandelt hat“. Donnerstagfrüh checkt er nicht mehr als Erstes seine E-Mails. Für Peter Braun hat mit der Schlappe der AOK vor dem Sozialgericht Heilbronn die unendliche Geschichte ein Ende.

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Info


Wer Interesse an einer Selbsthilfegruppe (Cluster-)Kopfschmerz hat, erreicht Peter Braun unter 07971/ 45 62.