Es erklingen keine Weihnachtslieder an diesem letzten Freitag vor dem Fest im Gaildorf Häberlen, und auch auf den Klassiker schlechthin wird verzichtet: Keiner fingert „As Time Goes By“ aus dem Klavier, das vom Kneipenteam der Kulturschmiede vor die Bühne gerückt wurde, dabei liefert dieser Schlager aus dem Kultfilm „Casablanca“ doch eigentlich das Leitmotiv des Abends. „Pianobar“ hat ihn die Kulturschmiede überschrieben: wer will, darf in die Tasten hauen wie weiland Sam für Ilsa und Rick.

Harmonische Gemeinheiten

Hausmusik also. Und schwer einzuordnen: das Klavier spielt in Kneipen, Clubs und Bars eine ambivalente Rolle. In den „Juke Joints“ etwa, den Kneipen der Schwarzen in den USA, mussten die Pianisten hämmern, um sich gegen den Lärm durchzusetzen; das „Barrelhouse-Piano“, Keimzelle des Boogie Woogie, gilt heute als eigenes Genre.

Auf der extremen Gegenseite wiederum, zwischen Abendkleidern und Smokings, formen gut ausgebildete Virtuosen Leichtverdauliches. Die programmatische Hemmungslosigkeit bei gleichzeitiger Weichspülerei ist hier Prinzip: das Repertoire reicht von Chopin bis Helene Fischer. Wer zuhören möchte, kommt auf seine Kosten, und die anderen stört es nicht. Zum Klavierdienstleister im Kapitalismus gehört übrigens auch zwingend die Erzählung vom Künstler, dem die Finger durchgehen und der daraufhin seinen Job verliert, zuletzt sehr hübsch dargestellt im Hollywood-Musical „La La Land“.

So weit kommt’s im Häberlen natürlich nicht. Vier gestandene Männer, keine Frau, trauen sich ans Piano, mindestens drei davon sind das öffentliche Spielen gewohnt. Axel Spix macht den Anfang, er unterrichtet am Schenk-von-Limpurg-Gymnasium und hat Notenblätter mit Melodien und Akkordsymbolen dabei. Spix schafft sich in einem balladesken Programm durch neun Standards voller verminderter Dominantseptakkorde und was die Jazzharmonik sonst noch für Gemeinheiten bereit hält.

Singender Barkeeper

Danach nimmt Werner Eichele am Klavier Platz, Bluesfestchef und Pianist bei Perpetuum mobile. Bei ihm kommt die linke Hand etwas mehr zur Geltung. Eichele formt Boogiefiguren, Souljazz-Grooves klingen an, und nachdem er die wankenden Stakkati von „Blueberry Hill“ heimgeköchelt hat, setzt sich Burkhard Tischer, an diesem Abend eigentlich Barkeeper, neben das Klavier und singt bei „Sentimental Journey“ mit.

Hernach sitzt dann plötzlich Bernhard Geißler am Instrument und schlagert los. Landet bei Martha Mier und Beethoven, und zum Nachtisch gibt’s einen Tango. Wenn er was höre, was ihm gefalle, verrät Geißler anschließend, besorge er sich die Noten und schaffe sich rein, bis er’s kann.

Ähnlich macht’s wohl auch Dirk Pokoj, eigentlich bildender Künstler, aber auch fingerfertiger Jazzpianist. Der Autodidakt hat zudem Erfahrung als Barpianist und weiß, dass die Finger nicht durchgehen dürfen. Pokoj ist schnell, kann schön grooven und wenn’s sein muss, mit Bluesphrasen um sich schmeißen; an diesem Abend aber glänzt er vor allem mit einer Miniatur des „Harry Lime Themes“ – und fragt dann bange, ob dafür jetzt Gema-Gebühren fällig würden. „Können wir uns leisten“, sagt Eichele.

Die Kulturschmiede wird sich das wohl auch wieder leisten, denn die „Pianobar“ kam gut an. Das mag an Sam, Ilsa und Rick gelegen haben und an den Geschichten, die sich ums Barpiano ranken und die vor allem eines besagen: Wir sind hier nicht im Konzert. Beim nächsten Mal, hofft man bei der Kulturschmiede, werden vielleicht auch mal ein paar „Junge“ in die Tasten langen.

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