Synästhesie bedeutet die Verbindung und gleichzeitige Wahrnehmung unterschiedlicher Sinneseindrücke – etwa Klänge zu hören und dabei Farben zu sehen. Wie vielfältig Töne und Klänge Licht und Farben zum Ausdruck bringen können, zeigt sich im zweiten Konzert des Murrhardter Musiksommers.

Dabei präsentiert der seit 35 Jahren bestehende, halbprofessionelle Maulbronner Kammerchor vor einer großen Zuhörerschar in der fast vollbesetzten Stadtkirche a cappella sein Projekt „Jubelklänge 2018“. Es umfasst ein breites Spektrum internationaler Chormusik aus verschiedenen europäischen Ländern, den USA und Japan mit sinfonischen, filigranen und synästhetischen Werken der Romantik und Moderne. Der große homogene Klangkörper aus wohlklingenden, weittragenden Männer- und Frauenstimmen erfüllt den ganzen Kirchenraum.

Faszinierende Erfahrung

Die Konzeption und Leitung des Konzerts unter dem Motto „Der Töne Licht“ hat Benjamin Hartmann, der den Kammerchor seit 2016 dirigiert und kurz über das Programm informiert. „Einige Komponisten haben bestimmten Klängen Farben zugeordnet“, erklärt er. Für die Zuhörer ist es eine faszinierende Erfahrung, den Chorgesang zu hören und dabei eine Fülle unterschiedlicher Klangfarben und -nuancen sowie zahlreiche Abstufungen von Licht und Dunkelheit wahrzunehmen.

Die Chorsänger interagieren in vollendeter Harmonie und interpretieren jedes Werk voller Hingabe und Einfühlungsvermögen. Alle Stimmen bilden ein fein ausbalanciertes, facettenreiches Klanggewebe. Souverän und detailgenau gestalten sie traditionelle und moderne, zum Teil außerordentlich schwierig zu singende Kompositionselemente verschiedenster Art. Dabei schwingen sich glockenklare Soprane in höchste Höhen und sonore Bässe steigen hinab in tiefste Tiefen.

Ein Höhepunkt sind Joseph Gabriel Rheinbergers „Drei geistliche Gesänge“ Opus 69. Die Chorsänger bringen mit feinsinniger Intonation die breiten, reich ausgeschmückten Melodiebögen und nuancenreichen Klangstrukturen dieser spätromantischen, sinfonischen Komposition in voller Schönheit zur Entfaltung. Im „Morgenlied“ mit beschwingter rhythmischer Bewegung symbolisieren strahlend helle hohe Töne die aufgehende Sonne und scheinen den Kirchenraum zu erleuchten. In der Hymne schweben erhaben wirkende Melodie-Figurationen himmelwärts. Das bekannte Abendlied mit sanfter, idyllischer Harmonik bildet als Zugabe den krönenden Abschluss des Konzerts. Dabei verteilen sich die Chorsänger in der Kirche in einer die Zuhörer umarmenden Formation.

Moderne Tonsprache

Strahlende Lichteffekte, dargestellt mit sehr hohen Tönen, und einen wahren Regenbogen der Klangfarben aus Ganz-, Halb- und Obertönen erzeugen die Chorsänger in „Hymne an den Schöpfer des Lichts“ des Briten John Rutter. Sie ist von der Gregorianik inspiriert, aber mit moderner Tonsprache gestaltet, wobei sich traditionelle und moderne Harmonieelemente stimmig verbinden.

In „Christus ist der Morgenstern“ des Esten Arvo Pärt verwandelt sich eine ernst und eindringlich wirkende Moll-Meditation aus minimalistischen Motiven und glockenartiger Harmonik in einen monumentalen Choral in Dur. In „O Licht, glückselige Dreieinigkeit“, wozu den Japaner Ko Matsushita der gleichnamige gregorianische Hymnus inspirierte, verdichten sich schnelle, ständig wiederholte hohe Töne und Motive sowie fremdartig wirkende Akkorde aus tiefen Männer- und hohen Frauenstimmen zu einem fantasievollen Klangfarbenfeuerwerk.

Im März beging die Musikwelt den 100. Todestag des Franzosen Claude Debussy, Meister des Impressionismus und der filigranen, weichen Klangnuancen. Diese bringen die Chorsänger mit sensibler Intonation stilvoll zur Geltung in „Gott, sie ist so schön anzuschauen“ aus „Drei Lieder von Charles d’Orleans“.

Erst geheimnisvoll dunkle, dann immer heller und farbiger erstrahlende ätherische Klanggebilde lässt der Chor durch die Kirche schweben in „O heiliges Abendmahl“ des französischen Synästhetikers Olivier Messiaen. Mitreißende Jubelklänge bringen die Sänger mit Verve im „Cantus gloriosus“ des Polen Józef Swider zum Ausdruck. Darin wechselt sich Freude, illustriert durch mehrstimmigen, vielschichtigen Gesang in schneller, rhythmischer Bewegung, mit nachdenklichem, einstimmigem Innehalten ab, bevor das jubilierende Halleluja in strahlenden hohen Licht-
Tönen zum Himmel steigt. Mit tosendem Applaus danken die Zuhörer dem Chor für das wunderbare Sinnes-Erlebnis, und dessen Leiter Benjamin Hartmann bedankt sich beim Publikum fürs „hoch konzentrierte Zuhören mit wachen Ohren“.