Freitagabend in Gaildorf. Der Himmel ist klar. Plötzlich huscht ein leuchtendes Objekt aus südwestlicher Richtung über die Stadt und entfleucht nach Nordosten. Gleich folgt der nächste Leuchtpunkt. Und noch einer. Und da ist schon der nächste. Das geht etwa fünf Minuten so weiter.

Klaus Windmüller, der den Nachthimmel beobachtet, zählt sie nicht. Er rätselt, was das sein könnte. Flugzeuge sind es nicht. Auch keine Sternschnuppen. Vielleicht Satelliten? Er recherchiert im Internet – und kommt der seltsamen Erscheinung schnell auf die Spur …

Lichter am Himmel sind keine Ufos, sondern Starlink-Satelliten

Unterdessen gehen beim deutschen „Infoportal der Ufo-Phänomen-Forschung“ viele Meldungen ein. Die Rede ist von einer „seltsamen Perlenkette am Himmel“, von Erscheinungen „in präzisen Abständen und wie an einer Schnur gezogen“.

Weil nun die Plattform ihrer Arbeit nach eigenen Angaben „einen auf wissenschaftlichen Methoden beruhenden, sachlich-kritischen Ansatz, jenseits glaubensbasierter Spekulationen“ zugrundelegt, gibt es Fakten – zum Leidwesen vieler Verschwörungstheoretiker. Diese Fakten sind, wie schnell klar wird, handfest: Die leuchtenden Objekte sind, worüber auch die Südwest Presse schon berichtet hat, Satelliten. Auch Klaus Windmüller, der das Geschwader bei der ersten Sichtung noch als „unheimlich“ empfunden hatte, kommt dem Satelliten-Konvoi auf die Schliche: Es handelt sich um einen Teil der bisher 360 in 550 Kilometern Höhe um die Erde ziehenden Satelliten des Projekts „Starlink“.

Böhringen

Mit dem will das US-Raumfahrt- und Telekommunikationsunternehmen SpaceX von Tesla-Chef Elon Musk (Foto) und Gwynne Shotwell ab Jahresmitte ein weltweites Netzwerk für Hochgeschwindigkeits-Internet aufbauen. Bis 2027 soll die Flotte 12.000 (genehmigte) Satelliten umfassen, 30.000 sollen folgen.

Samstagabend in Gaildorf: Klaus Windmüller sieht den Konvoi erneut. Der Anblick ist für ihn nicht mehr überraschend wie am Vortag, aber dennoch „ganz nett“. Wieder sind es Dutzende leuchtender Objekte, die diszipliniert hintereinander von Westen her in nordöstlicher Richtung Gaildorf kreuzen. Nach sechs Minuten ist das Schauspiel vorbei.

Sichtung Nummer drei – Klaus Windmüller, gar nicht mehr überrascht: „Da sind sie wieder“ – ist am Montagabend gegen 21.45 Uhr möglich. Das gleiche Spiel. Schwieriger wird es am Dienstag: Gaildorf wird an diesem Abend nicht überflogen. Der Orbit ist nach Norden verschoben. Gütersloh, Hildesheim und Braunschweig werden passiert.

Lichterkette am Nachthimmel über der Zollernalb SpaceX-Satelliten fliegen am Mittwochabend über die Region

Dotternhausen

Satelliten von SpaceX zucken wie Blitze auf

Und doch gibt es in dieser klaren und wolkenlosen Nacht eine Überraschung: Die „Marsmännchen“ sind pünktlich um 22 Uhr von Gaildorf aus gut zu beobachten – nachdem sie den Weg von Südamerika in einer halben Stunde zurückgelegt hatten. Spektakulär: Als die Karawane den Bereich passiert, an dem die helle Venus zu sehen ist, zucken Blitze auf.

Dass dieses Unternehmen nicht unumstritten ist, berichtet die Welzheimer Zeitung. Astronomen seien verärgert und sprächen von optischer Umweltverschmutzung. „Der Himmel wird versaut“, wird Prof. Dr. Hans-Ulrich Keller zitiert. Der Gründungsdirektor des Carl-Zeiss-Planetariums Stuttgart, der heute die Sternwarte in Welzheim betreut, sehe im Starlink-Projekt jedoch nicht nur ein Ärgernis für Sterngucker wie ihn, sondern auch eine Gefahr für andere Satelliten, die die Erde umrunden.

Nur vereinzelte Anrufe bei der Polizei

In Grenzen hält sich indes die Besorgnis in der Bevölkerung: Das Polizeipräsidium in Aalen hat, wie ein Sprecher auf Anfrage berichtet, bislang nur vereinzelt Nachfragen registriert.

Info


Am Mittwoch startete die inzwischen siebte Mission mit weiteren 60 Starlink-Satelliten. Mit etwas Glück ist am Donnerstagabend ab 21.36 Uhr ein Konvoi fünf Minuten lang von Gaildorf aus zu beobachten.

Auf den Spuren der leuchtenden „Perlenketten“


Informationen zur Starlink-Mission gibt es auf der Website des Raumfahrt- und Telekommunikationsunternehmens SpaceX.

Verfolgt werden kann der Flug der Satelliten über das Online-Portal „Find Starlink“. Der Satel­lite-Tracker zeigt an, wo sich die Satelliten-Schwärme gerade befinden. Auf der Live-Map des Programms werden die exakten Flugbahnen deutlich. Die Karte lässt sich so vergrößern, dass selbst kleine Ortschaften angezeigt werden.

Apps fürs Smartphone: Hilfreich bei der Beobachtung sind Programme für mobile Geräte. Die App Starlink etwa sagt exakt voraus, wo, wann und wie lange die nächsten Schwärme am besten beobachtet werden können – und ob die Sicht wetterbedingt gut oder eingeschränkt ist. Eine weitere App ist der Satellite-Tracker, mit dem alle Satelliten bestimmt und geortet werden können. kmo