Er ist ein Spätfund, die Saison der Riesenboviste ist eigentlich vorbei. Jetzt liegt der gut 70 Zentimeter große Klumpen, der einmal schneeweiß war, gelb-bräunlich verfärbt in einer Schale vor Karl-Heinz Johes Haustür und müffelt. Er soll trocknen, ein Ausstellungsstück werden. Frisch kann man diese Pilze in Scheiben schneiden, panieren und braten. „In der Kaiserzeit“, grinst Johe, „wurde der Riesenbovist Beamtenschnitzel genannt“. Würde man dieses Exemplar jetzt noch verzehren, ginge es einem freilich schlecht. Auch gute Speisepilze haben ein Verfallsdatum. Wenn man nach der Ernte mit der Zubereitung zu lange wartet, erleidet man eine sogenannte sekundäre Pilzvergiftung. Die ist häufiger als man denkt, sagt Johe.

Der 71-jährige Rentner aus Eutendorf bei Gaildorf ist geprüfter Pilzsachverständiger der Deutschen Gesellschaft für Mykologie, Pilz-Fachbeauftragter des NABU Baden-Württemberg und noch ein bisschen mehr. In seinem Beruf als pharmazeutisch-technischer Assistent hat Johe das Mikroskopieren gelernt und seine Kenntnisse im Lauf der Jahre weit über das Normalmaß hinaus vertieft. In seinem privaten Labor verfügt er über eine Sonderausstattung, die es ihm ermöglicht, die Größe von Pilzsporen unter dem Mikroskop zu messen und damit die Art zu bestimmen.

Heiningen

Wenn nachts das Taxi vorfährt

Denn manchmal, mitunter mitten in der Nacht, werden ihm per Taxi Proben geschickt: Sammel-, Putz- und Speisereste, auch Mageninhalte. Dann brennt’s. In irgendeiner Klinik gibt es einen unklaren Befund: Verdacht auf Pilzvergiftung. Johe muss dann herausfinden, welche Pilzarten der Patient zu sich genommen hat. In der Regel, sagt er, könne er Entwarnung geben. Ein tödlich verlaufender Fall sei ihm glücklicherweise noch nicht untergekommen. Aber es gibt sie. Deutschlandweit sterben jährlich etwa 20 Menschen an Pilzvergiftung – genaue Zahlen für 2019 liegen noch nicht vor. In cirka 90 Prozent der Fälle haben sie einen tödlich giftigen Knollenblätterpilz mit einem Champignon verwechselt.

Der Tod im Pilzkorb

Champignons gab’s viele in diesem Jahr. Und giftige Knollenblätterpilze natürlich auch. In den Proben, die ihm zugeschickt wurden, hat Johe sie bisher noch nie gefunden, aber er hat die tödlich-giftigen Pilze aus so manchem Pilzkorb gezogen. Als Pilzsachverständiger steht er im Zweifel zur Verfügung und manche Sammler merken dann, dass sie noch vieles lernen müssen..

Manche Pilze kommen auch zu den Menschen. Der Gift-Häubling (Galerina marginata) etwa, der gerne mit dem genießbaren Stockschwämmchen verwechselt wird,  ist ein solcher Kandidat. Er wächst auf Holz und kann sich über Rindenmulch verbreiten – auch auf Spielplätzen und in den Außenbereichen von Kindergärten. Johe, dem auch schon ein Gift-Häubling präsentiert wurde, den ein Kind angebissen hatte, rät dringend, achtsam zu sein.

Bad Boll

Es wird jetzt ruhiger für ihn. Der Herbst 2019 war außergewöhnlich, die Pilzbestände sind förmlich explodiert, insbesondere die begehrten  Fichtensteinpilze und Parasole gab’s in Mengen und Qualitäten, von denen die Sammler noch lange schwärmen werden. Eigentlich war aber das ganze Jahr gut, sagt Johe. Saison ist  immer. Es gibt Frühjahrspilze, Sommerpilze, Herbstpilze; Unentwegte suchen im Winter nach Samtfußrübling und Austernpilz oder stöbern im Totholz nach Judasohren.

„Ich bin nicht der große Speisepilzfan“, sagt Johe. Er findet die Welt der Pilze schlicht faszinierend, zumal sie bei weitem nicht gänzlich erforscht ist. Pilze seien eminent wichtig, sagt er, insbesondere in Zeiten großer Trockenheit. Denn was man sieht und gegebenenfalls auch sammelt, sind nur die Fruchtkörper eines unterirdischen Geflechts, das gigantische Ausmaße annehmen kann – als größtes Lebewesen der Erde gilt ein Hallimasch im US-Bundesstaat Oregon, dessen Geflecht eine Fläche von neun Quadratkilometern einnimmt.

Unverzichtbare Partnerschaft

Diese Pilzgeflechte stehen im Austausch mit Bäumen und anderen Pflanzen, liefern Nährstoffe und Wasser und erhalten dafür „Assimilationsprodukte“, Zuckerstoffe, die ein Pilz zum Leben braucht. „Mykorrhiza“ nennt man diese Form der Symbiose. Mittlerweile gehe die Wissenschaft davon aus, dass 95 Prozent aller Pflanzen einen solchen Partner haben, sagt Johe. Der Grüne Knollenblätterpilz (Amanita phalloides) etwa ist der Mykorrhiza-Partner der Eiche, und wenn sie am Waldrand steht, dann kann es sein, dass der Giftpilz sich unter die Champignons mischt, die auf der nahen Wiese stehen.

Was der Sammler nicht kennt ...


Beratung Die Deutsche Gesellschaft für  Mykologie DGfM bietet die Ausbildung zum Pilz-Coach an. Coaches vermitteln Basiswissen zur Ökologie und zum Sammeln und sind auch pilzpädago­gisch tätig. Wesentlich aufwendiger ist die Ausbildung zum geprüften Pilzsachverständigen, der berät und  konsultiert wird, wenn der Verdacht einer Pilzvergiftung besteht.  Experten wie Karl-Heinz Johe werden über die Gift-Notrufzentralen erreicht.  Johe selbst ist in Freiburg gelistet. Die nächsten Kollegen sind Michael Hausser aus Leofels bei Ilshofen  und Dr. Lothar Krieglsteiner, der mit seiner Frau Katharina die Pilzschule Schwäbischer Wald in Ruppertshofen (Ostalbkreis) betreibt.

Gretchenfrage Abschneiden oder rausdrehen? Die DGfM empfiehlt, den Furchtkörper abzudrehen und die Fundstelle mit Erde oder Laub zu bedecken, damit das Pilzgeflecht nicht austrocknet. Die Stielbasis enthält Merkmale, die für die Bestimmung im Notfall wichtig sind.

Fehlerquellen Pilze, die man nicht kennt, sollte man stehen lassen, unsichere Kandidaten separat aufbewahren und dem Experten vorlegen. Wer Bestimmungsbücher benützt, sollte auf Aktualität achten. Karl-Heinz Johe kennt alte Ausgaben, in denen beispielsweise der Kahle Krempling als Speisepilz aufgeführt ist. Roh ist dieser Pilz extrem giftig, gegart führt er bei mehrfachem Genuss zu tödlich verlaufenden Allergien.

Online-Infos: www.dgfm-ev.de, www.pilzkunde.de, www.pilzcoach.de