Vor dem Stuttgarter Hauptbahnhof wird es laut. „Das ist ein Bosheitsakt gegen die Zukunft“, schreit Professor Hermann Knoflacher auf der Bühne ins Mikrofon. Bernhard Horst pustet in seine Trillerpfeife, Monika Hahn und Friedrich Riemer rufen „Jawohl“. Zu dritt halten sie ihr Transparent hoch. Um sie he­rum jubeln rund viertausend weitere Demonstranten.

All diese Menschen haben diese Woche bei der 500. Montagsdemo gegen Stuttgart 21 protestiert. Auch Monika Hahn aus Gaildorf, Bernhard Horst aus Mittelrot und Friedrich Riemer aus Ottendorf sind deshalb in die Landeshauptstadt gereist – wie so oft in den vergangenen zehn Jahren.

Vom Stuttgart-21-Befürworter zum Gegner

Zum ersten Mal ist Riemer im August 2009 zur Demonstration nach Stuttgart gefahren. „Das war vielleicht die zehnte Demo, damals noch gegen den Abriss des Nordflügels“, erinnert er sich. Eigentlich war er damals S21-Befürworter. Er fuhr zur Demo, ließ sich Dinge erklären, informierte sich im Anschluss – und wurde zum Gegner des Bahnprojekts. Etwas später fuhren auch Hahn und Horst mit zu den Protesten. „Wer sich über das Projekt informiert, ist dagegen“, so Horst.

Riemers Motivation sei anfangs nicht unbedingt der Bahnverkehr gewesen, sondern „das Verbrechen gegen die Natur und den Schlossgarten“. Für Horst ist klar: „Es geht um ein Projekt der Immobilien-Fritzen. Die Fläche des Parks sollte frei werden. Der bisherige Bahnhof hat nie Probleme gemacht, war einer der pünktlichsten. Den hätte man leicht modernisieren können.“ Sicherheitstechnisch sei S21 „eine Katastrophe“. Das Gefälle sei teilweise sechsmal so hoch wie erlaubt, der Brandschutz nicht gewährleistet. Der Deutschland-Takt werde mit Stuttgart 21 nicht funktionieren, weil es dafür 14 Gleise brauche. Der neue Bahnhof habe aber nur acht. „Mit der Zeit kamen immer mehr Sachen dazu. Wir könnten hier stundenlang erzählen. Das ist in jeder Hinsicht ein Murks-Projekt“, sagt Horst.

So entstand in Gaildorf eine Gruppe, die regelmäßig zu den Montagsdemos ging. Meist fuhren etwa sieben oder acht Leute mit dem Zug, mal auch etwas weniger. Horst schätzt, dass er seit August 2010 bei etwa 75 bis 80 Prozent der Montagsdemos dabei war. Das wären rund 340 bis 360. Bei Hahn und Riemer seien es etwas weniger.

Beim Protest gegen den Polizei-Einsatz am „schwarzen Donnerstag“ im Oktober 2010 hat die Gruppe zum ersten Mal ihr Gaildorfer Protest-Transparent in die Höhe gehalten. „Das hat dann die FAZ abgedruckt. Auch in der Tagesschau und im Ausland wurde es ausgestrahlt“, erzählt Hahn.

Die Demonstranten bleiben friedlich

Auch am Montag haben die drei dieses Transparent dabei. Um kurz vor 18 Uhr bauen sie es zwischen den Demonstranten auf. Die friedliche Demo steht unter dem Motto: „Weg mit der Flasche unter den Bahnhöfen“. Die Verkehrswissenschaftler Knoflacher und Prof. Heiner Monheim kritisieren das Projekt ebenso wie auf witzige Art Poetry-Slammer Timo Brunke und Stadtflaneur Joe Bauer. Zwischen den Reden spielt eine Jazz-Band. Immer wieder nicken Hahn, Horst und Riemer, pfeifen, schreien bei Zustimmung auf. Sie treffen auch mehrere Bekannte, tauschen sich aus. Nach etwa einer Stunde und zehn Minuten endet die Demo und alle machen für eine Minute Krach – der Schwabenstreich.

„Die Stimmung war, wie wir es kennen: friedlich und engagiert“, meint Horst. Er glaubt, dass bei den kommenden Demos nun mehr Leute kommen, in den Wochen zuvor seien es etwa 300 bis 500 gewesen. Auch die Gaildorfer Gruppe kam mal nur mit zwei Leuten oder ließ eine Demo aus.

Im November 2011 stimmte eine Mehrheit bei der Volksabstimmung dafür, dass das Land das Bahnprojekt weiter finanzieren solle. Der Bau läuft seit Jahren. Ist es nicht enttäuschend, trotzdem weiter regelmäßig zu demonstrieren? „Eigentlich nicht. Zwar gab es am Anfang schon einen Einbruch und wir haben verhaltener agiert, die Bewegung musste sich wieder sammeln. Aber wir haben ja immer wieder neue Sachen aufgedeckt und in fast allen Punkten, wie den Kosten, recht behalten. Das betrifft uns alle“, erklärt Horst.

Wenn sie sich für das Bahnprojekt etwas wünschen könnten, wäre es für die drei der sofortige Stopp. Sie unterstützen den Vorschlag „Umstieg 21“. Und: „Wir haben jetzt zehn Jahre durchgehalten“, sagt Horst. „Diese Beharrlichkeit wünsche ich Fridays for Future auch.“