Man kann über alles reden, auch über „blaue Briefe“. Im Januar ging ein solcher auf dem Oberroter Rathaus ein, abgeschickt hatte ihn das Staatliche Schulamt Künzelsau. Der Fall schien ernst: Nachdem für die fünfte Klasse der Werkrealschule zum zweiten Mal in Folge zu wenig Anmeldezahlen vorlagen, drohte die Aufhebung.

Antrag ist abgeschickt

Zwischenzeitlich ist die Kuh vom Eis: Es gab ein Gespräch mit dem Schulamt und das, sagt der Oberroter Bürgermeister Daniel Bullinger, sei deutlich positiver als erwartet verlaufen. Am Mittwoch sitzt er zusammen mit seinem Fichtenberger Amtskollegen Roland Miola, der Oberroter Schulleiterin Erna Marie Weger und dem Fichtenberger Rektor Andreas Haller im Oberroter Rathaus und erklärt, dass man im Nachgang zu dem Gespräch beim Regierungspräsidium einen Antrag auf Standortsicherung gestellt habe.

Dass auch die Fichtenberger mit am Tisch sitzen, hat seinen Grund. Die beiden Grund- und Werkrealschulen kooperieren seit Jahren. Die Fünft- und Sechstklässler werden in Oberrot, die Klassen darüber in Fichtenberg unterricht. Das Hinweisverfahren, wie der blaue Brief offiziell heißt, hätte deshalb auch die Fichtenberger Werkrealschule bedroht – obwohl die Mindestschülerzahl dort nicht unterschritten wird.

Das liegt an den Rückläufern: Immer wieder kommen Kinder, die für die fünfte Klasse nach Schwäbisch Hall oder Gaildorf gewechselt haben, ein oder zwei Jahre später zurück. Spätestens zum Ende der jeweiligen siebten Klasse, sagt Haller, seien die nötigen Schülerzahlen erreicht, oft würden sie auch überschritten.

Ehingen

16 pro Klasse müssten es sein. Für die Eingangsklasse der Werkrealschule im kommenden Schuljahr 2018/19 sind aktuell aber nur 13 Schülerinnen und Schüler gemeldet, das sind drei zu wenig. Im letzten Jahr waren es noch weniger, nämlich elf, allerdings wird diese Klasse bereits im nächsten Schuljahr durch Rückläufer und Zuzug auf 23 Kinder anschwellen. Und die derzeitige siebte Klasse in Fichtenberg ist im laufenden Schuljahr von 14 auf 20 Schülerinnen und Schüler angewachsen.

Der Bedarf wird nach Überzeugung der beiden Bürgermeister auch weiter wachsen. Sie verweisen auf Rekordgeburtszahlen und stark nachgefragte Baugebiete und vergessen auch nicht ihr eigenes Engagement: Fichtenberg wird jetzt rund 950.000 Euro in die Schulsanierung stecken, Oberrot erwägt ebenfalls, in den Schulstandort zu investieren.

Hinzu kommt, dass die Rottalschulen zusammen mit der Gaildorfer Parkschule zwischenzeitlich ein veritabler Solitär sein dürften: Sämtliche Werkrealschulen in der näheren und weiteren Umgebung sind mittlerweile geschlossen. Daraus ergibt sich ein potenzielles Einzugsgebiet, das bis Schwäbisch Hall, Rosengarten und Mainhardt reicht und über die Landkreisgrenzen hinaus bis nach Murrhardt und Gschwend. Man plane nun, mit den Kollegen im Umfeld zu sprechen, kündigt Miola an.

Großes Wohlwollen

Das Schulamt beobachtet die Situation seit Jahren mit großem Wohlwollen. „Das ist ein Erfolgsmodell“, sagt die Leitende Schulamtsdirektorin Ursula Jordan. Dass es stetig und verlässlich Rückkehrer gebe, zeige nicht nur, dass die Schule notwendig sei, sondern auch, dass sie von Schülern und Eltern geschätzt werde.

Schelklingen

Zumal sie gute Arbeit leistet. Die meisten Absolventen wechseln nach der Neunten in eine Ausbildung oder an die zweijährige Berufsfachschule. Die Bildungskarriere muss damit aber nicht beendet sein. Erst neulich, berichtet Erna Marie Weger, habe sie eine „Ehemalige“ getroffen, die jetzt vor dem Abitur stehe. „Die Durchgängigkeit funktioniert“, stellt Bullinger dazu fest. Miola lobt die individuelle Förderung, die kurzen Wege, die familiären Verhältnisse.

„Strudel“ der Hinweisverfahren

„Wir stehen hinter diesem Modell“, sagt Jordan, und deshalb spreche sich das Schulamt auch nachdrücklich für eine Standort­sicherung aus. Damit würde dann auch der „Strudel“ der Hinweisverfahren gestoppt. Ansonsten müsste die Behörde weiterhin jedes Jahr die Zahlen prüfen und, falls das Verfahren der regionalen Schulentwicklung mal wieder einen blauen Brief vorschreibt, die gleichen Diskussionen führen.

Nun also entspannt sich die Situation, die in den letzten Jahren immer wieder zu Turbulenzen führte – zuletzt, als in Gaildorf geunkt wurde, die Rottal-Werkrealschule stünde kurz vor der Schließung. Stattdessen gibt’s Spielräume, die auch genutzt werden sollen, und die beiden Schulen, an denen derzeit ein gemeinsames Medienentwicklungskonzept erarbeitet wird, freuen sich über Planungssicherheit. Wenn man sich von Jahr zu Jahr hangele, stellen die Schulleiter fest, bröckle halt auch das Vertrauen im Kollegium.

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