Es ist das jährlich gleiche Ritual: Mitte September endet in Deutschland die Badesaison. Freibäder werden dichtgemacht, an den Badeseen schließen Umkleideräume und Kioske, und an den Küsten werden die Strandkörbe ins Winterquartier gekarrt. Eine Ausnahme bildet das alte Frickenhofer Freibad, eine der geografisch tiefer gelegenen Sehenswürdigkeiten am „Kultur- und Erlebnispfad Frickenhofer Höhe“. Hier war einst nach gut zehn Jahren Betrieb schon „Badeschluss“.

Das spärlich vorhandene Wasser ist heute von grünen Algen bedeckt, die Betonmauer marode und aufgeplatzt, und im einstigen Schwimmbecken wachsen Bäume und Unkraut. Dieses Schwimmbad war 1935 in Betrieb genommen worden. Schwimmen zu können war in diesen Jahren, besonders in ländlichen Gegenden, die Ausnahme. In Städten, die über Hallenbäder verfügten, war die Situation deutlich besser.

Deutschland, mit den Grenzen von 1918, hatte jährlich Tausende Ertrinkungstote zu beklagen. Ende der 1920er-Jahre wurde deshalb auch der Bau von Bädern forciert. Die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft, kurz die DLRG, die 1913 gegründet wurde, hatte sich zum Ziel gesetzt, dass jeder Mensch, unabhängig von Geschlecht, Alter oder ethnischer Herkunft, schwimmen lernen müsse und begrüßte diese Baumaßnahmen ausdrücklich: Die boten endlich die Möglichkeiten, Schwimmkurse abzuhalten und Rettungsschwimmer auszubilden.

Die Krise, die dem „Schwarzen Freitag“ im Oktober 1929 folgte und eine umfassende wirtschaftliche Rezession nicht nur in Deutschland auslöste, bereitete weiteren Investitionen ein Ende. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Januar 1933 wurde die DLRG dem „Deutschen Reichsbund für Leibesübungen“ zwangsweise eingegliedert und musste sich fortan „Deutsche Lebens-Rettungs-Gemeinschaft“ nennen. Von staatlicher Seite aus wurde in den Bau von Schwimmbädern wieder investiert, so auch in Frickenhofen. Die genannten Ideale der DLRG-Gründerväter galten weiterhin und wurden von den Nationalsozialisten teils zu deren eigenen Zwecken genutzt.

Jugend gezielt angesprochen

Laut Informationstafel am Frickenhofer Freibad lautete der Aufruf an die Jugend in typischer NS-Sprachmanier: „Deutsche Jugend schwimmt! Jeder Hitlerjunge ein Schwimmer, jeder Führer ein Retter.“ Dass die Jugend gezielt angesprochen wurde, hatte zweierlei Gründe: Kinder und Jugendliche lernen schwimmen einerseits spielerischer und leichter als Erwachsene. Der zweite Grund war – und das war den meisten Menschen Mitte der 1930er-Jahre vermutlich nicht bewusst –, dass die angehenden Soldaten der deutschen Wehrmacht jeder Situation gewachsen sein sollten, zu Lande und zu Wasser. Wie die deutsche Geschichte weiter verlief und in der Katastrophe im Mai 1945 endete, ist hinlänglich bekannt.

Den Besuchern des Erlebnispfads mag sich heute die Frage stellen, weshalb das einst relativ neue Frickenhofer Freibad nach dem Zweiten Weltkrieg so rasch aufgeben wurde. Die Gründe dürften vielfältig sein. Die Betreuung des Bades, durch Jungvolk und Hitlerjugend ausgeübt, war nicht mehr gegeben. Viele der einst enthusiastischen jungen Menschen hatten den mörderischen Krieg nicht überlebt, waren verwundet oder in Gefangenschaft.

Die Gemeinde Frickenhofen hatte, wie alle anderen Kommunen in jenen Tagen, wichtigere Angelegenheiten zu regeln, als sich um ein Freibad zu kümmern. Flüchtlinge aus dem Osten brauchten ein Dach über dem Kopf, und die Lebensmittelversorgung musste organisiert werden. Das Leben war entbehrungsreich und hart, und an Freizeitvergnügen wie Schwimmen war kaum zu denken. In den Nachkriegsjahren änderte sich die Situation allmählich zum Besseren. „Stadtmenschen“ kamen wieder zur Sommerfrische aufs Land.

In Frickenhofens Nachbargemeinde Gschwend hatte Bürgermeister Karl Schmidt einen Beamten in einem Stuttgarter Ministerium kennengelernt, der im Sommer an den Gschwender Badsee kam. Diesem Verwaltungsfachmann gefiel es dort recht gut, und er hatte die richtigen Beziehungen zu Geldquellen. Hin und wieder flossen bescheidene Mittel nach Gschwend, die in die Verbesserung der Infrastruktur am Badsee investiert wurden. Nahe dem damaligen Luftkurort gelegen und aufgrund der freien Lage, konnten die Wassertemperaturen im Sommer auf deutlich über 20 Grad steigen. Mit großen Liegewiesen, einem Sprungbrett und Umkleidekabinen ausgestattet, entwickelte sich der Gschwender See zu einem Naherholungsziel, an dem sich an heißen Sommertagen gut und gerne mehr als 1000 Besucher vergnügten.

Das Frickenhofer Freibad hingegen war fast einen Kilometer vom Hauptort entfernt in einem Tal gelegen. Der Besuch war mangels Autos mit Fußmarsch verbunden, und das Wasser des Hundsbrunnens, mit dem das Bad gespeist wurde, dürfte selbst im Hochsommer recht frisch gewesen sein. Es ist also anzunehmen, dass die Gemeinde Frickenhofen angesichts der Konkurrenz in der Nachbargemeinde dieses Bad auch aus wirtschaftlichen Gründen aufgab. Laut Infotafel wurde es in den 1950er-Jahren als
Fischweiher genutzt.

Die heute sichtbaren Überreste sind das Relikt einer Badeanstalt, der aufgrund der geschichtlichen Ereignisse nur eine kurze Lebensdauer beschieden war.

Aus der Chronik


Eröffnung In der Beilage „Hitlerjugend“, die am 31. August 1935 mit dem „Kocherboten“ verbreitet wurde, heißt es über das neue Freibad: „Es ist Sonntag, auf der Frickenhofer Höhe treffen sich heute die BDM-Standorte Eschach, Ruppertshofen und Frickenhofen. Wir treiben mit unserer Ringsportwartin Körperschulung. Mit frischem Mut und frohem Sinn geht’s hinab an das neugeschaffene Bad, das so verlockend aussieht.“

Einrichtung Das Schwimmbecken wurde mit Wasser des Hundsbrunnens gespeist, das über ein Rohr vom Bach abgeleitet wurde. Der nördliche Teil mit einem Lattenboden war Nichtschwimmerbereich. Auf der Hangseite befanden sich drei bis vier Umkleidekabinen, die oben offen waren.

Schwimmhilfe Geschlossene Blechkanister wurden mit einem Strick um den Körper gebunden und dienten so als Schwimmringe.
Quelle Informationstafel an der Freibad-Ruine