Gitarrenmusik „Das Schöne ist wie Unkraut“

Der Gitarrist Wolfgang Mayer zeigt auf dem Gaildorfer Hofgut Kieselberg Virtuosität.
Der Gitarrist Wolfgang Mayer zeigt auf dem Gaildorfer Hofgut Kieselberg Virtuosität. © Foto: Andreas Dehne
Gaildorf / Von Andreas Dehne 18.04.2018

Es gibt Städte, die haben ein Lied, das für sie geschrieben worden ist. Und es gibt Städte, die haben das nicht.“ Gitarrist Wolfgang Mayer schaut schelmisch in den eher kleinen und überschaubaren Besucherkreis auf dem mehr als 500 Jahre alten Hofgut Kieselberg. „Gaildorf gehört zur zweiten Kategorie. Moskau nicht.“ Im hoch über Gaildorf gelegenen ehemaligen Jagdhaus der Limpurger Fürsten kommt er dabei zu der Erkenntnis: „Das ist der wesentliche Unterschied zwischen Moskau und Gaildorf.“

Der gebürtige Niederbayer, Jahrgang 1965, spielt die „Moskauer Nächte“. Es ist einer der bekanntesten russischen Schlager. Komponiert im Jahr 1955 und inzwischen vielfach gecovert. Es gibt auch zahlreiche Versionen auf Deutsch. Mayer spielt ihn in den Variationen von Sergej Orekhov. „Den kennen Sie sicher alle“, witzelt er gut gelaunt.

Der russische Gitarrist Orekhov spielte häufig die siebensaitige Gitarre. Mayer beschränkt sich auf zwölf. Oder zwei mal sechs. Je nachdem, welche der beiden mitgebrachten Konzertgitarren er für seine Instrumentalstücke verwendet. Ohne Verstärker, ohne Effektgeräte, ohne Mikrofon. Und ohne nachvollziehbare Erklärung, warum er die beiden Gitarren ständig wechselt. „Dafür gibt es keine logische Erklärung. Und mit gefühlten Wahrheiten bin ich vorsichtig.“

Das Lied für Moskau fällt etwas aus dem Rahmen des Abends. Denn hauptsächlich spielt Mayer spanische oder südamerikanische Komponisten. Und Bach. Präludium und Fuge BWV 1001. Was bei ihm aber auch irgendwie leicht spanisch klingt. Und damit für die Zuhörer zunächst etwas unwirklich.

Wie auch bei Chopin (Mazurka op.33 No. 4 und Nocturne op. 15 No. 2). Er spielt „Contemplacion“ von Agustín Barrios Mangoré (Paraguay), „Asturias“ von Isaac Albeniz (Spanien) oder „A Felicidade“, ein Bossa-Nova-Song von Antônio Carlos Jobim (Brasilien).

Er spielt mit Hingabe und Fingerfertigkeit und in einer technischen Perfektion, die erstaunen lässt. Sein „Solo auf sechs Saiten“, wie das Programm heißt, ergänzt er mit seinen witzigen, aber auch tiefgründigen Anmoderationen.

„Es ist schon eine verwegene Idee, ganz oben auf dem Berg Kulturveranstaltungen zu machen“, bedankt er sich bei den Gastgebern. So wie einst die Eingebungen der Mauren bei der Besetzung von Spanien. „Die hatten so die Idee, dass jeder tun könnte, was er wolle, und denken könnte, was er wolle, und glauben könnte, was er wolle.“

Er spielt „Sentir del Sacromonte“ von Nino Ricardo. Die Höhlen von Sacromonte. „Der schönste Ort der Erde.“ Er spielt den Flamenco herzzerreißend, sehnsuchtsvoll, aber doch auch in der ihm eigenen, fast schon an schwarze Ironie grenzenden Interpretation. „Bald danach brannten die Scheiterhaufen ja wieder, und dann war alles in Ordnung.“ Das Christentum war zurück in Spanien. Keine leichte Kost.

Der Schmerz des Flamenco wird förmlich hörbar und von Mayer fantastisch gespielt. Sein Trost an die bewegten Zuschauer: „Das Schöne ist wie Unkraut. Es lässt sich nie vollständig ausmerzen.“

Er spielt Daniel Robles’ Hit „El Condor Pasa“ zur Eröffnung des Abends. Wer glaubt, alles schon einmal gehört zu haben, der sollte unbedingt noch die überwältigende instrumentale Interpretation dieses Liedes durch Mayer gehört haben. So verwegen erlebt man die Konzertgitarre nicht oft.

Zum Abschluss des knapp zweistündigen Auftrittes wieder der Peruaner Robles. „Hijo de la Luna.“ Das einzige Lied mit Gesang. Zweifellos der Höhepunkt des ergreifenden Konzertabends. Auf Drängen der Zuschauer wiederholt er die Stücke von Bach. „Der Bach ist was Schönes.“ Stimmt. Aber nicht nur der.