Schwerer Unfall im Überseehafen von Rostock: Der Megakran der Firma Liebherr ist bei einem Belastungstest zusammengebrochen. Der Liebherr HLC 295000 ist mit einer Tragfähigkeit von 5000 Tonnen der größte Offshore-Kran, den Liebherr je gebaut hat. Er war in den vergangenen Wochen im Rostocker Werk an der Ostsee auf das Spezialschiff „Orion I“ montiert worden, die Arbeiten waren fast fertiggestellt gewesen. Bei dem Unfall, vermutlich durch einen gebrochenen Haken verursacht, sind insgesamt 12 Menschen verletzt worden. Es entstand ein hoher Schaden, der laut Liebherr im zweistelligen Millionenbereich liegen soll.

Youtube Video zeigt die Schäden am HLC295000 und an der Orion

Unfall in Rostock - Liebherr Kran HLC 295000 bricht auf „Orion I“ zusammen

Bei dem schweren Unfall ist der Doppel-Ausleger des Krans auf das Schiff gekracht. Zum Zeitpunkt des Unfalls befanden sich 120 Personen auf dem Schiff. Fünf Personen, die sich im Führerhaus des Kranes aufhielten, wurden verletzt – zwei von ihnen mussten im Krankenhaus behandelt werden. Polizei, Feuerwehr und Rettungskräfte waren mit einem Großaufgebot vor Ort, auch ein Hubschrauber war im Einsatz.

Ein Mensch liegt nach dem Unfall noch im Krankenhaus

Eine Person konnte am Sonntagbend das Krankenhaus wieder verlassen. Dieter Schmidt, Pressesprecher von Liebherr in Rostock, berichtete am Montag auf Nachfrage, dass ein Mensch noch im Krankenhaus liege, und dass man hoffe, er werde in den kommenden Tagen ebenfalls entlassen werden können. Darüber hinaus seien zehn leicht verletzte Menschen vom Rettungsdienst vor Ort behandelt worden seien. Schmidt betonte: „Dies bedauern wir sehr und hoffen auf baldige und vollständige Genesung der Verletzten.“

Youtube Video zeigt die Schäden am HLC295000 und an der Orion

Unfall in Rostock geschah während eines Belastungstests

Doch wie konnte es zu dem Unglück mit dem neuen Superkran, der bis zu 5000 Tonnen heben können sollte, kommen? Bei dem Belastungstest am Samstag im Hafen sollte ein Schwerlastgewicht – es handelte sich um einen 5.500 Tonnen schweren Ponton – aus dem Hafenbecken neben der „Orion“ gehoben werden. Dabei versagte offenbar ein Bauteil, möglicherweise durch einen Materialfehler. Ein Teil des Krans krachte auf das Schiff und die Kai-Kante. Ein auf dem Liegeplatz geparkter Transporter wurde durch den Kran völlig zerstört.

Doppel-Ausleger des Liebherr-Krans knickt wie weg Streichhholz

Doch wie konnte das passieren? Ein Augenzeuge berichtete dem NDR, dass er gesehen habe, wie kurz nach Beginn des Hubs die Halteseile und ein Teil des Hakens auf den Ponton gefallen seien. Das Schiff sei zur Kai-Kante gerollt.
In diesem Augenblick setzt das im Netz kursierende Video ein. Darin ist zu sehen, wie der riesige Doppel-Ausleger infolge des plötzlichen Last-Verlustes wie ein gewaltiges Katapult hintenüber schleudert, dann beide Streben wie Streichhölzer abknicken und auf das Schiff und den Kai krachen, während ein gelbes Teil des Hakens, offenbar die so genannte Hakenflasche, am Seil über dem Ponton schaukelt und dann auch in die Höhe schnellt – knapp an der Kanzel vorbei, die wohl nur leicht touchiert wurde. Die mächtige „Orion“ liegt mit deutlicher Schlagseite am Kai.

Erste Ergebnisse bei Suche nach der Unglücksursache – Haken ist gebrochen

Auf Youtube wurde viel zur Ursache des Unglücks spekuliert. Ein User vermutete, dass der Kranhaken versagt habe, denn man sehe im Video, dass der Haken mit den vier Armen samt Hebegurten zum Zeitpunkt des Kollapses bereits auf dem Ponton liege. Ein weiterer schreibt: „Das Versagen passierte definitiv im Hakenschaft.“ Der Hakenschaft oberhalb des Drehlagers sei gebrochen.
Beide lagen wohl richtig. Zunächst hatte es zwar geheißen, dass bei dem Test ein Seil gerissen sei. Doch jetzt steht fest, dass der gewaltige, vierbeinige Haken des Krans während des Hubs des Pontons abgebrochen war. Das hat Liebherr in Rostock am Dienstag bestätigt.

Gebrochener Haken nicht von Liebherr produziert

Der schwarze Haken für den HLC 295000, der die fatale Kettenreaktion im Rostocker Hafen ausgelöst hatte, wurde nicht von Liebherr selbst hergestellt, sondern er wurde zugeliefert. Das hat Pressesprecher Dieter Schmidt am Dienstag ebenfalls bestätigt. Er sagte, dass trotz der Produktionstiefe bei Liebherr manche Teile zugeliefert würden. Der Haken, er trägt die Bezeichnung „SWL 5000t“, werde von einem darauf spezialisierten Dienstleister geliefert. Mittlerweile weiß man, dass er von der niederländischen Firma Ropeblock kam.
Die Hakenflasche (gelbes Teil) ist das Teil, in dem der Haken befestigt ist. Sie schnellte bei dem Unglück nach oben und hat die Kanzel, in der sich mehrere Menschen befanden, vermutlich nur leicht touchiert.
Die Hakenflasche (gelbes Teil) ist das Teil, in dem der Haken befestigt ist. Sie schnellte bei dem Unglück nach oben und hat die Kanzel, in der sich mehrere Menschen befanden, vermutlich nur leicht touchiert.
© Foto: Bernd Wüstneck, dpa

Polizei stellt gebrochenen Kran-Haken für Ermittlungen sicher

Nach Angaben der Polizei wurde der Haken im Zuge erster Ermittlungen sichergestellt. Dort hieß es: „Nach gegenwärtigem Stand ist davon auszugehen, dass der Haken vermutlich durch einen Materialfehler gebrochen ist und so diesen Unfall verursacht hat.“ Die gute Nachricht ist, dass bei dem schweren Unfall keine Umweltschäden enstanden waren. Laut Hafenamt ist lediglich etwa ein Eimer voll Öl ausgelaufen, das aber eingefangen werden konnte.

Wie hoch ist der Schaden, am Liebherr HLC 295000 und dem Schiff Orion?

Die Höhe des Schadens am Kran und an dem Spezialschiff „Orion“ kann noch nicht genau beziffert werden. Wie der NDR berichtet, spricht die Polizei von einer Schadenshöhe von 50 - 100 Millionen Euro. Liebherr-Sprecher Dieter Schmidt sagte am Montag dazu: „Wir können zur Schadenshöhe derzeit nichts sagen, die Schadensaufnahme läuft.“ Aber man werden alles unternehmen, um die Beteiligten bei der Aufklärungsarbeit zu unterstützen.

HLC-Schwerlastkran hätte bald ersten Einsatz vor Schottland gehabt

Wie es jetzt weitergeht mit den havarierten Riesenkran, ist unklar. Eine Reparatur, sofern möglich, dürfte lange dauern, schließlich hatte allein die Montage des Krans fast zwei Monate gedauert. Die Produktion des Krans dauerte mehr als fünf Monate.
Schmidt zufolge wurde der HLC295000 überwiegend in Rostock konstruiert und hergestellt. Einige Teile kommen aber auch aus Biberach: Der Drehkranz und die Winde wurden am Biberacher Standort von Liebherr gefertigt. In Biberach werden die so klassischen Turmdrehkrane hergestellt, das Werk hat rund 1630 Mitarbeiter.
Sicher ist, dass sich einige Projekte, für die der Kran bald auf dem Spezialschiff „Orion“ verwendet worden wäre, erheblich verschieben dürften. Einer der ersten Einsätze des HLC295000 wäre am „Moray East Windpark“ gewesen. Dabei handelt es sich um ein großes Offshore-Windparkprojekt mit 100 Anlagen, 22 Kilometer vor der schottischen Küste.

Zahlen und Fakten zu Liebhers Superkran HLC295000

Der HLC295000 - HLC steht für „Heavy Lift Crane“, also Schwerlast-Kran – hat enorme Leistungswerte:
  • Allein der Ausleger des HLC 295000 ist 160 Meter lang. Selbst ein Fußballfeld würde der Kran um 70 Meter hinausragen.
  • Der Hauptteil des Krans selbst ist 90 Meter hoch
  • Der HLC erreicht damit eine Hubhöhe von bis zu 180 Meter. Das ist fast doppelt so hoch wie die Freiheitsstatue in New York und immer noch deutlich höher als das Ulmer Münster (161,5 Meter). Und sogar um 23 Meter höher als der Kölner Dom (157 Meter).
  • Liebherrs HLC295000 hat ein Leistungsvermögen von 8 Megawatt. Mit seiner Tragfähigkeit von 5000 Tonnen bei einer Ausladung von mehr als 30 Metern könnte er theoretisch neun voll beladene Airbus A380-Flugzeuge an den Haken nehmen oder rund 90 einsatzbereite Bundeswehr-Kampfpanzer des Typs Leopard 2.

Die Sleipnir ist der größte Schwimmkran der Welt

Weit größer als Liebherrs HLC295000 auf der Orion ist übrigens ein Schwimmkran: Der zurzeit leistungsfähigste Schwimmkran der Welt ist die Sleipnir, ein so genannter halbtauchender Schwimmkran mit einer Länge von 220 Metern und einer Breite von 104 Metern. Die Sleipnir mit dem Entwicklungsnamen „GVA 20000 HLV“ gehört dem niederländischen Unternehmens Heerema Marine Contractors (HMC) und kann mit seinen beiden Kranen zweimal 10.000 Tonnen heben, zusammen hat die Sleipnir also eine Hubkapazität von 20.000 Tonnen. Der Bau des 2019 in Dienst genommenen Schwimmkrans hat rund 896 Millionen Euro gekostet. Die Firma HMC ist in der Offshore-Öl- und Gas-Industrie tätig.

Zwei Liebherr Mobilkrane aus Hafenbecken geborgen

Anfang 2020 waren bereits zwei Mobilkrane von Liebherr im Hafenbecken gelandet. Sie waren beim Beladen auf ein Schiff ins Rutschen geraten und ins Wasser gestürzt. Mehrere Wochen lang lagen die beiden havarierte Hafenkräne in Rostock im Wasser. Inzwischen sind die mehrere Millionen teuren Krane mit dem niederländischen Schwimmkran „Hebo Lift 9geborgen.
Der Standort von Liebherr am Rostocker Hafen, hier geschah der Unfall mit dem HLC295000.
Der Standort von Liebherr am Rostocker Hafen, hier geschah der Unfall mit dem HLC295000.
© Foto: ROSTOCK PORT/nordlicht

Das sind der Liebherr-Konzern und die Liebherr-MCCtec Rostock GmbH

Insgesamt beschäftigt der Liebherr-Konzern mit Sitz im schweizerischen Bulle sowie im oberschwäbischen Biberach an der Riß (Baden-Württemberg) weltweit 48.049 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Der der 1949 in Kirchdorf an der Iller im Kreis Biberach gegründete Hersteller von
  • Krananlagen
  • Bergbaugeräten
  • Verkehrstechnik
  • Haushaltsgeräten
erzielte 2019 einen Erlös von 11,75 Milliarden Euro.
Die Liebherr-MCCtec Rostock GmbH wurde 2002 gegründet. Das Werk an der Ostsee nahm 2005 den Betrieb auf und entwickelt und fertigt
  • Schiffskrane
  • Hafenmobilkrane
  • Offshorekrane
  • Hafentransportfahrzeuge (Reachstacker)
  • Komponenten für Containerkrane
Einige Fakten zum Unternehmen Liebherr MCCtec Rostock GmbH:
  • Gründung: 2002
  • Mitarbeiter: 1640
  • Bebaute Fläche: 136.000 Quadratmeter
  • Gesamtfläche: 451.000 Quadratneter
.