Das Jahr 2020 wirft seine Schatten voraus auf drei große Geburtstage: Hegel, Beethoven und Hölderlin. Keiner der drei war je in Rottenacker, doch aus der kleinen Gemeinde stammt der Porträtist, der 1792 den Dichter Friedrich Hölderlin in Ölpastell verewigt hat. Anlass genug für den Leiter der Arbeitsstelle für literarische Museen, Archive und Gedenkstätten in Baden Württemberg, Dr. Thomas Schmidt aus Marbach, dem Heimatmuseum in Rottenacker einen Besuch abzustatten: „Das Bild ließ Hölderlin als Hochzeitsgeschenk für seine Schwester Rike anfertigen“, erzählte Schmidt.

Zwei Libretti zu Opern

In einem Brief an den Bruder bedankte sich die Beschenkte mit dem Kommentar, dass sie leider keine Ähnlichkeit mit ihm feststellen könne. Und doch sei es das Gesicht geworden, das wir mit Hölderlin verbinden, „das sich in das Gedächtnis der Literaturgeschichte eingeschrieben hat“, sagte Schmidt. Das Bild habe einen unschätzbaren Wert, sei derart kostbar, dass das Original mit der empfindlichen Ölkreide nicht ans Licht gelangen dürfte und im Bildarchiv in Marbach liege.

Auch ohne dieses Bild, das der Maler von seinem Dichterfreund in Tübingen angefertigt hat, könne man in Rottenacker auf Franz Carl Hiemer (1768 – 1822) stolz sein, hinterließ der Maler und Dichter doch auch zwei Libretti zu Opern von Carl Maria von Weber (Silvana und Abu Hassan).

Eingebettet war der Besuch in das dritte Treffen zum Austausch und Weiterentwicklung der literarischen Orte, dem Literaturnetzwerk Oberschwaben, dieses Mal in Rottenacker und Oberstadion. Nach dem Museumsbesuch wurden die Teilnehmer mit auf die Winterreise Hölderlins genommen. Der Kulturwissenschaftler Prof. Dr. Thomas Knubben hatte sich 2006 auf die Reise begeben, die Friedrich Hölderlin im Jahre 1801 angetreten hatte: von Nürtingen nach Bordeaux. Beide gingen zu Fuß.

Hölderlin trat in Bordeaux in der deutschen Gemeinde eine Hauslehrerstelle an und kehrte schon nach wenigen Wochen wieder zurück – als Getriebener in einem desaströsen gesundheitlichen Zustand. Hatte er in Bordeaux erfahren, dass seine große und unglückliche Liebe im Sterben lag?

Knubben wollte nach langjähriger Hölderlin-Forschung eine Erfahrung am eigenen Leibe machen, mit der Frage, was beim Gehen so alles in einem passiere. Daraus entstand ein Reisebericht, eine Collage aus biografischen Versatzstücken Hölderlins und eigenen Reiseerfahrungen.

Zur Lesung spielte Susanne Hinkelbein, Musikerin und Komponistin aus Tübingen, Akkordeon und legte auf die im Hintergrund laufende Klaviermusik der Winterreise eine neue Klangspur, die den Schubertweisen ihre Lieblichkeit nahm und die schroffen Bedingungen des Winters hervorhob.

Das Netzwerk besuchte im Anschluss an die Lesung das Krippenmuseum in Oberstadion, um sich dort mit dem Pfarrer und Jugendschriftstellers Christoph von Schmid zu beschäftigen.