Rettungsdienst Luftrettung: Gegen die Zeit, für das Leben

Region / Amrei Groß 25.01.2018
Am 25.1. ist Tag der Luftrettung - deshalb präsentiert der ADAC dann die Einsatzzahlen seiner Stationen.

Wenn der Rettungshubschrauber kommt, ist etwas Schlimmes passiert. Diese Vorstellung ist in den Köpfen vieler Menschen fest verankert. Das ist aber nicht zwingend so: „Die Entscheidung, wann wir starten, liegt bei der Leitstelle“, sagt Tom Schneider, der seit mehr als zwei Jahrzehnten Einsätze für die Luftrettungsstation Christoph 22 am Bundeswehrkrankenhaus in Ulm fliegt. Zunächst als Rettungsassistent, heute als Notfallsanitäter. Zwar werde der markante, gelbe Hubschrauber oft zu schweren Verkehrsunfällen und Patienten mit Brandwunden oder Traumata gerufen. Manchmal aber ist auch alles halb so wild. Entscheidend für die Frage, ob der Notarzt aus der Luft oder bodengebunden anrücke, sei nicht die Schwere von Verletzungen oder Erkrankungen, sondern einzig und allein eines: Wie kommt er am schnellsten zum Patienten?

Fliegen ist weitaus mehr Stress

„Unser Ziel ist eine schnellstmögliche, kompetente medizinische Versorgung“, bestätigt Notärztin Sylvia Kerndl, die ebenfalls seit mehr als 20 Jahren zum Team gehört. Nicht immer bedeute ein Hubschrauber vor Ort, dass der Betroffene auf dem Luftweg in die Klinik komme: „Manchmal ist Christoph 22 nur Notarztzubringer.“ Denn „für einen Patienten ist es in der Regel weitaus mehr Stress zu fliegen, als gefahren zu werden.“ Was letztendlich der optimale Mittelweg zwischen schonendem und schnellstmöglichem Transport ist, sei immer eine Einzelfallentscheidung.

Seit dem 2. November 1971 ist am Bundeswehrkrankenhaus in Ulm ein Rettungshubschrauber stationiert. Anfangs eine militärische Bell UH 1D, steht seit dem 1. April 2003 mit dem zitronengelben Christoph 22 ein ziviler Hubschrauber vom Typ BK-117 im Dienst der durch den ADAC getragenen Station. Anfang Dezember haben die Retter ein verfrühtes Weihnachtsgeschenk bekommen: einen Airbus-Helikopter vom Typ H145. Er ersetzt die in die Jahre gekommene BK und punktet mit mehr Leistung, mehr Platz für die Versorgung des Patienten und einem Autopiloten.

Von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang steht Christoph 22 grundsätzlich für Einsätze bereit. Wann das Wetter einen Flug tatsächlich zulässt, ist „am Ende Ermessenssache des Piloten“, erklärt Stationsleiter Marc Rothenhäusler. Der ADAC verlange eine Mindestsichtweite von 1,5 Kilometern in einer Höhe von etwa 150 Metern. Hat nur einer an Bord Bedenken, hebt Rothenhäusler aber auch dann nicht ab, wenn diese Bedingung erfüllt ist. „Oberste Priorität hat die Sicherheit der Crew.“ Es helfe niemandem, wenn er zu einem Patienten starte, dort aber nie ankomme. Eines ist ihm dabei wichtig: „Es ist nicht so, dass den Menschen in der Region nicht geholfen wird, wenn wir nicht fliegen.“ Die Rettung komme dann nur nicht aus der Luft. Bei schlechter Witterung unterstützt die Hubschrauberbesatzung den Rettungsdienst am Boden mit einem Notarzteinsatzfahrzeug. Vor allem im Winter ist das nicht selten der Fall. „Wir sitzen hier im London Deutschlands“, witzelt Tom Schneider, während Rothenhäusler vom „Nebel des Grauens“ spricht, der an manchen Tagen den Eselsberg und Ulm verhülle.

Während ihre Kollegen im bodengebunden Rettungsdienst zunehmend verbaler und teilweise sogar körperlicher Gewalt ausgesetzt sind, steht die Bevölkerung den Luftrettern positiv gegenüber. „Für viele Ulmer ist Christoph 22 ihr Hubschrauber“, glaubt Kerndl. Gemault und geschimpft werde zwar bisweilen, „einen tätlichen Angriff habe ich aber noch nie erlebt.“

Hier sei das Klischee, dass ein Rettungshubschrauber nur in wirklich schlimmen Fällen komme, vielleicht sogar hilfreich. Dafür beschäftigt die Notärztin ein ganz anderes Problem: „Wo wir landen, wird gefilmt und fotografiert.“ Oftmals landeten die privaten Aufnahmen aus dem Einsatz schneller in den sozialen Medien, als die Einsatzkräfte die Angehörigen eines Patienten informieren könnten.

Verstehen ohne viele Worte

20 Notärzte, sieben Rettungs­assistenten und Notfallsanitäter sowie drei Piloten gehören zur Station in Ulm. Sie alle arbeiten nicht ausschließlich in der Luftrettung, sondern leisten auch regelmäßig Dienste in Klinik und Notaufnahme. Viele von ihnen bilden seit Jahren ein eingespieltes Team. So wie Tom Schneider und Sylvia Kerndl. „Im Einsatz brauchen wir nicht viele Worte“, sagt die Notärztin. „Wenn ich Tom anschaue, sind in diesem einen Blick drei bis vier Informationen enthalten.“ Beide wüssten, was der jeweils andere gerade denke oder was er sagen wolle. „Manchmal merken Außenstehende nicht einmal, wer von uns beiden der Notarzt und wer der Notfallsanitäter ist.“

Hubschrauber starten rund 150 Mal pro Tag

Aktuelle Zahlen Zum heutigen Tag der Luftrettung präsentiert die ADAC Luftrettung ihre Einsatzstatistik 2017. Die Zahlen sind im Vergleich zum Vorjahr nahezu unverändert. Bundesweit starteten die Hubschrauber im vergangenen Jahr zu rund 54 500 Notfällen; im Schnitt hoben die Crews rund 150 Mal am Tag ab. Die Zahl der versorgten Patienten lag mit mehr als 49 000 ebenfalls annähernd auf Vorjahresniveau.

Auch bei Christoph 22 sind die Zahlen stabil: 1629 Mal rückte der Hubschrauber  2017 aus. Mit mehr als 87 Prozent liegt der Schwerpunkt der Einsätze klar in Baden-Württemberg, nur 208 Mal sind die Ulmer Retter ins benachbarte Bayern geflogen. agr

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel