Wenn du nicht brav bist, kommst du ins Heim.“ Die Zeit, in der viele Kinder diesen Satz zu hören bekommen haben, wenn sie ungehorsam waren, liegt noch nicht lange zurück. Dass der Satz schnell mehr als eine Drohung sein konnte, verdeutlicht die Ausstellung „Heimerziehung in Baden-Württemberg von 1949 bis 1975“. Es ist eine vom Landesarchiv in Stuttgart konzipierte Ausstellung, die bis 25. Februar im Forum in den Rathaus-Arkaden in Crailsheim zu sehen ist. Stadtarchivar Folker Förtsch hat sie nicht nur nach Crailsheim geholt, sondern sie auch noch regionalisiert. Ein Teil der Ausstellung befasst sich mit dem Kinder- und Erziehungsheim Tempelhof (1843–1981) und dem Säuglings- und Kleinkinderheim Mistlau (1946–1975).

Zur Ausstellungseröffnung in Crailsheim war Nastasja Pilz vom Landesarchiv gekommen. Die Projektverantwortliche zeigte in ihrem Vortrag, dass das Thema Heimerziehung, auch wenn in der Ausstellung der Zeitraum von 1949 bis 1975 behandelt wird, keinesfalls erledigt ist. „Noch heute leiden Tausende ehemalige Heimkinder unter den Erfahrungen der Heimerziehung der 50er- und 60er-Jahre“, betonte die Historikerin.

Sie zeigte auf, dass das System der Jugendfürsorge in diesen Jahrzehnten „durch konstanten Mangel in vielen Bereichen überfordert war“. Es habe keine Konzepte zur, wie es damals hieß, Verwahrung unzähliger Kinder in einer hochtraumatisierten Nachkriegsgesellschaft gegeben. Die Heimerziehung sei bis in die 1970er-Jahre hinein im wahrsten Sinn des Wortes das Stiefkind des Wirtschaftswunders geblieben.

Die Historikerin weiß, von was sie spricht. Mittlerweile haben sich annähernd 1800 Betroffene beim Landesarchiv gemeldet und von ihren Heimaufenthalten berichtet. Es sind in aller Regel Erzählungen von leidvollen Erfahrungen. „Körperliche, psychische und sexualisierte Gewalt in Kinderheimen war leider nicht die Ausnahme, sondern häufig die Regel“, zog die Wissenschaftlerin ein düsteres Fazit. Jungen Menschen sei unendlich viel Leid und Unrecht zugefügt worden.

Davon sind die Heime auf dem Tempelhof und in Mistlau nicht ausgenommen. Ein Blick in die Akten des Landesjugendamtes genüge, um, so Pilz, davon ausgehen zu können, „dass auch hier Gewalt, Isolation, Demütigung und auch Missbrauch zum Alltag gehörten“. Als Beispiel zitiert sie aus einem Brief eines auf dem Tempelhof untergebrachten Jungen, der 1958 an seine Mutter geschrieben hat: „Bitte unternehme sofort etwas wegen dem, was ich dir in den Ferien gesagt habe (…) Einen so scheinheiligen, feigen und schmierigen Pfarrer habe ich noch nie erlebt.“ Gegen diesen Mann wurde jedoch erst Jahre später vorgegangen. Was bis dahin alles noch passiert ist, wissen nur die Betroffenen.

Heime gibt es auch heute noch, auch im Landkreis Schwäbisch Hall. „Sie haben ihre Berechtigung“, unterstrich Bürgermeister Herbert Holl in seinem Grußwort. Er verwies darauf, dass diese Einrichtungen immer auch Spiegelbilder der Gesellschaft sind: „Was heute verwerflich ist, war damals zumindest akzeptiert.“ Wobei, ergänzte er, für jeden, der Kinder in seiner Obhut gehabt hat, hätte klar sein müssen, dass die Anwendung jedweder Gewalt unzulässig ist. Für Holl ist es wichtig, aus der Vergangenheit zu lernen. Deshalb müsse sich jeder die Frage stellen, wie er mit anderen Menschen umgeht. Für Holl steht fest: „Wie der andere sich fühlt, liegt auch an uns.“

Begleitprogramm zur Ausstellung


Zeitzeugengespräch mit dem früheren Heimkind Michael Böhm (unter anderem Tempelhof) und Nora Wohlfarth (Landesarchiv) im VHS-Konvent im Spital am Montag, 29. Januar, von 10 bis 11.30 Uhr.  Am Mittwoch, 14. Februar, um 18 Uhr: Führung durch die Ausstellung; ebenso am Sonntag, 25. Februar, um 11 Uhr.
 Die Ausstellung ist bis 25. Februar im Forum in den Rathaus-Arkaden zu sehen. Die Öffnungszeiten: Montag bis Freitag von 8 bis 16.30 Uhr sowie an den Sonntagen, 28. Januar, 11. und 25. Februar, jeweils von 11 bis 18 Uhr. pm