Crailsheim Gemeinsam auf Spurensuche

Crailsheim / Birgit Trinkle 03.09.2018
Zum Europäischen Tag der jüdischen Kultur führt der Crailsheimer Stadtarchivar Folker Förtsch zu Häusern, Geschichten und Menschen aus vielen Jahrhunderten.

Ein altes Foto zeigt ihn als geehrtes Mitglied der Feuerwehr. Er hat das Rote Kreuz unterstützt und wurde 1931 mit der zweitbesten Stimmenzahl zum zweiten Mal in den Crailsheimer Gemeinderat gewählt. Wenig später waren die Nazis an der Macht und David Stein, der Hochgeachtete, Geschätzte, verlor alles; die Schulkinder hänselten ihn auf der Straße. Er wurde nach Theresienstadt deportiert und in Treblinka ermordet.

Zum Europäischen Tag der jüdischen Kultur führte Stadtarchivar Folker Förtsch am Sonntagvormittag über den jüdischen Friedhof, am Nachmittag dann „auf den Spuren jüdischen Lebens“ durch Crailsheim. Gerade die Geschichte David Steins war ihm dabei wichtig: „Ich dachte immer, so etwas wäre heute niemals möglich, jetzt bin ich nicht mehr so sicher.“ In kürzester Zeit sei die Bevölkerung damals „auf Linie“ gebracht worden. Aus dem Stein-Schicksal lasse sich ablesen, was schon mal passiert sei, wo die „Knackpunkte“ einer solcher Entwicklung seien. „Das ist einer der Gründe, warum wir das hier anbieten.“

Viel mehr als die Synagoge

Jüdisches Leben in Crailsheim – den meisten fällt dazu die frühere Synagoge ein oder das Kaufhaus und die Läden in der Langen Straße, an die sich betagte Crailsheimer noch erinnern. Förtsch zeigte den rund 30 Teilnehmern aber, dass es überall Erinnerungen gibt.

„Stolpersteine“ sind kleine Metallplatten vor der letzten frei gewählten Wohnung des jüdischen Mitbürgers, an den sie erinnern. Der Stolperstein, der anzeigt, wo Viehhändler Jakob Essinger einst gelebt hat, liegt mitten auf dem Marktplatz – der jetzt dreimal größer ist als früher. Durch die Zerstörung Crailsheims sind auch die steinernen Zeugnisse jüdischen Lebens in Schutt und Asche gelegt. Die Führung Förtschs lebt also vor allem von historischen Fotos, Stichen, Urkunden.

Der Anfang einer Katastrophe

Der erste Nachweis, dass es Juden gab in der Stadt, ist die Kunde vom Pogrom im Pestjahr 1349. Als Brunnenvergifter wurde rund ein Drittel der jüdischen Bevölkerung ermordet, wie in vielen umliegenden Städten auch. Weil damit Eigentum des Kaisers Karl V. vernichtet wurde, mussten Städte wie Nürnberg als Sühneleistung eine Marienkirche bauen. Förtsch: „Vieles spricht dafür, dass das auch auf die Kirche Zu Unserer Lieben Frau in Crailsheim zutrifft.“ Die 1370 erstmals erwähnte Liebfrauenkapelle eine direkte Folge der Judenmorde – das war gestern für die meisten Teilnehmer eine Überraschung.

Förtsch sprach von armen Juden und leicht zu widerlegenden Vorurteilen, und er stellte zum Beispiel die Berufe des Schacherers und des Schmusers vor; Letztere verführten zum Kauf und begründeten damit das moderne Marketing, wie eine Teilnehmerin anmerkte. Station um Station, jüdische Familie über Familie wurden vorgestellt und immer wieder Gebäude angesteuert, die zumindest Fremde niemals mit jüdischem Leben in der Stadt in Verbindung gebracht hätten. Etwa das Alte Schloss. Hier erhielten die mittelalterlichen Juden den Schutzbrief des Ansbacher Markgrafen – von dem, was dafür zu zahlen war, hätte man ein Haus in der Stadt bauen oder kaufen können. Die weniger wohlhabenden Juden mussten sich auf ihr Glück verlassen, aber auch die „Schutz-Juden“ erfuhren 1597, dass die so teuer erkauften Privilegien – also Schutz und Sicherheit – mit einem Federstrich entzogen werden konnten.

Im heutigen Amtsgericht fand am 21. März 1933 auch die „Judenauspeitschung“ durch SA-Standartenführer Friedrich Klein und seine Heilbronner Schergen statt. Wer nicht wusste, dass die „Hedagerte“ ein mit Leder umwickeltes Stahlband ist, muss sich das nicht merken. Dass aber Josef Böhm physisch und vor allem psychisch an dieser Gerte zerbrach und damit Crailsheims erstes Opfer des Naziterrors wurde, das wird, wenn’s nach Folker Förtsch geht, nicht vergessen.

Er ging auf die Rolle der Kirche ein oder auch auf die Emanzipation der Juden und ihre Verdienste um die Entwicklung der Stadt im 19. Jahrhundert – um nur das Gaswerk und den Turnverein zu nennen. Er sprach über zwei Stunden, so kenntnisreich, einfühlsam und verständlich, dass er herzlichen Applaus erhielt. Seine größte Belohnung, auch das wurde deutlich: Wenn Crailsheimer wie David Stein und Josef Böhm in Erinnerung bleiben.

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