Themen in diesem Artikel

Crailsheim
Crailsheim / Sebastian Unbehauen  Uhr
Vor 100 Jahren werden die Spartakistenführer Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg erschossen. Luxemburgs Mörder Hermann Souchon lebt später unbehelligt in Crailsheim.

Dass es kein Zurück gibt, ist Anfang 1919 klar. Der Erste Weltkrieg hat alte Strukturen beiseite gewischt, hat mächtige Reiche von der Landkarte getilgt, eine ganze Generation junger europäischer Männer getötet, verwundet, traumatisiert, er hat zerrüttete, verschuldete, blutleere Volkswirtschaften hinterlassen und reale Lebensperspektiven in bloße Erinnerungen an eine bessere Zeit verwandelt.

Wohin es gehen soll, ist Anfang 1919 hart umkämpft. Deutschland steht am Rande eines Bürgerkriegs. Der Kaiser hackt im niederländischen Exil Holz, SPD-Politiker Philipp Scheidemann hat die bürgerlich-demokratische, Karl Liebknecht die sozialistische Republik ausgerufen. Viele Soldaten kehren von den Schlachtfeldern in ihr normales Leben zurück, für andere gibt es keinen einfachen Weg in die Zivilität. Sie organisieren sich in reaktionären Freikorps, die vom Hass auf jene Kräfte zusammengehalten werden, die der angeblich unbesiegten Reichswehr den heimtückischen „Dolchstoß“ versetzt haben sollen: Demokraten, vor allem aber „die Roten“, die Spartakisten, jene, die einen sozialistischen Staat wollen.

Rosa Luxemburgs Ideen sind nach wie vor aktuell, sagt Dagmar Enkelmann, Chefin der RLS. Ein Interview zum 100. Todestag.

Reaktionärer Rekrut

Ein Rekrut in den Reihen der Reaktionären ist Hermann Souchon, Jahrgang 1894, Leutnant zur See, Neffe des kaiserlichen Admirals Wilhelm Souchon, Mitglied der Marine-Eskadron Pflugk-Harttung. Er verpasst Rosa Luxemburg am 15. Januar 1919, das gilt heute als weitgehend gesichert, den Kopfschuss. Nach dem Zweiten Weltkrieg verschlägt es ihn ins Hohenlohische.

Mit führenden Sozialdemokraten verbindet Männer wie Souchon eigentlich nichts – außer die unbändige Furcht vor einer bolschewistischen Revolution nach russischem Vorbild. Reichspräsident Friedrich Ebert (SPD) hasst die Revolution nach eigener Aussage „wie die Sünde“, er steht wie die Mehrheitssozialdemokratie für einen reformistischen Weg hin zur demokratischen Verfassung einer bürgerlichen Republik. Die Spartakisten mit ihren Anführern Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg hingegen – selbst sozialdemokratische Gewächse, die sich aber zum Beispiel über die Frage der Kriegsfinanzierung von ihrer Partei entfremdeten – sinnen auf den harten Bruch mit dem Gestern.

Der Kammerchor Stuttgart feiert sein 50-jähriges Bestehen. Prominente Unterstützung gibt’s von Iris Berben.

In Crailsheim bleibt es ruhig

In Crailsheim übrigens gibt es nach dem Krieg keine revolutionären Aufwallungen. Zwar bildet sich am 29. November 1918 ein Bürger- und Bauernrat, was aber ohne große Bedeutung bleibt. „Hier gab es einfach kein sozialdemokratisches beziehungsweise sozialistisches Milieu“, sagt Stadtarchivar Folker Förtsch. Crailsheim ist noch keine Industriestadt, das kleinstädtische Bürgertum und die beim Staat angestellten Eisenbahner wollen nichts mit dem revolutionären „Pöbel“ zu tun haben, und die Bauern sind seit Ende des 19. Jahrhunderts nicht mehr im linken Spektrum angesiedelt, sondern wählen meist den rechten Bauern- und Weingärtnerbund.

Doch zurück nach Berlin: Für die Freikorps steht außer Frage, dass die linken Rädelsführer wegmüssen. Und vieles spricht dafür, dass der SPD-Politiker Gustav Noske, der in der Übergangsregierung Volksbeauftragter für Heer und Marine ist, das zu diesem Zeitpunkt auch so sieht. Waldemar Pabst jedenfalls stellt es später so dar.

Pabst ist 1919 Generalstabsoffizier der Garde-Kavallerie-Schützen-Division (GKSD), einem Großverband der preußischen Armee. An seine Männer werden Liebknecht und Luxemburg übergeben, nachdem eine Bürgerwehr sie in ihren Verstecken aufgestöbert hat, er verhört sie im Hotel Eden, er gibt den Todesbefehl und will vorher mit Noske telefoniert haben. Pabst: „Über das ,Dass’ bestand also Einigkeit. Als ich nun sagte, Herr Noske, geben Sie Befehle über das ,Wie’, meinte Noske: ,Das ist nicht meine Sache! Dann würde die Partei zerbrechen, denn für solche Maßnahmen ist sie nicht und unter keinen Umständen zu haben. Das soll der General tun, es sind seine Gefangenen.’“

Der General befiehlt’s, seine Männer tun’s – während einer vorgeblichen Überführung der Spartakisten ins Gefängnis Moabit. Liebknecht wird nach einer vorgetäuschten Autopanne hinterrücks erschossen, in Luxemburgs Fall springt Souchon aufs Trittbrett des offenen Wagens und schießt ihr in den Kopf. Die Täter werden nie zur Rechenschaft gezogen, der Prozess vor einem Militärgericht ist eine Farce, erst ein Interview Pabsts mit dem „Spiegel“ 1962 („Ich habe sie richten lassen“) und eine SDR-Dokumentation 1966 bringen Licht ins Dunkel. Die Rolle Noskes bei der Ermordung Liebknechts und Luxemburgs ist eine schwelende Wunde in der stolzen Geschichte der deutschen Sozialdemokratie. Und: Hier zeigt sich eine Spaltung der deutschen Linken, die sie bis heute schwächt.

Souchon flieht 1920 nach Finnland und kehrt erst 1935 nach Deutschland zurück. Im Zweiten Weltkrieg wird er Oberst der Luftwaffe. Nach Hohenlohe kommt er nach dem Krieg. Die Baronin von Crailsheim, eine Tante von Souchons Freund Ottfried Fuchs, lebt auf Schloss Morstein. Dort finden die Souchons Unterschlupf. 1951 zieht die Familie nach Crailsheim, zunächst in ein Häuschen auf dem Hexenbuckel, dann in eine Wohnung in der Karlstraße. Seine Frau betreibt eine kleine Massagepraxis, niemand in der Stadt weiß, welche Vergangenheit Souchon hat.

In Landeskirche aktiv

Dieser ist nun Mitbegründer des „Christlichen Jugenddorfs“ in Stuttgart, das sich um Kriegswaisen kümmert, und arbeitet für die Landeskirche. Wahrscheinlich ist, dass er unter dem Pseudonym Willo Wenger als Ghostwriter das Erinnerungsbuch „Fern und ewig leuchtet Frieden“ des ersten Crailsheimer Landrats nach dem Zweiten Weltkrieg, Götz Kraft von Oelffens, schreibt. Horst Ansel weist darauf in seinem Artikel über Oelffen in der jüngsten Ausgabe der Crailsheimer Geschichtsblätter hin.

Souchon hinterlässt in Crailsheim keine weiteren Spuren, als er 1959 nach Bad Godesberg zieht. Nach Erscheinen des erwähnten SDR-Films zieht er gegen die Behauptung vor Gericht, er sei Luxemburgs Mörder. Mehr ist von ihm in diesem Fall bis zu seinem Tod 1982 nicht zu hören.

Das könnte dich auch interessieren:

Das neue Nationalstaatsgesetz ruft in Israel breiten Protest hervor. Denn es diskriminiert alle Nicht-Juden im Land.

Info

Der Club Alpha in Schwäbisch Hall erinnert am Dienstag um 19 Uhr an die Ermordung Luxemburgs und Liebknechts – mit einem Film und Vorträgen, unter anderem über Hermann Souchon.