In der Landeserstaufnahmestelle (LEA) für Flüchtlinge leben aktuell rund 600 Personen, darunter knapp 150 Kinder. Niemand darf das Gelände verlassen. Aufgrund der Coronaepidemie wurde eine Ausgangssperre verhängt. Die Polizei sichert das Areal und fährt entlang des Stacheldrahts Streife.

Seit Montagnachmittag ist auch die Bundeswehr im Einsatz. 35 Soldatinnen und Soldaten aus Stetten am kalten Markt unterstützen den Betrieb der Einrichtung und helfen im pflegeähnlichen Bereich sowie bei der medizinischen Betreuung. „Beispielsweise beim täglichen Fieber-Monitoring“, schreibt das Regierungspräsidium Stuttgart (RPS) in einer Pressemitteilung.

Allein diese Informationen zeigen schon, wie grundlegend sich das Erscheinungsbild der LEA Ellwangen für die Bürger und für die Bewohner verändert hat. Als die Einrichtung im Sommer 2015 eröffnet wurde, versprach das mehrsprachige „Welcome“-Schild am Eingang, dass der Kontakt mit den Bewohnern der Stadt und der Ortschaften immer möglich, sogar erwünscht sei. Der Stacheldraht um das Gelände wurde als Schutz für die Asylbewerber kommuniziert.

Flüchtlingsinitiativen kritisieren das Vorgehen der LEA Ellwangen

Heute melden Bürger, wenn Flüchtlinge über den Draht steigen oder darunter hindurchschlüpfen. Das gelingt einzelnen offenbar immer wieder, wie die Polizei mitteilt. Nach Nordosten, zum Wohngebiet Kleffelteich hin, sieht man, dass der Draht durchgeschnitten wurde. Die Polizisten nehmen dann die Personalien auf und melden den Fall dem Ordnungsamt. Es handelt sich um eine Ordnungswidrigkeit, für die ein Bußgeld verhängt wird.

Das Land muss sich vonseiten der Flüchtlingsinitiativen den Vorwurf anhören, sehenden Auges in diese Situation gegangen zu sein. Ende Februar, Anfang März, als die Coronagefahr immer konkreter wurde, sei die Zahl der Bewohner durch Verlegungen auf über 600 Personen hochgeschraubt worden, obwohl man wusste, dass die Ansteckungsgefahr in großen Gruppen deutlich höher ist.

Der Verein Flüchtlinge für Flüchtlinge meldet auf seinem Internetportal: „Corona Chaos in Ellwangen“. Weder organisatorisch noch bezüglich des Wohnraums sei die Einrichtung auf die Gefahr vorbereitet gewesen. Auch vorsorgliche Coronatests seien nicht veranlasst worden. Erst als die ersten Bewohner mit Symptomen vorstellig wurden, habe man begonnen zu testen.

Zahl der Infizierten liegt bei fast 400

Das war Anfang April. Am 5. April verhängte die Stadt die Ausgangssperre, die vorerst bis 3. Mai gilt. Ein Quarantänebereich wurde abgetrennt, eine zweite Essensausgabe eingerichtet. Alle Bewohner und Mitarbeiter wurden nun durchgetestet. Die Zahl der Infizierten liegt mittlerweile bei fast 400 Personen, meldet das Landratsamt Ostalbkreis. Man kann sich gut vorstellen, dass der Personalaufwand durch diese Umstände enorm gestiegen ist. Gleichzeitig dürften neben den 30 positiv getesteten Mitarbeitern weitere Kontaktpersonen in Quarantäne sein. Herrscht also Personalnot in der LEA Ellwangen?

Die Pressestelle des RPS formuliert es so: „Alle betroffenen Organisationen und Dienstleister sind sehr bemüht, Ausfälle zeitnah zu ersetzen.“ Der Kantinenbetrieb wurde eingestellt, mittlerweile gibt es für die Bewohner nur noch Lunchpakete. Zum Schutz der Mitarbeiter wurden die Kontaktmöglichkeiten reduziert, Schutzkleidung verteilt, den Bewohnern Mundschutz dringend empfohlen.

Die Bewohner hätten die Situation weitgehend akzeptiert, schreibt das RPS. In der LEA gab es zunächst weder Einkaufsmöglichkeiten noch kostenfreies WLAN in den Wohngebäuden. Mittlerweile wurde immerhin ein Verkauf für Gegenstände des täglichen Bedarfs eingerichtet.