Unternehmerin Die kulturelle Brille abnehmen

Ihre vielseitigen Talente und Erfahrungen kommen Hoda El Gawish bei ihrer Arbeit sehr zugute. Ihr Ziel ist es, Konflikte und Vorurteile abzubauen.  Foto: Frank Lutz
Ihre vielseitigen Talente und Erfahrungen kommen Hoda El Gawish bei ihrer Arbeit sehr zugute. Ihr Ziel ist es, Konflikte und Vorurteile abzubauen. Foto: Frank Lutz © Foto: Foto: Frank Lutz
Von Frank Lutz 25.01.2017

Eigentlich hatte sie gar nicht vor, nach Deutschland zu kommen, geschweige denn hier länger zu bleiben: Amerika war das Traumziel von Hoda El Gawish, seitdem sie zwei Jahre dort in die Schule gegangen war. Doch dann kam der gebürtigen Ägypterin die Liebe dazwischen: An der Sommerschule auf Kreta lernte die studierte Politologin ihren heutigen Mann Haitham Rashidy kennen, der in Deutschland promovieren wollte. Die beiden heirateten und gingen nach München.

El Gawish, die anfangs noch überhaupt kein Deutsch sprechen konnte, machte schnell Fortschritte und schloss dann sogar ein Masterstudium in Internationalen Beziehungen ab. Und als Rashidy am Crailsheimer Standort von Procter & Gamble eine Stelle fand, folgte sie ihm vor neun Jahren hierher.

Glücklicher Zufall

Heute führt die 35-Jährige mit „El Gawish Sprachen“ und „El Gawish Consulting“ gleich zwei Unternehmen in der Horaffenstadt. Auch das hat sich eher zufällig ergeben: „Es war nicht mein Ziel, selbstständig zu sein“, sagt die zierliche Frau mit den braunen Haaren und den großen dunklen Augen. „Schuld“ war eine amerikanische Freundin: Sie wollte die deutsche Sprache lernen.

El Gawish begann die Frau zu unterrichten und kam auf den Geschmack: Neben ihrem damaligen Beruf bei einem internationalen Stuttgarter Verlag begann sie Business Englisch zu unterrichten – daraus ging 2008 El Gawish Sprachen hervor. Heute ist die Sprachschule im McKee-Gebäude an der Haller Straße untergebracht. Elf Mitarbeiter – fast alle Muttersprachler – unterrichten so verschiedene Sprachen wie Deutsch, Englisch, Arabisch und Chinesisch und bieten Übersetzer- sowie Dolmetscherdienste an.

Doch irgendwann war das der umtriebigen Frau nicht mehr genug: „Als Politologin wollte ich mehr als nur Englisch unterrichten.“ Und so ließ sie sich zur Trainerin und Coachin ausbilden und baute sich vor eineinhalb Jahren mit El Gawish Consulting ein zweites Standbein auf.  Der Schwerpunkt liegt auf interkultureller Beratung: Das sei nicht nur wichtig für Geschäftsleute, die einen Aufenthalt im Ausland planen, sondern auch für die Zusammenarbeit in multikulturellen Teams.

Auch ehrenamtliche Mitarbeiter in der Flüchtlingshilfe fragen ihre Dienste manchmal an. Besonders freue es sie, wenn es dabei zu Aha-Erlebnissen kommt und die Helfer besser verstehen, warum der von ihnen betreute Flüchtling sie nicht einfach mit dem Vornamen anreden möchte oder warum er zu einem verabredeten Termin nicht erscheint. Die Kulturen ihrer alten und neuen Heimat zu vergleichen ist El Gawishs Steckenpferd. Detailliert schildert sie den Alltag in Ägypten: etwa dass Religion dort eine viel größere Rolle spielt als hierzulande, dass Hierarchien zwischen Kind und Eltern oder Mitarbeitern und Chef stärker ausgeprägt sind, aber dafür Pünktlichkeit und Planung nicht so wichtig genommen werden.

Sie ist überzeugt: „Die Menschen haben immer die gleichen Konflikte und Ziele.“ Wenn die Menschen erkennen würden, dass sie ihre Umwelt oft durch eine „kulturelle Brille“ wahrnehmen, helfe das, Konflikte zu lösen oder gar nicht erst entstehen zu lassen. Und so vermittelt El Gawish in ihren interkulturellen Trainings nicht nur Basiswissen über die arabische Welt. Sie bittet die Teilnehmer auch zu reflektieren, was andere Menschen an ihnen erstaunlich finden könnten und spricht offen darüber, was Andere an ihr selbst überraschen könnte – etwa dass sie als muslimische Frau fünfmal am Tag betet, manchmal ein Kopftuch trägt und im Ramadan fastet.

Wie ein Oscargewinn

Auch außerhalb ihres Betriebs engagiert sich die Mutter zweier Töchter: An der Hochschule Heilbronn unterrichtet sie deutsche und ausländische Studenten sowie Mitarbeiter im Bereich interkulturelle Kommunikation. Und seit zwei Jahren ist sie Mitglied bei den Wirtschaftsjunioren (WJ) Schwäbisch Hall-Crailsheim und leitet dort unter anderem das Projekt „Integration von Migranten und Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt“.

Eine besondere Ehre wurde ihr in diesem Monat zuteil: Sie wurde mit dem JAM-Star, der höchsten Auszeichnung für besonders aktive WJ-Mitglieder ohne besonderen Posten, ausgezeichnet. Sie ist darüber sehr glücklich: „Das war für mich wie ein Oscar.“

Bundesweite Nachfrage nach Trainings

Erfolgreich Rund 160 Kunden haben bisher den Service von El Gawish Sprachen und El Gawish Consulting in Anspruch genommen. Während die Sprachkunden fast alle aus der Region kommen, werden die Dienstleistungen von El Gawish Consulting in ganz Deutschland nachgefragt.

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