Die Wanderausstellung „Verwahrlost und gefährdet? Heimerziehung in Baden-Württemberg 1949–1975“ ist äußerst gut besucht: Rund 300 Besucher kommen pro Woche ins Forum, wie Archivar Folker Förtsch bei einer Führung berichtet. „Das ist eine der am besten besuchten Ausstellungen hier. Auffällig ist die lange Aufenthaltsdauer, das heißt, dass sich viele sehr intensiv mit den Texten und dem Film auseinandersetzen. Auffällig ist auch, dass viele Besucher anschließend an die Tür des Stadtarchivs klopfen, hereinkommen und fragen: ‚Darf ich Ihnen mal was erzählen?‘ – Das haben wir sonst bei keiner Ausstellung.“

Erfahrungen fallen auseinander

Förtsch bemerkt in den Berichten ehemaliger Heimkinder, dass die persönlichen Erinnerungen und Erfahrungen komplett auseinanderfallen können: „Es gibt extrem positive und extrem negative Schilderungen – und dazwischen alles an Schattierungen.“ So bestätigten ehemalige Heimkinder oft in drastischer Weise, was auf den Informationstafeln dargestellt ist: Willkürliches Getrenntwerden von den Eltern, Lieblosigkeit im täglichen Heim­alltag, fehlende Intimsphäre wegen beengter Raumverhältnisse und ständige Überwachung durch das Aufsichtspersonal, Essensentzug und Essenszwang, sadistische Erziehungsmethoden, Gewalt und Missbrauch.

Viele andere dagegen betonten, so Förtsch, dass es ihnen im Heim sehr gut gegangen sei – vor allem, wenn sie als Kind aus schwierigen familiären Verhältnissen kamen. Eine Frau habe geschwärmt, für sie sei der Heimaufenthalt das Paradies gewesen. Ein Mann habe dagegen nur stockend sagen können, dass er mehrfach vor dem Suizid gestanden sei. Und beide seien im gleichen Heim, in Mistlau, gewesen.

Die negativen Erscheinungsformen der Heimerziehung hätten ihre Ursache einerseits in individuellen Mängeln in der Nachkriegszeit, andererseits auch in der strukturellen Form, erläutert Förtsch. Heime waren sozial abgeschlossene Einheiten ohne Kontrollinstanzen. Dazu komme, dass viele Heime selbstversorgend waren. Bereits kleine Kinder mussten zur Existenz des Heims beitragen. Förtsch nennt das Beispiel Tempelhof: „Vor allem von dort berichten uns viele ehemalige Heimkinder, dass der Hunger zum Alltag gehörte. Die Betroffenen erzählen, wie sie in der Landwirtschaft geschuftet haben – und wie der Anstaltsleiter dann den Schinken und die Eier eingesackt hat und sie nichts davon bekommen haben.“

Manchmal werde im Stadtarchiv auch Kritik geäußert, dass das Gesamtbild der Wanderausstellung zu negativ gezeichnet sei. Förtsch erklärt: „Das eher negative Bild der Ausstellung kommt daher, weil aus den Akten der Personen gearbeitet wurde, die eine Sachentschädigung aus dem Fonds Heimerziehung beantragt haben. Und um diese Entschädigung haben sich eben überwiegend Personen bemüht, die schlecht behandelt wurden.“

Gründe für die Einweisung in ein Heim gab es nach dem Krieg viele: Manche Kinder waren Kriegswaisen, manche kamen aus zerrütteten Familien, waren Scheidungskinder. Auch uneheliche Kinder – teilweise von amerikanischen Vätern – oder verhaltensauffällige Kinder wurden in Heime gebracht. In Baden-Württemberg gab es nach dem Krieg etwa 600 Kinder- und Jugendheime. Rund um Crailsheim gab es mehrere kleine und zwei große Heime: Im Heim in Mistlau (Kirchberg) lebten bis zu 120 Kinder in fünf Familien mit sogenannten „Mütterchen“ als Leiterinnen, auf dem Tempelhof (Kreßberg) waren es bis zu 150 Kinder in zwölf Familien.

Auf Spurensuche

Das Stadtarchiv Crailsheim hat die Ausstellung um Infotafeln ergänzt mit den wichtigsten Infos zu den ehemaligen Kinderheimen in Mistlau, das 1946 von schlesischen Diakonissen in einem leerstehenden Gebäude eingerichtet wurde, und auf dem Tempelhof, das schon 1843 als „Rettungsanstalt für arme, verwahrloste Kinder“ gegründet wurde. Förtsch: „Wir wollten beide Einrichtungen kurz vorstellen. Wir wollten und konnten aber nicht die einzelnen Zustände darstellen und bewerten. Das wäre tatsächlich eine Forschungsarbeit gewesen, die wir nicht leisten konnten.“

Im Stadtarchiv gab es bereits Material zu den beiden Heimen, und mit der Lebensgemeinschaft auf dem Tempelhof gab es eine Kooperation. Das große Interesse am Thema zeigte sich schon im Vorfeld, sagt Förtsch: „Als bekannt wurde, dass wir diese Ausstellung zeigen, kamen viele ehemalige Heimkinder auf uns zu und haben uns Fotos gebracht und uns berichtet.“

Umgekehrt werden Besucher der Ausstellung nun fündig: Mit einem Blick hat Hildegard Müller ihren Mann Jürgen und seinen Zwillingsbruder auf einem Gruppenfoto der Heimkinder auf dem Tempelhof erkannt. Sie ist mit ihrem Sohn und den beiden Enkeln aus der Nähe von Nürnberg angereist. Die Familie hat die frühen Lebensstationen des bereits verstorbenen Vaters nachvollzogen: den Tempelhof, wo Jürgen Müller neun Jahre gelebt hat, und Dinkelsbühl, wo seine Großeltern wohnten und er nach der Zeit im Heim eine Berufsausbildung zum Maurer machte. Hildegard Müller sagt beim Besuch der Ausstellung: „Mein Mann hat kaum etwas vom Tempelhof erzählt.“

Auch sie sucht das Gespräch mit dem Stadtarchivar, erzählt vom Leben ihres Manns, stellt Fragen zur Geschichte des Tempelhofs. „Diese Ausstellung berührt die Betroffenen zutiefst“, resümiert Förtsch. Aber auch, wenn man kein ehemaliges Heimkind  ist, kann man nicht emotionslos durchgehen. Die Ausstellung regt zur Diskussion an und fordert zur Stellungnahme auf.“

Ausstellung läuft noch eine Woche


Bis zum 25. Februar ist die Ausstellung „Verwahrlost und gefährdet? Heim­erziehung in Baden-Württemberg 1949–1975“ in Crailsheim zu sehen – Montag bis Freitag von 8 bis 16.30 Uhr und am Sonntag, 25. Februar, von 11 bis 18 Uhr. An diesem Tag gibt es um 11 Uhr eine weitere Führung mit Stadtarchivar Folker Förtsch.
Der Katalog zur Ausstellung zeigt in Beiträgen mehrerer Autoren die verschiedenen Aspekte der Heimerziehung auf. Er ist im Stadtarchiv zum Preis von 15 Euro erhältlich. hst