Dass die Digitalisierung weite Teile der Arbeitswelt verändert, ist kein Geheimnis. Doch während der Maschinenbau ständig mit Neuigkeiten über intelligente Roboter und Produktionslinien aufwartet, erfasst die digitale Revolution auch ganz andere Branchen, die weniger im öffentlichen Fokus stehen. Oft zu Unrecht: So sind Schätzungen zufolge rund 19 Prozent der Deutschen über 14 Jahre schwerhörig – mit steigender Tendenz. Die Hörakustik-Branche wächst also stetig. Damit steigen die Ansprüche der Kunden, aber auch die Möglichkeiten für die Hörgeräteakustiker, auf diese einzugehen.

Hörgeräteakustiker-Meister Philipp Offenbecher hat jetzt den Schritt gewagt und sein gleichnamiges Hörzentrum in Crailsheim seit letzter Woche zu 100 Prozent auf digitale Fertigung umgestellt. Ein digitaler Scanner ermöglicht ab sofort ein bis auf ein hundertstel Millimeter genaues Arbeiten, das in klassischer Handarbeit nicht möglich war. Damit verfolgt Offenbecher vor allem das Ziel, zum „In-Ohr-Spezialisten“ zu werden. Denn laut Statistik wünschten sich 60 Prozent der Menschen mit Gehörschäden ein Hörsystem, das komplett im Ohr verschwindet, doch nur 12 bis 13 Prozent würden bereits eines benutzen. Die Vorteile einer In-Ohr-Lösung liegen auf der Hand: Das Gerät fällt optisch nicht auf und behindert nicht im Alltag. Bisheriger Nachteil: Viele Benutzer haben das Gefühl, dass ein solches Hörgerät ihr Ohr verstopft.

Digitale Produktion erhöht die Wahrscheinlichkeit für passende In-Ohr-Lösungen

Hier setzt Offenbecher nun bereits im ersten Arbeitsschritt an: Weiterhin in Handarbeit erstellt er aus sehr weichem medizinischen Silikon eine Abformung des Gehörgangs seines Kunden. Dabei habe er eine Methode gefunden, die Abformung so zu gestalten, dass der Schall wieder leichter aus dem Ohr herausgelangen kann. Wie das genau funktioniert, verrät er aber nicht. Neu ist, dass das Silikon ab sofort mit einem elektrischen Injektor in den Gehörgang eingespritzt wird. Ist die Abformung getrocknet, nimmt Offenbecher sie aus dem Ohr des Kunden und bearbeitet sie mit einem Skalpell nach. Dann kommt der digitale Scanner zum Einsatz: Die Abformung wird in ihn eingesetzt, und nach einer Minute erscheint ein dreidimensionales digitales Abbild auf dem angeschlossenen Computermonitor, an dem feine Korrekturen vorgenommen werden können.

Das fertig bearbeitete Bild wird dann automatisch an bis zu zehn Labore geschickt, mit denen Offenbecher zusammenarbeitet. Dadurch hofft Offenbecher, mehr Kunden ein In-Ohr-Hörsystem zu ermöglichen: Er spricht von einer „Verzigfachung der Wahrscheinlichkeit“, dass eines der Labore in der Lage ist, für den jeweiligen Kunden eine In-Ohr-Lösung zu erstellen. Außerdem lasse sich auf diese Weise Zeit einsparen: Früher musste er immer erst auf die Rückmeldung eines Labors warten, bevor er mit einem anderen Kontakt aufnehmen konnte.

Und noch weitere Vorteile biete die digitale Fertigung: Entscheidende Arbeitsschritte, die bisher im Labor erfolgten, verbleiben jetzt in Offenbechers Hand: „Ich als Akustiker mache es selbst. Schließlich kenne ich den Kunden und sein Ohr besser als ein 100 Kilometer entferntes Labor.“ Zudem ermögliche die Arbeit am Computer nachträgliche Korrekturen: „Wenn ich zu viel weggenommen habe, kann ich wieder zurückgehen.“

Erschließt sich das Hörzentrum damit neue Kundenkreise?

Inklusive der nötigen Schulungen hat Offenbecher rund 10.000 Euro in die digitale Produktion investiert. Das sei für einen Hörgeräteakustiker ein sehr hoher Betrag, und er vermutet, dass bisher kein anderer Hörgeräteakustiker in der Region seinen Kunden etwas Vergleichbares bieten kann. Nun hofft Offenbecher, dass sich die Investition langfristig lohnt und ihm neue Kundenkreise erschließt: Er würde gerne weit über die Region hinaus als In-Ohr-Spezialist bekannt werden.

Doch auch in der Region möchte Offenbecher neue Kunden gewinnen: „Die, die Angst hatten, dass es keine kosmetisch gute Lösung gibt“, sagt er. „Und die, die auf keinen Fall ein Hörgerät hinter dem Ohr wollen.“ Nicht zuletzt gelte in der Branche: „Man muss sich heute spezialisieren.“ Eine weitere allgemeine Entwicklung also, die auch an den Hörgeräteakustikern nicht vorbeigeht.

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