Die Anklage, die der Erste Staatsanwalt Martin Hengstler vertritt, lautet auf Totschlag. Dass sich der Angeklagte bei der Tat, derer er beschuldigt wird, auf erhebliche Erinnerungslücken beruft, macht die Beweisaufnahme für die Schwurgerichtskammer unter Vorsitz von Gerhard Ilg nicht einfacher. Ein Meter lang und zehn Zentimeter dick war der Anklage zufolge das Rundholz, mit dem der gelernte Hilfskoch in der Nacht zum 30. April dieses Jahres eine 51-jährige Frau in der gemeinsamen Wohnung in der Ale­xander-von-Humboldt-Straße in Crailsheim erschlagen haben soll – und das mit vermutetem Vorsatz. „Es kam ihm darauf an, sie zu töten“, machte Erster Staatsanwalt Martin Hengstler zu Beginn der Verhandlung deutlich. Von vier „wuchtig geführten Schlägen“ hätten zwei das Opfer am Kopf getroffen; zum Tod führten letztlich massiver Blutverlust und eine Embolie.

Am Morgen danach, so sagten mehrere Polizeibeamte als Zeugen aus, sei der Beschuldigte auf dem Crailsheimer Polizeirevier erschienen. „Aggressiv und laut“ sei er zunächst gewesen, berichtete eine Polizeibeamtin. Und er habe einen unberechenbaren Eindruck gemacht. Es sei nicht ganz klar geworden, was er eigentlich wollte, und er sei zunächst wieder gegangen.

Als eher ruhig und deutlich von einem Geschehen geprägt, das ihm wohl zu schaffen mache, beschrieb dagegen ein Polizeihauptkommissar den Beschuldigten, mit dem er Kontakt hatte, als dieser wenig später erneut auf der Wache auftauchte und mitteilte, eine Frau sei ums Leben gekommen. Der 45-Jährige habe „unbedingt ins Revier reinwollen“ und beide Hände wie zu einer Festnahme vorgestreckt: „Er hat insgesamt den Eindruck erweckt, dass er sich zu einer Täterschaft bekennen will.“

Eislingen/Ulm

Angeklagter Crailsheimer bestreitet die Tat

Davon will der Angeklagte nur wenige Monate später nichts mehr wissen. Er habe die 51-Jährige am fraglichen Morgen wecken wollen, damit sie ihn zur Arbeit fährt, und habe sie tot in ihrem Schlafzimmer gefunden – an mehr könne er sich nicht erinnern, sagt der gebürtige Bosnier, ebenso wenig an Geschehnisse, die der Tat vorausgegangen sein sollen. Freundinnen der getöteten Frau hatten seinerzeit von Streitereien zwischen ihr und dem Angeklagten berichtet, nicht zuletzt wegen dessen übermäßigen Alkoholkonsums.

Den wiederum räumte der 45-Jährige freimütig ein. Jeden Tag nach der Arbeit habe er Wodka und Bier konsumiert. Auch am Tattag, einen Tag vor seinem Geburtstag, habe er sich Alkohol besorgt: „Ich wollte trinken – ich trinke doch immer, sagte er. Vage meine er sich zu erinnern, dass er die 51-Jährige zu Hause angetroffen habe; sie sei dann aber zu einem Treffen mit Kollegen gegangen.

Etwa 1,6 Promille Alkohol sowie Spuren von Benzodiazepinen soll der Beschuldigte medizinischen Untersuchungen zufolge zum Tatzeitpunkt im Blut gehabt haben. Die Staatsanwaltschaft geht daher zunächst von einer eingeschränkten Steuerungsfähigkeit aus. Der psychiatrische Sachverständige Dr. Felix Segmiller bescheinigt dem 45-Jährigen, der von 1992 bis 1996 Soldat in der kroatischen Armee war, neben einer posttraumatischen Belastungsstörung auch „deutlich schwerwiegendere psychische Erkrankungen“; deswegen nimmt der Angeklagte regelmäßig Medikamente.

Die Frau wurde getötet, ihr Hund schwer verletzt

Am zweiten Verhandlungstag, an dem das Gericht vor allem das persönliche Umfeld des Opfers und seine Beziehung zum Angeklagten untersuchte, sind weitere Einzelheiten der Tat bekannt geworden. So wurde das Opfer im Schlafzimmer halb mit dem Oberkörper auf dem Bett liegend, halb am Boden kniend gefunden. Bei dem Tatwerkzeug handelt es sich um einen an einer Seite zugespitzten Pfosten, wie er im Garten zum Zaunbau oder zum Befestigen von jungen Bäumen verwendet wird.

Im Schlafzimmer lag auch der schwer verletzte Hund eines Bekannten der Frau, den sie ab und zu in Obhut genommen hatte. Das Tier war ebenfalls mit dem Rundholz geschlagen worden, überlebte die Verletzungen der Halswirbelsäule jedoch.

Die Beziehung zwischen dem Angeklagten und dem späteren Opfer hatte, wie mehrere Zeugen berichteten, etwa zwei Monate gedauert. Der Mann zog bei der Frau ein, doch erwies sich das Verhältnis als problematisch. „Ich weiß, dass sie sich von ihm trennen wollte, weil er keine Lust hatte zu arbeiten und Probleme mit dem Alkohol hatte“, sagte die Schwester des Opfers. Dessen Sohn berichtete, er habe seine Mutter aufgefordert, sich von ihm zu trennen. „Hau den weg“, habe er zu ihr gesagt. Andere Aussagen deuten darauf hin, dass der Mann leicht aggressiv wurde.

Den Schritt der Trennung hat die Frau schließlich am 20. April gemacht, dem Karsamstag, zehn Tage vor ihrem Tod. Sie warf ihren Lebensgefährten aus der Wohnung und fuhr ihn mit kleinem Gepäck nach Mainhardt, wo er zuletzt gewohnt hatte. „Das Thema ist erledigt“, schrieb sie hinterher ihrem Sohn per Whatsapp, und auch gegenüber dessen Freundin bestätigte sie die Trennung: „Er ist draußen“.

Gericht hört psychiatrischen Gutachter an

Allerdings nahm die Frau den Mann kurz darauf wieder in ihre Wohnung auf – warum ist unklar. Von „Gutmütigkeit“ spricht ein Bekannter des Opfers. Möglicherweise hat den Ausschlag gegeben, dass der Angeklagte eine Arbeit aufgenommen hatte. Andererseits gibt es Aussagen, die darauf hindeuten, dass sich die Frau vor dem Mann gefürchtet hat.

Am dritten Verhandlungstag am heutigen Donnerstag hört das Gericht unter anderem Dr. Felix Segmiller aus Augsburg, der als psychiatrischer Gutachter Auskunft über die Schuldfähigkeit des Angeklagten geben soll.

Das könnte dich auch interessieren: