Am 15. November 1866 war Crailsheim außer Rand und Band: Der erste Zug war in der Stadt eingetroffen, Crailsheim zur Eisenbahnstadt geworden. Am 18. November 2019 treffen sich Abgeordnete der Grünen mit Fachleuten im Bahnhof zu einem Vor-Ort-Termin. 153 Jahre später ist die Stimmung eine völlig andere. Sie reicht von sarkastisch über resigniert bis ein kleines bisschen optimistisch.

Den Bundestagsabgeordneten Harald Ebner treibt der Stillstand am Crailsheimer Bahnhof schon lange um. Mit dem Aktionstag, zu dem auch der bahnpolitische Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion, Matthias Gastel und die Haller Landtagsabgeordnete Jutta Niemann gekommen sind, will Bahnkunde Ebner ein Zeichen setzen. „Es muss in Crailsheim endlich was passieren“, betont er – wohlwissend, dass es, wenn überhaupt, „nur Schritt für Schritt vorwärts gehen wird“.

Landkreis Schwäbisch Hall

Crailsheimer Bahnhof spielt bei den Landesgartenschau-Planungen eine zentrale Rolle

Zur Sprache kamen bei dem mehrstündigen Treffen, bei dem auch Vertreter von Bahn AG, Westfrankenbahn, Go-Ahead und der Nahverkehrsgesellschaft Baden-Württemberg anwesend waren, viele Themen rund um die Bahn. Etwa der Umstand, dass das Industriegleis in Crailsheim stillgelegt worden ist, oder der bevorstehende Betreiberwechsel auf der Strecke Stuttgart–Nürnberg zum britischen Unternehmen Go-Ahead.

Im Mittelpunkt der Veranstaltung in der zugigen Halle stand jedoch der Bahnhof selbst, dafür sorgte vor allem Bürgermeister Jörg Steuler. Er bezeichnete den Bahnhof als „den besterschlossenen Hinterhof Crailsheims“. Dass ein Bahnhof, der täglich von rund 3000 Menschen genutzt wird, der ein Eisenbahnknotenpunkt ist und der einzige IC-Halt in der Region, bis heute nicht barrierefrei ist, ist für ihn „inakzeptabel“. Seit Jahren schon laufen Gespräche mit der Bahn – bis heute ohne Ergebnis. Um das zu ändern, hat die Stadtverwaltung ein Ingenieurbüro beauftragt, sich Gedanken über Verbesserungen zu machen. Das Ergebnis liegt auf dem Tisch: Die Unterführung wird bis zum Alten Postweg verlängert, die Gleise werden über Aufzüge und/oder Rampen barrierefrei erschlossen.

Diese Maßnahmen kosten Millionen von Euro und die Stadt muss einen erheblichen Teil davon übernehmen, obwohl zumindest die Barrierefreiheit eigentlich ureigene Aufgabe der Bahn ist. Doch längst hat sich im Land eingebürgert, dass Kommunen mitfinanzieren, wenn die Bahn Aufzüge installiert oder Rampen zu den Bahnsteigen baut. So schön ein Neubau wäre, für Steuler hat die Barrierefreiheit am jetzigen Bahnhof „Priorität 1 mit Sternchen“. Mit Blick auf die Vertreter der Bahn verwies er darauf, dass in den 2030er-Jahren vielleicht eine Landesgartenschau in Crailsheim stattfindet, und der Bahnhof in den Planungen „eine zentrale Rolle spielt“.

Bürgermeister Jörg Steuler macht Tempo

Die Erwartungshaltung von Steuler bezieht sich aber nicht nur auf den Bahnhof, sondern auf alle Flächen der Bahn in der Stadt. Von denen gebe es eine ganze Menge, und bei einigen sei glasklar, dass sie nie wieder von der Bahn gebraucht würden. Steuler wörtlich: „Crailsheim darf nicht zum zentralen Abstellgleis der Bahn für Baden-Württemberg werden.“ Zumal einige dieser Flächen dringend von der Stadt für eine Landesgartenschau benötigt würden. Der Bürgermeister hofft nun auf „zielführende Gespräche“ mit der Bahn auf Grundlage der von der Stadt vorgelegten Planungen in Sachen Durchstich, Barrierefreiheit und Landesgartenschau. Wie wichtig Bahn und Bahnhöfe für die künftige Mobilität sind, hob auch Grünen-Verkehrsexperte Gastel hervor. Seine Verwandtschaft in einem Teilort von Gerabronn erreicht er bislang nur mit dem Auto.