Ulmer Münster Nach abgebröckeltem Putz: Chorraum bis März 2020 gesperrt

Ulm / Ulrike Schleicher 19.10.2018
Der Kalkzement-Putz in der Gewölbedecke löst sich. Für 460 000 Euro werden jetzt Rippenbögen restauriert, Boden, Chorgestühle und Orgel gereinigt.

Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs am 1. März 1945 erwischte es das Münster doch noch: Eine 500-Kilo-Bombe schlug durch die Decke über dem Chorgestühl. Sie stürzte auf den Boden und blieb dort liegen, ohne zu explodieren. Drei, vier Tage überlegte man, was mit der Bombe passieren soll. „Dann holten sie ein paar wackere Männer mit dem Leiterwagen heraus“, erzählte Münsterbaumeister Michael Hilbert gestern.

Sein Rückblick hatte einen Grund. Denn der Einschlag wirkt indirekt bis heute nach. Denn dass sich am 20. September dieses Jahres ein 250 Gramm schweres Stück Putz aus der Decke gelöst hat und ein weiteres am 4. Oktober, wie Hilbert gestern sagte, ist den damaligen Renovierungsarbeiten geschuldet.

So wurden die beschädigten Rippenbögen zwar ersetzt, aber statt aus Sandstein aus Stahlbeton, „der steinmetztechnisch bearbeitet und mit seiner ockergelben Farbe dem Sandstein täuschend ähnlich sieht“. Die Decke sei mit Kalkzementputz statt mit Kalk verputzt worden. Kalkzement neige zur Rissbildung. „Zusammen mit dem Beton, der sich in eine Richtung dehnt, und dem Kalkzement, der sich strahlenförmig dehnt, sind entlang der Rippenbögen Hohlräume entstanden“, so Hilbert. Ein Klima-Phänomen hat sich zudem auf die Schadensbildung ausgewirkt: der trockene Sommer. Die Luftfeuchtigkeit im Münster sei von im Schnitt 70 Prozent auf 55 gefallen.

Nun soll der Schaden so schnell wie möglich behoben werden. Wie immer beim Münster ein aufwendiges Unterfangen, allein der Fachleute wegen, die man braucht. Hilbert hat sie schon alle beieinander, im Januar soll es losgehen. Das ist die gute Nachricht. Die schlechte: Die Restaurierung dauert zusammen mit der Reinigung des Chorgestühls, der Decke, Wände, des Bodens und der Orgel rund eineinhalb Jahre. „Das heißt der Chorraum und damit auch die Bessererkapelle sind für die Öffentlichkeit gesperrt.“

Ein Kompromiss: Zunächst werde die Süd-, dann die Nordseite gemacht. So könne ein Korridor zur Kapelle frei gehalten werden. Interessant vor allem für Brautpaare, denn es gibt einige, die sich in der Besserer-Kapelle trauen lassen, bestätigt Dekan Ernst-Wilhelm Gohl. „Zehn Paaren müssen wir jetzt absagen.“ Die Sperrung sei eine „Herausforderung“ – betroffen sind Konzertveranstaltungen, Gottesdienste und auch Touristen.

Hoffen auch auf Spenden

Das Geld, insgesamt 460 000 Euro sind veranschlagt, kommt aus verschiedenen Töpfen, sagte Klaus-Peter Baur, Kirchenpfleger der Gesamtkirchengemeinde Ulm. Vom Land, der Landeskirche, aus der Gesamtkirchengemeinde und der Stadt. „Natürlich hoffen wir auch auf Spenden“, sagte Gohl. Zum Weihnachtsmarkt sollen Flyer ausliegen, die auf die Restaurierung hinweisen. Er sei zuversichtlich, dass man den Betrag stemmen könne, ergänzte Baur. Einen positiven Effekt erhoffen sich die Verantwortlichen aber doch noch: „Der Christstollen für den Weihnachtsmarkt wird statt im Keller in der Bessererkapelle gelagert“, sagt Gohl. Ein Ort mit gutem Raumklima. Vermutlich wird man das schmecken.

Das könnte dich auch interessieren

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel