Offenburg / David Nau Obwohl er im vergangenen August einen Arzt in Offenburg mit mindestens 20 Messerstichen getötet hat, wird ein 27-Jähriger freigesprochen. Das Gericht hält ihn für nicht schuldfähig

Es geht ein Raunen durch den Gerichtssaal, nachdem der Vorsitzende Richter Heinz Walter an diesem Dienstagnachmittag das Urteil gegen den 27-jährigen Saleban A. verkündet hat: Freispruch für einen Mann, der im August 2018 einen 52-jährigen Arzt in dessen Praxis in Offenburg mit einem Messer angegriffen hat und mit mindestens 20 Stichen getötet hat. In den Gesichtern einiger Zuschauer steht Unverständnis über das Urteil.

Richter Walter kann die Reaktionen der Zuschauer verstehen. „Wir schließen ein Verfahren ab, dass viele Emotionen ausgelöst hat“, sagt er in der Urteilsbegründung. Weil der 27-Jährige aber an einer schweren psychischen Erkrankung leide und zum Zeitpunkt der Tat möglicherweise nicht Herr seiner Sinne gewesen ist, sei er nicht schuldfähig. „Er konnte nicht mehr frei entscheiden“, sagt Richter Walter. Weil nicht ausgeschlossen werden könne, dass die „Steuerungsfähigkeit aufgehoben war“, habe A. ohne Schuld gehandelt. Und ohne Schuld gebe es keine Strafe, daher der Freispruch des Angeklagten. „Das ist ein grundlegendes Prinzip unserer Rechtsordnung“, sagt der Richter.

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Gericht ist überzeugt, dass der Angeklagte den Arzt getötet hat

Trotz des Freispruchs ist das Gericht fest davon überzeugt, dass es der 27-jährige Asylbewerber aus Dschibuti war, der am 16. August 2018 gegen 8.30 Uhr morgens die Praxis des 52-jährigen Arztes in Offenburg betrat und direkt in das Sprechzimmer des Mediziners ging. Dort sei er schnell auf den Arzt zugegangen, der hinter seinem Schreibtisch saß und habe unvermittelt mit einer 13 Zentimeter langen Klinge auf den Mann eingestochen, sagt der Richter. Noch am Tatort stirbt der Mediziner, eine Arzthelferin, die ihrem Chef noch zur Hilfe eilen will, wird durch Messerstiche verletzt.

Auf freien Fuß kommt Saleban A. trotz seines Freispruchs nicht. Das Gericht ordnete seine Unterbringung in einer psychiatrischen Klinik an – zum Schutz der Allgemeinheit. „Ohne die Unterbringung sind weitere schwere Straftaten wahrscheinlich“, sagt der Richter. Ob der Mann die Klink jemals wieder verlassen darf, ist unklar (siehe Infokasten unten). Sowohl die Staatsanwaltschaft als auch die Anwälte der Opferfamilie und die Verteidiger des Angeklagten hatten sich in ihren Plädoyers für eine dauerhafte Unterbringung des Mannes in der Psychiatrie ausgesprochen.

Die Ehefrau des Getöteten könne das Urteil zwar juristisch verstehen, erklärt ihr Anwalt Gerson Trüg. Ob es aber helfen könne, die Tat zu verarbeiten, sei eine „ganz andere Frage“. Die Frau ist bis heute schwer traumatisiert.

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Ähnlich wie Sicherungsverwahrung

Das Gericht hat die Unterbringung von Saleban A. in einer psychiatrischen Klinik angeordnet. Dort soll versucht werden, die Erkrankung des Mannes zu behandeln. Eine paranoide Schizophrenie kann eigentlich gut therapiert werden. Jedoch verweigert sich der 27-Jährige bislang jeder Behandlung.

Sollte das weiter der Fall sein, dient die Unterbringung laut Richter Walter dem Schutz der Allgemeinheit vor dem gefährlichen Täter. „Das kann unter Umständen auch eine lebenslange Freiheitsentziehung bedeuten“, erklärt Walter. In rund 10 Prozent aller Unterbringungen dauere diese tatsächlich bis zum Tod.