Stuttgart / David Nau Die Physiotherapeuten im Land sind sauer, weil die Krankenkasse IKK bereits bezahlte Rezepte aus den Jahren 2015 und 2016 widerruft.

Klaus May ist sauer. Der Physiotherapeut betreibt in Ellwangen auf der Ostalb eine große Praxis, 16 Therapeuten sind bei ihm angestellt. Zum alltäglichen Stress kommt für May nun seit einiger Zeit ein weiteres Thema hinzu: Er hat Ärger mit der Krankenkasse „IKK Classic“. Die Kasse überprüft aktuell Rezepte aus den Jahren 2015 und 2016, die sie damals bereits kontrolliert und auch ausbezahlt hatte, erneut und fordert die Physiotherapeuten auf, die bezahlten Honorare zurückzuzahlen. Rund 1000 Euro fordert die IKK bislang von Klaus May und hat die Summe – laut May ohne Vorankündigung – direkt von seinen aktuellen Erstattungen abgezogen. Er kann das Vorgehen nicht verstehen: „Uns in einer Zeit des Therapeuten-Mangels so zu triezen, finde ich unmöglich“, sagt er.

Viele Betroffene im Südwesten

Betroffen von der erneuten Überprüfung durch die Krankenkasse ist nicht nur Klaus May. Physiotherapeuten in ganz Baden-Württemberg erhalten seit Ende 2018 Post von der IKK. „In der Mitgliederberatung erreichen uns täglich verzweifelte Anrufe von Mitgliedern“, sagt Roland Hein, Justiziar des Landesverbands des Deutschen Verbands für Physiotherapie. Im Zeitraum Juli 2015 bis Dezember 2015 habe die Krankenkasse laut Verband rund 9000 Rezepte mit Fehlern entdeckt. Das entspreche einem Rezeptwert von rund 800.000 Euro. Die IKK spricht sogar von einer „siebenstelligen Summe“.

Gegen die Überprüfung von Rezepten hat Klaus May generell keine Einwände. „Diese Prüfungen finden ständig statt und es kommt immer wieder vor, dass Formfehler passieren“, sagt er. Oftmals setzten die behandelnden Ärzte auf den Rezepten ein falsches Kreuz oder eine falsche Abkürzung. Dann muss der Therapeut den Arzt bitten, das Rezept zu korrigieren und es erneut einreichen. „Bei Rezepten, die fast vier Jahre alt sind, fehlt mir jegliche Möglichkeit, wieder zu meinem Geld zu kommen“, kritisiert May.

Eine Wartezeit von vier Wochen ist bei Physiotherapeuten keine Seltenheit. In den Praxen fehlen Mitarbeiter und das vorhandene Personal arbeitet am Limit.

Krankenkasse weist Vorwürfe zurück

Das sieht auch der Physiotherapeuten-Verband so: „Eine Krankenkasse, die Rezepte prüft und bezahlt, bringt damit zum Ausdruck, dass diese entweder korrekt waren oder zwar Fehler enthielten, aus Kulanz aber trotzdem vergütet werden“, teilt Justiziar Hein mit. In beiden Fällen könne die Kasse nicht einfach Jahre später das bezahlte Geld zurückfordern. Nach Ansicht des Verbands ist das Vorgehen der IKK „rechtswidrig“.

Diesen Vorwurf weist die Krankenkasse zurück. Die erneute Prüfung der Rezepte sei im Rahmen der „Qualitätssicherung“ erfolgt und außerdem „rechtlich einwandfrei, durch die Vertragslage gedeckt und durch den Grundsatz des wirtschaftlichen Umgangs mit Versichertengeldern auch geboten“, teilt Pressesprecher Michael Förstermann mit. Man habe vertraglich das Recht, in Rechnung gestellte Leistungen innerhalb einer Frist von vier Jahren zu prüfen und zu beanstanden. Außerdem gehe es aus Sicht der IKK um „Falschabrechnungen“. „Dass sich die Urheber von Falschabrechnungen darüber beklagen, diese korrigieren zu müssen, finde ich – freundlich ausgedrückt – schon reichlich eigenwillig“, erklärt der Pressesprecher.

Die IKK betont jedoch, dass man in „konstruktiven und kompromissorientierten Gesprächen“ mit den Therapeuten und ihrem Verband nun „die Wogen glätten“ wolle. Vor allem wolle man eine „ungünstige Wirkung“ auf die Versicherten vermeiden.

Ob das klappt, ist fraglich. Einige Praxen überlegen nach Angaben des Verbands für Physiotherapie, ihre Kassenzulassung für die IKK classic zurückzugeben. Das würde bedeuten, dass die Versicherten der IKK dann von diesen Praxen nicht mehr behandelt würden.

Soweit will Klaus May nicht gehen. „Die Patienten können ja nichts für das Verhalten ihrer Kasse“, sagt er. Sollte die IKK jedoch weiter bereits bezahlte Honorare von Mays aktuellen Erstattungen abziehen, will der Praxisinhaber klagen: „Dann werde ich auf jeden Fall das Sozialgericht anrufen.“

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Therapeuten müssen Rezepte prüfen

Nach einem Urteil des Bundessozialgerichts aus dem Jahr 2009 sind Physiotherapiepraxen dazu verpflichtet, Rezepte auf formale und inhaltliche Richtigkeit zu prüfen. Reicht eine Praxis falsch ausgestellte Rezepte bei der Krankenkasse ein, kann es sein, dass die Kasse die Auszahlung des Honorars verweigert.

Die Therapeuten können versuchen, das Rezept vom Arzt korrigieren zu lassen. Laut Verband für Physiotherapie weigern sich jedoch Ärzte oft, die Verordnungen zu überarbeiten. Diese Erfahrung hat auch Klaus May aus Ellwangen (Ostalbkreis) gemacht: „Wenn ich ein Rezept korrigieren lassen will, muss ich mir was anhören“.