Die Eheleute Marcus und Carola Voigt werden nie den Tag vergessen, an dem Marcus Voigt heimkam, nach Hausen am Bach, und sagte, er habe ein Haus gefunden, das genau richtig sei. Ein Haus für all ihre Pläne und Träume.

Das war vor fünf Jahren; das Haus, um das es ging, war die Michelbacher Metzgerei Schenkel mit dem angebauten Schlachthaus, der Wohnung, den Kühlräumen. Die Beiden überlegten und rechneten, und Marcus Voigt teilte der Gemeindeverwaltung Wallhausen mit, wenn die Melap-Plus-Förderung (siehe Info) zugesichert werde, wolle er das alte Gebäude kaufen. Gemeinsam mit dem Melap-Planer Markus Schöfl hat Voigt dann einen zweiteiligen Zuschussantrag ausgearbeitet: Zum einen ging es um die grundlegende Sanierung des Wohn- und Geschäftshauses in der Reubacher Straße, zum anderen um einen Laden zur Grundversorgung.

Wo wird eingekauft?

Es gibt eine erstaunliche Diskrepanz zwischen dem in so ziemlich allen Standortuntersuchungen geäußerten Wunsch nach wohnortnahen Einkaufsmöglichkeiten und der stetig sinkenden Zahl der Dorfläden. Kein Wunder, dass der Grundversorgung, also der Möglichkeit, auch im Alter, mit kleinen Kindern oder ohne eigenes Auto einkaufen zu können, so große Bedeutung zukommt im Bemühen, die kleinen Städte und Gemeinden zu stärken. Leicht ist das nicht.

Voigts kauften das Schenkel-Haus und kamen mit der Wohnsanierung gut voran. Auf dem Weg zur Ladeneröffnung aber waren jede Menge Hindernisse zu beseitigen.

Eine enorme Aufgabe

Carola Voigt ist gelernte Einzelhandelskauffrau und hat auch als Marktleiterin gearbeitet; die Eheleute haben in der Reubacher Gemeindehalle eine kleine Pizzeria betrieben: Sie bringen einiges an Erfahrung mit. Marcus Voigt ist Elektrotechniker; er hat die gesamte Elektrik alleine geplant und installiert – von der über Bewegungsmelder gesteuerten LED-Beleuchtung bis zu den selbstöffnenden Türen im mittlerweile barrierefreien, sprich problemlos auch mit Rollator begehbaren Markt. Allein die Kühltechnik ist ein Meisterstück – und hat viel Zeit und viele Nerven gekostet. Ohne dieses Wissen, diese Erfahrung, da sind sich beide einig, wären sie bereits gescheitert.

Auch so war’s eine Herkules-Aufgabe, wie ein Blick aufs Dach zeigt. Das bestehende Ziegeldach mit den Sparren wurde ebenso abgebaut wie der Kamin; das Dach ist jetzt mit Dämmplatten, anderen Sparren und Fenstern versehen und komplett neu eingedeckt. Die alte Metzgerei, das Schlachthaus und die Kühlräume sind zu einer einzigen, rund 280 Quadratmeter großen Fläche verbunden, zum Lebenstraum der Voigts, den sie „’s Michelbacher Dorflädle“ nennen.

„Uns war klar, wir können nicht bestehen, wenn die Leute bei uns bloß vergessene Sahne kaufen“, sagt Marcus Voigt. So gibt es jetzt annähernd 2000 Produkte im Sortiment, von Obst und Gemüse, Regionalem, generell Lebensmitteln, über Backwaren der Bäckerei Sohns, Wurst und Fleisch mit Warmtheke bis hin zu einem kleinen Getränkemarkt, zu Geschenkartikeln und der Reparaturannahme von Elektrogeräten – damit hat dann auch der selbstständige Elektriker eine eigene Präsentationsfläche.

Abnahme in kleinen Mengen

Dank des Edeka-Food-Service können kleine Abnehmer auch kleine Menge beziehen, was das Abenteuer Dorfladen überhaupt erst möglich macht. Über den Frankenthaler Pressevertrieb gibt‘s aktuelle Zeitschriften und vor allem die Möglichkeit, sehr schnell ans Wunschmagazin, den Roman oder die DVD zu kommen: Die neue Zeit mit ihren neuen Medien hat ihre Vorteile.

Noch ist nicht alles so, wie sich die Voigts das vorstellen. Einige Haushaltswaren fehlen noch, und gerade in Corona-Zeiten gestaltet sich der Neubeginn schwierig, sagt die Chefin: Der angedachte Mittagstisch muss warten, die kleine Kaffee- und Ess-Ecke bleibt vorerst verwaist. Aber Voigts haben so lange gewartet, da kommt es auf ein paar weitere Wochen nicht an.

Die Bürgermeisterin freut sich

Wallhausens Kämmerer Jürgen Rosenäcker erinnert daran, wie die Idee des Dorfladens in Michelbach vor fünf Jahren entstanden ist: „Es ging darum, den strukturellen Leerstand dieses in der Ortsmitte stehenden Gebäudekomplexes zu beseitigen.“ Rosenäcker und Bürgermeisterin Rita Behr-Martin besuchten die Familie Voigt dieser Tage und gratulierten im Namen Wallhausens „zu diesem tollen Laden“. Die Gemeinde, so Behr-Martin, wünsche Familie Voigt einen guten Start und freue sich sehr über diese neue Einkaufsmöglichkeit.

Auch in Wiesenbach entsteht ein Dorfladen


Auch in Blaufeldens Teilort Wiesenbach entsteht auf Wunsch der Dorfgemeinschaft ein alters- und familiengerechter Dorfladen, der gleichzeitig sozialer Treffpunkt sein soll. Auch hier soll es alle Waren des täglichen Bedarfs geben; geplant sind zudem ein Bringdienst, regionale Spezialitäten und ein Café. Über einen Mittagstisch und eine 24-Stunden-Einkaufsmöglichkeit für Dorfladenmitglieder wird nachgedacht. Gründungsversammlung war im November 2018; 158 Mitglieder unterstützen das Projekt mittlerweile; Anteile mit rund 51 000 Euro wurden gezeichnet und damit die Voraussetzungen für weitere Planung geschaffen. bt

Die Melap-Plus-Modellgemeinde Michelbach


„Die Zukunft der Gemeinden im ländlichen Raum liegt im Bestand und nicht in Neubaugebieten auf der grünen Wiese“ – das ist der Grundgedanke, der 2003 bis 2008 dem „Modellprojekt zur Eindämmung des Landschaftsverbrauchs durch Aktivierung des innerörtlichen Potenzials“ (Melap) zugrunde lag, mit dem der hohe Flächenverbrauch eingedämmt und immer größer werdenden Strukturproblemen in ländlichen Gemeinden begegnet werden sollte. Umnutzungen und die Bebauung von Brachen wurden gefördert – mit einigem Erfolg. Darauf aufbauend initiierte das Ministerium Ländlicher Raum ein Folgeprojekt Melap Plus. Von 2010 bis 2015 wurden mit Geldern aus dem Entwicklungsprogramm Ländlicher Raum 14 Modellgemeinden unterstützt, unter ihnen Michelbach/Lücke; sie sollten ihren Ortskern wieder attraktiver machen.

Bürger sollen sich sich wieder mehr mit ihrem Ort identifizieren, das Wohnen im Ortskern attraktiver werden. Wallhausen entwickelte dafür unter anderem mit dem Michelbacher Ortschaftsrat eigene Konzepte für die Bürgerbeteiligung. In Bürgerversammlungen und Workshops zum Thema „Wohnen im Alter“ und „Wohnen mit Kindern“ wurde immer wieder deutlich, wie wichtig Einkaufsmöglichkeiten im Ort sind. bt