„Seid ihr wahnsinnig? Was macht ihr noch hier? Es ist Warnstufe „lila“ – das bedeutet Lebensgefahr.“ So sind Viena Schall aus Erlangen und ihre Zeltgenossen von Security-Mitarbeitern und Kräften des Bayerischen Roten Kreuz’ ermahnt worden, wie sie erzählt. Am Freitagabend ist nicht nur erstmals in der Geschichte das Taubertal-Festivalgelände, sondern auch der Zeltplatz im Tal geräumt worden. Meteorologen hatten vor schweren Niederschlägen und Hagel gewarnt. Die Tauber hätte über die Ufer treten und im schlimmsten Fall die Zelte mitreisen können. Das ist zum Glück nicht geschehen.

Im Gegenteil: Es ist der Beginn einer fröhlichen Geschichte, die Schall wohl ihr Leben lang erzählen wird.

Denn die Camper auf der Flucht waren nicht die einzigen, die sich auf die Suche nach Schutz machen mussten. Unzählige Menschen sind den Taubertalweg entlang Richtung Herrnmühle geströmt. Auf dem Weg liegen vereinzelt Häuser. Schall fand ihre erste Unterkunft in der Fuchsenmühle, die in Sichtweite des Zeltplatzes liegt und in der Heidi und Alexander Molitor eine Pension betreiben.

Rothenburg ob der Tauber

„Da stand plötzlich eine Traube von Menschen vor dem Eingang. Ganz vorne zwei Gäste von uns“, erzählt Heidi Molitor. Seit Jahren schon beherbergen sie zum Taubertal die selben Leute von einer Konzertagentur in Hannover. Doch das waren ganz unbekannte. „Wir haben sie reingelassen. Als wir gehört haben, dass es hageln könnte, mussten wir ihnen ja helfen. Plötzlich war das Haus voll.“ Die Leute seien aber freundlich und dankbar gewesen – und haben sogar einen Hut herumgehen lassen. Vor einigen habe sie zwar den Biervorrat schützen müssen. Diese Menschen wollten wohl weiterfeiern: Fans aus Würzburg, die nur für den Freitag gekommen waren, um The Offspring und Bullet For My Valentine zu hören. Beide Bands kamen aber gar nicht erst auf die Bühne.

Kellerparty mit Bullet For My Valentine und The Offspring aus dem Lautsprecher

Genügend Bier gab es offenbar im Toppler-Felsenkeller, erzählen Sophia Vogel und Maria Eberle-Boll aus Augsburg. Am Samstaggmittag wollen sie gerade einen Dankeskorb dorthin bringen – und die T-Shirts, die der spontane Gastgeber den pudelnassen Mädchen in der Nacht zuvor ausgeliehen hat. Die unscheinbare Holztür in einer Mauer unterhalb eines Hauses ist zwar verschlossen. Statt dem Gastgeber die Gaben zu bringen, können sie darum ihre Geschichte erzählen: „Die Tür war offen und wir sind rein. Da waren mehr als hundert Leute drin!“ erzählt Eberle-Boll.

Der Gastgeber wurde kurzerhand zum Partymacher: Er brachte Bier, Schnaps und Wein und ließ die Leute feiern – zu der Musik von Bullet For My Valentine und The Offspring, den beiden Bands, deren Auftritte abgesagt wurden. Auch Schall war dort – und klingt davon fast so beseelt, wie von einem echten Auftritt der Bands.

Eberle-Boll und Vogel sind dankbar. Kurzerhand lassen auch sie einen Becher herumgeben und sammeln Geld für den Gastgeber. Über hundert Euro seien zusammen gekommen. „Das will er der Hausbesitzerin geben! Das ist doch nett!“, so Vogel. Am Sonntag will der Mann aufräumen. „Da haben ein paar Mädels gesagt, dass sie kommen und helfen.

Auch in der Pension in der Fuchsenmühle war es dreckig, nachdem Molitors die Gäste fortgeschickt haben (zu dem Shuttlebus, der sie in die Rothenburger Mehrzweckhalle bringen sollte). Allerdings hat es am Samstagmorgen schon wieder Frühstück für die Gäste gegeben – es musste noch in der Nacht alles weggewischt werden. Doch dafür bleibt eine unvergessliche Geschichte.

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