Nicht etwa schon zu Zeiten des „Dritten Reiches“, sondern erst seit dem Jahr 1997 erinnert in Niedersteinach, einem Teilort von Ilshofen, ein amtliches  Straßenschild an den hochrangigen NS-Funktionär Albert Schüle. Nach dem Willen des Ortschaftsrates von Obersteinach soll sich daran auch nichts ändern: Das Gremium lehnt eine Umbenennung des Weges unisono ab.

Wie der aus Wolfenbrück bei Oberrot stammende Albert Schüle als Mitglied von NSDAP, SA und SS und als stellvertretender Landesbauernführer in Württemberg von 1933 bis 1945 sowie als Reichstagsabgeordneter von 1933 bis 1945 zu der zweifelhaften „Ehre“ kam, auf zwei Straßenschildern in dem 40-Seelen-Dorf Niedersteinach verewigt zu werden, lässt sich im Protokoll einer Sitzung des Ortschaftsrates Obersteinach im April 1997 nachlesen, als sich das Gremium im Rahmen der damaligen Flurbereinigung auch mit Straßennamen befasste.

Bis zu diesem Zeitpunkt existierte der Schüle-Weg nur im örtlichen Sprachgebrauch: Der prominente NS-Bauernfunktionär hatte in den frühen 30-er Jahren neben seinem Besitz in Wolfenbrück auch einen Hof in Niedersteinach erworben.

In dem besagten Protokoll aus dem Jahr 1997 heißt es: „Ortsvorsteherin Pflüger gibt bekannt, dass dieser Weg seit 1936 messurkundlich beurkundet ist und so auch vom Flurbereinigungsamt über beide Seiten der Kreisstraße übernommen wurde. Ortsvorsteherin Pflüger hat sich bei den Niedersteinacher Bürgern erkundigt. Das Ergebnis: Die Niedersteinacher wollen den Weg als ,Albert-Schüle-Weg‘ erhalten. Ortsvorsteherin Pflüger bittet die Stadtverwaltung, diesen Wunsch an die Post-AG weiterzuleiten und auch entsprechende Straßenschilder anbringen zu lassen. Der Ortschaftsrat stimmt diesem Antrag einstimmig zu.“

Albert Schüle, der im August 1947 im Alter von 57 Jahren durch Suizid starb, hatte in der NS-Diktatur eine steile Karriere gemacht, die ihm auch fürstlich entlohnt wurde: 1944 belief sich sein Jahreseinkommen mitsamt den Diäten als Reichstagsabgeordneter auf rund 14 000 Reichsmark. Das Gaupersonalamt bezeichnete ihn im Jahr 1936 als „nationalsozialistischen Kämpfer, der sich vor und nach der Machtübernahme in jeder Weise bewährt hat“.

Auch vom rassenwahnhaften Weltbild her war Albert Schüle ein treuer Diener von Adolf Hitler, wie aus einer Rede des Bauernfunktionärs zum Erntedankfest  1935 in Gaildorf hervorgeht: „Wir dürfen mit frohen Gefühlen diesen Tag begehen, als wir ein einiges Deutsches Volk von einem Blute sind, das rein erhalten bleiben soll bis in alle Zukunft, dank des Rassengesetzes, das uns der Führer auf dem Parteitag gegeben hat, der dadurch die von den Juden seit Jahrzehnten in unser Volk hineingetragene Sittenlosigkeit und Unmoral beseitigt hat.“

„Zu großer Aufwand“

Nach einigen wenigen Protesten aus der Bevölkerung befasste sich der Ortschaftsrat im Juli dieses Jahres erneut mit Albert Schüle und „seinem“ Weg. Das Ergebnis: Das Gremium lehnt eine Umbenennung einstimmig ab – der Name habe sich eingebürgert und Adressen-Änderungen wären ein zu großer Aufwand, wie Bürgermeister Martin Blessing gegenüber unserer Zeitung den Tenor der Beratung wiedergab.

Die Ortschaftsräte weisen andererseits jegliche Verherrlichung der NS-Zeit und ihrer Funktionäre von sich, räumen aber ein, dass die Benennung im Jahr 1997 „ungeschickt war und man sich seinerzeit wohl nicht ausreichend über den Namensgeber informiert hat“, wie das Stadtoberhaupt das Meinungsbild der Ortschaftsräte skizzierte.

Noch nicht auf Tagesordnung

Wenn es nach Bürgermeister Martin Blessing geht, werden die zur Amtszeit seines Vorgängers Roland Wurmthaler angebrachten Straßenschilder abmontiert: „Das kann man im Prinzip heutzutage nicht mehr aufrechterhalten – wenn es der Gemeinderat mehrheitlich will, kommen die Schilder weg.“

Auf der Tagesordnung des Stadtparlaments von Ilshofen stand der Fall Schüle bislang aber noch nicht. Martin Blessing sucht jetzt das Gespräch mit den Bürgern, um eventuell doch noch eine einvernehmliche Lösung für die Schilder-Affäre zu finden.

Info Mit Albert Schüle befasst sich auch ein Vortrag von Wolfgang Proske am Dienstag, 6. November, um 19.30 Uhr in der VHS in Schwäbisch Hall (Kocherquartier).