Gibt man bei Google „Schwäbisch Hall“ ein, wird man auf der ersten Seite der Suchergebnisse direkt von einem idyllischen Foto dortiger Fachwerkhäuser begrüßt. Tippt man „Crailsheim“ ein, kann man eine beeindruckende Von-Oben-Aufnahme des Crailsheimer Rathauses bewundern. Auch bei anderen Städten und Gemeinden aus dem Landkreis Schwäbisch Hall spuckt die Infobox der Suchmaschine, das sogenannte Knowledge Panel, neben einem Google-Maps-Ausschnitt und kurzen allgemeinen Informationen auch ein Profilbild aus.

Ellwangen/Rot am See

Bei „Rot am See“ ist das anders. Statt eines Porträtbilds oder eines Archivfotos der Muswiese - mit der sich sicher viele Einwohner gern im Netz der Außenwelt präsentieren würden - starrt einen hier der Ort eines Verbrechens an: das ehemalige Gasthaus „Deutscher Kaiser“ in der Bahnhofstraße, Absperrband, Polizisten vor Ort, es ist dunkel. Seit Ende Januar weiß nicht nur die Bürgerschaft sondern die ganze Nation, was dort passiert ist: Adrian S. soll sechs seiner Familienmitglieder erschossen haben, am Montag beginnt der Prozess in Ellwangen. Ein einschneidendes, schockierendes Erlebnis für die Bürger der Stadt - eines, an das man sicher nicht ständig erinnert werden möchte. Und eines, von dem man ganz sicher nicht will, dass es die Gemeinde online „repräsentiert“.
So will man seine Gemeinde sicher nicht im Netz repräsentiert sehen - vom Tatort eines Verbrechens.
So will man seine Gemeinde sicher nicht im Netz repräsentiert sehen - vom Tatort eines Verbrechens.
© Foto: Archivierter Screenshot

Tatort-Fotos beeinflussen das Image der Gemeinde

Böse Absicht ist Google hier nicht zu unterstellen - die Suchmaschine generiert das Knowledge Panel automatisch und speist dazu mit seinem geheimen Algorithmus ein Foto aus der Bildersuche ein. Zudem mag der Mordprozess die Vermutung nahelegen, dass er Artikel und Fotos zu der Bluttat in Einheit mit der Suchangabe „Rot am See“ kurzfristig wieder relevanter gemacht hat - was eine Erklärung für das unpassende „Profilbild“ wäre. Das Problem dabei: Bilder zur Bluttat sind schon seit mindestens Ende März fester Bestandteil der „Rot am See-“Infobox - damals fiel es unserer Redaktion zum ersten Mal auf. Und nicht nur uns.
„Uns ist seit Ende März/Anfang April bekannt, dass Google die Bilder verwendet, die in den Berichten über die Familientragödie im Januar in Rot am See erscheinen“, bestätigt Tanja Däuber, Hauptamtsleiterin von Rot am See. Diese müssen sogar nicht mal unbedingt wirklich etwas mit dem Sechsfachmord zu tun haben: Statt „neutralen“ Fotos von Polizeiarbeit am Tatort kursierte in der Infobox über Wochen hinweg ein Foto, das vermeintlich mehrere Leichen zeigte. Dieses holte sich Google aus einem Russia-Today-Artikel zu der Tragödie. Wie sich durch einen Klick herausstellt, stammte es aber nicht aus Rot am See sondern von einer Bundes- und Polizeiübung aus Stetten am kalten Markt - die „Leichen“ waren also lebende „Schauspieler“.
Vor einigen Wochen bekamen Web-Nutzer auf Google diese Infobox zu "Rot am See" zu sehen. Das Bild stammte aus einem Artikel von "Russia Today".
Vor einigen Wochen bekamen Web-Nutzer auf Google diese Infobox zu „Rot am See“ zu sehen. Das Bild stammte aus einem Artikel von „Russia Today“.
© Foto: Archivierter Screenshot
Ein Foto von falschen Leichen als „Profilbild“ für eine Gemeinde zu verwenden, in der bei einer Bluttat mehrere Menschen wirklich ums Leben kamen, war nichtsdestotrotz sehr makaber - und sicher nicht förderlich für die Öffentlichkeitswirkung von Rot am See. Die Gemeindevertretung versucht deshalb, Einfluss zu auf das Knowledge Panel zu nehmen. „Wir haben dies bereits mehrfach in regelmäßigen Abständen Google gemeldet“, verrät Tanja Däuber. Allerdings bislang ohne dauerhaften Erfolg. „Die Bilder werden in der Regel für eine kurze Zeit aus der Suche entfernt, dann erscheint nur der Ausschnitt aus Google Maps. Nach einigen Tagen rückt dann jedoch häufig das nächste Bild nach.“

Von Google gab es bislang keine dauerhafte Lösung für das Problem

Unser Selbstversuch bestätigt dies. Statt über die Feedback-Funktion wie die Gemeinde wendeten wir uns gegen Ende der zweiten Juniwoche an das Presseteam von Google. Eine Mitarbeiterin der Agentur „Achgut“, welche seit diesem Jahr in Deutschland die PR-Arbeit für Google und Youtube übernimmt, reagierte schnell auf unsere Anfrage und leitete sie an die „zuständige Abteilung“ weiter. Das damals aktuelle Tatortfoto verschwand prompt aus der Infobox und ließ nur den Google-Maps-Ausschnitt zurück. Dass das Unternehmen manuell Einfluss nehmen kann, ist also klar.
Unklar bleibt aber, in welchem Ausmaß es das tun möchte. So ließ der Pressekontakt unsere weitergehenden Fragen unbeantwortet - beispielsweise warum genau sich der Suchmaschinen-Algorithmus in diesem Fall eben diese Bilder für die Infobox aussucht oder ob Google aus Pietätsgründen bereit wäre, dauerhaft ein neutrales Gemeindefoto einzublenden. Letztere Frage scheint zwei Wochen später aber auf anderem Weg beantwortet: Mittlerweile ist wieder ein Tatortfoto in der Box erschienen - wie es die Gemeindevertretung von Rot am See bereits mehrfach festgestellt hat. „Natürlich hätten wir lieber eines unserer Landschaftsbilder oder ein anderes Bild in der Infobox“, so Hauptamtsleiterin Tanja Däuber. „Bevor jedoch das Bild der Familientragödie erscheint - oder ein Bild, das damit in Verbindung gebracht wird - verzichten wir auf ein Bild.“

Rot am See

Andere Städte haben mehr Glück mit ihrem Google-Profilbild

Theoretisch sollte das funktionieren. In den offiziellen Informationen, die Google zum Knowledge Panel herausgegeben hat und auf welche die PR-Angestellte im Auftrag des Unternehmens verweist, steht, dass Nutzer über die Feedback-Funktion Einfluss auf die Daten in der Infobox nehmen können, einschließlich des Bildes. Vorschläge von offiziellen Vertretern des Suchbegriffs (Personen, Orte, Organisationen oder Dinge) sollen zudem Vorrang haben vor anderen Vorschlägen - insofern das vorgeschlagene Bild laut Google „angemessen ist und das Thema gut darstellt.“ Die Praxis zeichnet bisher aber ein anderes Bild - obwohl es keine offiziellere Vertretung von Rot am See geben kann als die Gemeindeverwaltung.
Der Erfahrungswert aus anderen Städten im Landkreis mit diesem Thema ist gering - so beispielsweise in Schwäbisch Hall. „Auf die Infobox haben wir bisher keinen aktiven Einfluss genommen“, verrät Pia Reiser aus der Presseabteilung der Kreisstadt. „Wir nehmen uns aber des Themas demnächst einmal an.“
Diese Infobox wäre schon ein Fortschritt: das Knowledge Panel zu "Rot am Se".
Diese Infobox wäre schon ein Fortschritt: das Knowledge Panel zu „Rot am Se“.
© Foto: Archivierter Screenshot
Ein ähnliches Bild zeigt sich in Crailsheim. Wie Pressesprecher Christian Herse mitteilt, nimmt die Stadt zwar über die Plattform „Google myBusiness“ aktiv Einfluss auf die Außendarstellung der Verwaltung und ihre Außenstandorte - und ist hier auch zufrieden mit Googles Reaktionsschnelligkeit. „Grundsätzlich hat Google bislang immer Änderungen binnen 72 Stunden umgesetzt“, so Herse. Allerdings: „Auf die konkrete Darstellung der Infobox, auf die Sie anspielen, haben wir aktuell noch jedoch keinen Einfluss.“ An dessen aktuellem Inhalt - einem Kurzanriss des „Crailsheim“-Wikipedia-Artikels und dem Foto des Rathauses - ist die Stadtverwaltung aktuell aber auch nichts auszusetzen. Ganz anders als die Verwaltung von Rot am See - die verhindern will, dass ein grauenhaftes Verbrechen den Online-Auftritt der Gemeinde überschattet und dauerhaft ihr Image prägt.
Dabei wirkt die Lösung schon so nah. Denn vertippt man sich bei der Google-Sucheingabe und gibt statt „Rot am See“ „Rot am Se“ ein, wird eine Infobox mit einem idyllischen Foto von Musdorf angezeigt - womit sich die Einwohner wohl deutlich mehr identifizieren als mit der Bluttat im Januar.