Seit April habe ich trainiert, ungeahnte Kräfte mobilisiert, ungekannte Feldwege entdeckt, in unheimlich scharfe Ingwerwurzeln gebissen, unwirklich rote Chilischoten geschluckt, erstmals im Leben eine Wadenmuskulatur aufgebaut: Ja, Lauf geht’s hat mir, dem Ewig-Inaktiven, im wahrsten Sinne Beine gemacht. Morgen nun das große Ziel: der Halbmarathon in Ulm. Ich bin gesund – schon mal gut. Ich habe die ganze Woche über jeden Tag einen halben Liter Rote-Bete-Saft getrunken – das soll helfen, sagt Dr. Feil. Ich löffle jetzt eine extrasalzige Maultaschensuppe – das gibt Kraft. Bloß nichts dem Zufall überlassen! Kinder und Frau bleiben konsequenterweise bei den Schwiegereltern, die Nacht soll schließlich geruhsam sein.

Dann: Der Magen grummelt. Ist’s die Aufregung? Ist’s der Saft? Die Suppe? Der Ingwer? Die Mischung? Um Gottes Willen, doch nicht jetzt! Toilettensitz statt Siegertreppchen? Die Nacht wird unruhig, da können die Kinder noch so weit weg sein.

Nächster Morgen, Herrgottsfrüh. Magen flau, aber stabil. Rein in die Laufklamotten – brauch ich die lange Unterhose wirklich? Jäckchen, ja oder nein? Zweimal ja, sicher ist sicher. Der Bus steht schon auf dem Volksfestplatz bereit. Noch ist es stockdunkel, aber in uns strahlen die Chilischoten. Gespannte Stille. Entspannte Vorfreude. Der eine so, der andere so.

In Ulm steht gemeinsames Aufwärmen in der Messehalle an. Und gemeinsames Anstehen fürs stille Örtchen. Letzte Chance: genutzt.

Welch ein Anblick: Tausende Läufer bilden eine Karawane der Sportlichkeit, eine Masse menschlicher Mobilität, eine Schlange, die bereit ist, zuzubeißen. Wo nur sollen sich mein mitlaufender Freund und ich einsortieren? Wie schnell sind wir? Sollen wir es lieber etwas weiter vorne versuchen – und riskieren, ständig überholt zu werden? Oder stellen wir unser Läuferlicht unter den Scheffel und überholen im Zweifel lieber selbst? Wir entscheiden uns für Letzteres.

Endlich geht’s los: Einer nach dem anderen eilt durch das Starttor. Ach, was habe ich vorher nicht alles behauptet – dabei zu sein sei alles, einfach durchkommen wolle ich, auf keinen Fall am Anfang zu schnell laufen. Die Zeit? Eigentlich egal. Und jetzt: Ich schaue auf die Uhr. Ich laufe. Ich schaue auf die Uhr. Ich laufe. Und ich weiß: Wenn ich dieses Tempo halte, könnte ich es doch, möglicherweise, vielleicht, unter zwei Stunden schaffen. Ist ja gar nicht so wichtig. Aber wäre doch schön. Wäre wunderbar! Ich will das schaffen! Ich schaue auf die Uhr. Ich laufe. Auf einen plötzlichen Ehrgeizanfall war ich nicht vorbereitet. Aber er ist jetzt nun einmal da. Sei gegrüßt, edler Antreiber!

Bald schon taucht das Ulmer Münster am Horizont auf. Dort ist das Ziel. Das Ziel! Noch ganz weit weg ... Aber die Stimmung an der Strecke, die Anfeuerungsrufe, das Klatschen, all das zieht in seinen Bann, lässt auch kurz das Seitenstechen vergessen, das mich auf einmal überkommt. Bin ich’s doch zu schnell angegangen? Ach, komm schon! Lauf’s raus! Lauf geht’s! Tatsächlich: Es wird wieder besser. Langsam habe ich meinen Rhythmus gefunden.

Fichtenberg

Das Ulmer Münster ist omnipräsent. Wie eine Fata Morgana lockt es am Horizont, sagt: Komm zu mir – und scheint dann doch schon nach der nächsten Kurve wieder weiter weg zu sein. Die Getränkestationen sind derweil kleine Oasen, doch zum gemütlichen Auftanken ist keine Zeit. Sie wissen schon: der entbrannte Ehrgeiz. Ich versuche ihn, mit Wasser zu löschen, doch das meiste davon läuft übers Shirt. Laufen und Trinken ist keine einfache Kombination. Laufen und Essen übrigens noch viel weniger, wie mir an den Verpflegungsstationen ab Kilometer 15 bewusst wird. Der Riegel, den ich mir geschnappt habe, landet nur zur Hälfte im Mund, der Rest wandert in die Tasche.

Wir sind in der Stadt! Hier gibt es noch mehr Zuschauer, Bands spielen am Straßenrand – nur für uns! Unglaublich. Ich laufe mittlerweile allein, denn mein Freund war etwas schneller. Doch ich liege gut in der Zeit, Kilometer um Kilometer um Kilometer nähere ich mich dem Ziel. All das Rote-Bete-Saft-Trinken und Ingwer-Naschen und Trainieren, Trainieren, Trainieren, es hat sich gelohnt. Nur noch wenige Hundert Meter, die Beine sind jetzt schwer, der Kopf ist schon im Ziel. Aber ein bisschen muss ich noch. Ich schaue auf die Uhr. Ich laufe. Ich schaue auf die Uhr. Ich laufe. Die Menschen feuern mich, uns alle, an. Das Ziel kommt näher. Jetzt bloß durchhalten. Und dann: Jaaaaaa! Unter zwei Stunden.

Schon habe ich eine Medaille um den Hals hängen, schon umarme ich meinen Mitläufer, der mir dann doch zum Davonläufer wurde. Schon bediene ich mich am Getränkestand und am Obststand und am Nüssestand und wieder am Getränkestand. Die Batterien sind leer, aber die Glückshormone entfalten ihre volle Pracht. Danke, Rote-Bete-Saft, danke Ingwer, danke Maultaschensuppe, danke Ehrgeiz. Ach ja, und: Danke, Lauf geht’s, für diese ganz neue Lebenserfahrung.

Info-Vorträge zur Aktion  Lauf-geht’s


Lauf geht’s gibt es an den Standorten Schwäbisch Hall, Crailsheim und Gaildorf. Gemeinsam trainiert wird jeweils zum Abschluss einer Trainingswoche im Lauftreff (in Schwäbisch Hall und Crailsheim) beziehungsweise im Walkingtreff (in Gaildorf). Beim Vortrag „Lauf geht’s – gesund und mit Freude in sechs Monaten zum Halbmarathon“ erklärt Erfinder Wolfgang Grandjean das Programm. Zudem stellen sich die Trainer und das Organisationsteam vor: in Crailsheim am 17. Februar um 19 Uhr im HT-Forum (Ludwigstraße 6–10), in Schwäbisch Hall am 18. Februar um 19 Uhr in der Hospitalkirche (Am Spitalbach 8), in Gaildorf am 4. März um 19 Uhr in der Limpurghalle (Schloss-Straße 11). Fragen beantwortet Christine Hofmann (c.hofmann@swp.de oder 0 79 51 / 40 93 16).