Marianne Sägebrecht lugt durch den hölzernen Türrahmen in den Raum, der zum Bersten gefüllt ist mit Menschen. Die drehen die Köpfe, um die Frau zu sehen, die sie bisher nur aus Filmen kennen. Die Schauspielerin geht ihrem Gitarristen Ralf Glenk hinterher, langsam und vorsichtig durch die engen Stuhlreihen. Die Augen der rund 100 Zuschauer werden groß, die Münder verziehen sich zum Lächeln: So sieht sie also aus.

Eigentlich genauso wie in den Filmen, aus denen man sie kennt. Die Haare in einem kleinen eingeknickten Pferdeschwanz, die Seiten mit zwei altmodischen Haarkämmen zurückgehalten. Dezent geschminkt das Gesicht, das jedem schon seit Jahrzehnten genauso bekannt ist: rund, gesund, bayerisch, warmherzig.

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Hannover

Dass so ein Promi in Geislingen ist, hat der Veranstalter Joachim Armbrust organisiert. Der Gastgeber, der mit seiner Partnerin Sandra Rose das Alte Schulhaus erworben und zum Seminarhaus umgebaut hat, ist mit dem Gitarristen bekannt. „Eine Wucht“ nennt Armbrust den berühmten Gast und erzählt, dass er dreimal so viele Karten hätte verkaufen können. Marianne Sägebrecht greift sich gerührt an die Brust und sagt: „Gänsehaut!“

An diesem Abend liest sie, nachdem sie ihre Brille aus dem Dekolleté zieht, fast drei Stunden lang Geschichten und Gedichte vor und erzählt dazwischen das, was ihr offenbar gerade einfällt. Etwa, dass sie oft anecke. Weil sie Rollenvorgaben nicht einhalte: Muss sie als „Beta“ in „Pettersson und Findus“ mit einem kleinen Mädchen schimpfen, das ihr Halstuch verloren hat und darüber sehr traurig ist, dann weigert sie sich. Dem armen Mädchen noch mehr wehzutun komme gar nicht in Frage. Neun von zehn Rollen sage sie ab oder verändere sie so, dass sie ihr passen. Das seien keine Starallüren, das sei eine Lebenseinstellung.

Woraus die besteht, ist wohl simpel in ein Wort zu fassen: Nächstenliebe. So geht die Frau, die mit dem Bundesverdienstkreuz und dem Bayerischen Verdienstorden beehrt wurde, regelmäßig ins Hospiz und ins Gefängnis. Nach diesem Abend in Geislingen kann man sich sehr gut vorstellen, wie sie dort die Atmosphäre verändert. Auch in der Alten Schule wird es immer vertrauter. Hat sie zu Beginn ihr Publikum noch gesiezt, ist sie nach einer Stunde beim Du. Es ist nicht dieses moderne Du. Es ist ein Mensch-zu-Mensch-Du.

Zwischen dem Lesen und Erzählen lädt die Schauspielerin ihren Begleiter „Ralfi“ ein, Musik zu spielen. Der zeigt, was er kann – von „Über sieben Brücken musst du geh‘n“ bis zu „Back In The High Life Again“.

Die 73-Jährige, die seit 40 Jahren alleine lebt, amüsiert sich prächtig beim Gedicht von Bertolt Brecht über einen Mann, der nach dem Sex von seiner Frau keinen Punsch gebracht bekommt. Ironisch bedauert sie die Männer, die mit über 60 einer Eingebung folgend noch einmal verstärkten Kinderwunsch in der Leiste verspüren. „Ich bin so froh, dass ich eine Frau bin.“ Gleichzeitig ist die Mutter einer Tochter zu Tränen gerührt, wenn sie Männer sieht, die ein Baby im Arm haben. Und alte Paare, die sich noch an der Hand halten.

Zettelhaufen mit Eselsohren

Die Gedichte und Geschichten aus Marianne Sägebrechts Repertoire sind ein Zettelhaufen mit Eselsohren, eine Blättersammlung in einem orangefarbenen Papierordner. Viele Seiten sind verziert, mit der Art von Kritzelei, die zum Beispiel nebenher während dem Telefonieren entsteht. Auf einem kleinen Block mit ZDF-Logo stehen in Handschrift ihre Programmpunkte. Sie streicht einen nach dem anderen durch.

Mainhardt

Wenn Marianne Sägebrecht spricht, schaut sie ihr Publikum an. Nicht nur grob oben drüber, sondern sie sucht den Blick. „Jeder – ihr auch – hat doch ein anderes Antlitz, das rührt mich.“ Als sie schließlich endet, steht das Publikum auf und klatscht lange. „Ich komme wieder“, verspricht sie.

Geprägt von Opa, Urgroßmutter und Deutschlehrer

Marianne Sägebrecht (73) wurde am Starnberger See geboren. Ihr Vater fiel im Krieg, sie wuchs vor allem bei den Großeltern auf. Der Opa war Gärtner und Schamane, die Urgroßmutter Volksschauspielerin. Marianne wollte mit fünf Jahren Nonne werden. Mit dem Stiefvater hatte sie es schwer. Er ließ sie nicht aufs Gymnasium gehen. Ihr
Deutschlehrer auf der Realschule brachte sie zum Schultheaterspielen. Nach der Schule lernte sie medizinisch-diagnostische Assistentin. Sie wurde Wirtin zweier Künstlerlokale und kam schließlich 1983 zum Film, im Streifen „Die Schaukel“. Zu ihren größten Erfolgen zählen „Zuckerbaby“ und „Out of Rosenheim“. Neben dem Schauspielen schreibt sie Bücher. Sie lebt am Starnberger See, beschäftigt sich mit ihrem Garten und Kräutern. Seit der Trennung von ihrem Mann 1976 lebt die Mutter einer Tochter allein. sasch