Langenburg Die Brauchbar ist eine Erfolgsgeschichte

Langenburg / Sebastian Unbehauen 18.08.2018
Wer Secondhandware einkaufen oder abgeben möchte, ist in der Langenburger Brauchbar an der richtigen Adresse. Sommerkleidung trifft hier auf Kaffeekannen und Spielsachen. Kunden unterschiedlicher Alters- und Gesellschaftsschichten nutzen das Angebot, hinter dem viele ehrenamtliche Stunden stecken. Ein 23-köpfiges Team sorgt für den reibungslosen Ablauf. Die Mitarbeiter sind gut vernetzt und wahre Vermittlungskünstler.

Ein Puzzle, das keiner mehr will. Hosen aus „hüftschlankeren“ Zeiten. Porzellantassen von Erbtante Frieda, die im Küchenschrank keinen Platz finden. Viele intakte Alltagsgegenstände landen im Mülleimer. In Langenburg gibt es eine gute Alternative: die Brauchbar. Der Sozialladen ist ein Fels in der Brandung der Wegwerfgesellschaft. Gut erhaltene Waren aus zweiter Hand finden hier neue Besitzer – vom Haushaltsgerät bis zur Trainingshose.

Im Untergeschoss des ehemaligen Schaeff-Gebäudes und jetzigen Innoparks haben sich sechs Personen um einen Holztisch versammelt. Im Laufe des Gesprächs werden es immer mehr. Sie gehören zum Netzwerk, das hinter der Brauchbar steht. Unter ihnen sind ehrenamtliche Mitarbeiter, Vertreter der Träger und das Kernteam: Berit Ullmann-Fischer und Borghild Köhler. „Die Brauchbar hat sich aus der Flüchtlingshilfe heraus entwickelt“, erklärt Köhler. Sie selbst begann 2015 gemeinsam mit anderen, Sachen zu sammeln, die Leute übrig hatten, um sie den in Langenburg angekommenen Flüchtlingen zu bringen. Einzelnen Empfängern mangelte es an Wertschätzung und der Bereitschaft zum Teilen. Also verlangten die Ehrenamtlichen einen kleinen Betrag, damit sich jeder nur das nahm, was er wirklich benötigte.

Bald platzten die Räume im ehemaligen Schuhladen in der Hauptstraße aus allen Nähten. Aber das Glück war der Brauchbar hold: Unternehmer Wolfgang Maier stellt seither mietfrei die frühere Kantine und einen Konferenz- und Schulungsraum im ehemaligen Schaeff-Gebäude zur Verfügung. „Dafür sind wir sehr dankbar“, sagt Borghild Köhler.

Berit Ullmann-Fischer erklärt: „Die Brauchbar besteht aus zwei Teilen: Café und Sozialladen.“ Im gemütlich eingerichteten Café knüpfen die Gäste Kontakte und unterhalten sich, für Kinder sind Spielsachen da. Jeder Stuhl ist ein Unikat und spiegelt den Secondhand-Charakter wider. Der Sozialladen liegt direkt hinter dem Café. Inzwischen ist die Kundschaft buntgemischt und reicht von ökonomisch denkenden Familien bis hin zu Leuten mit kleinem Budget. Auch Flüchtlinge kommen nach wie vor, manche reisen extra mit dem Bus aus den umliegenden Städten und Gemeinden an. Borghild Köhler sagt: „Es treffen die verschiedensten Menschen aufeinander, die sich sonst nie begegnet wären.“ Im Schnitt sind an einem Mittwochnachmittag etwa 40 Kunden da.

Im zweiten Stock hat das Team ein Lager, aus dem es regelmäßig Nachschub holt. „Am besten laufen Damenkleider“, sagt Berit Ullmann-Fischer. Sie ist als Koordinatorin angestellt. Neben ihr tragen 22 ehrenamtliche Mitarbeiter zum Gelingen bei. „Das sind lauter kompetente Leute, die hier eine riesige Arbeit machen“, betont Pfarrer Ulrich Hermann. Die evangelische und die katholische Kirchengemeinde sowie die Stadt Langenburg sind die Träger der Brauchbar. Aufgaben gibt es jede Menge: Kleider müssen sortiert, die Räume gestaltet und Dienste während der Öffnungszeiten übernommen werden.

Nicht jedes Produkt kann das Team annehmen, aber oft wissen die Helfer jemanden, der es brauchen kann. Teppiche zum Beispiel  gehen immer. Einige finden wohl als Gebetsteppiche eine neue Bestimmung.  „Wir haben gerade erst wieder drei Stück vermittelt“, sagt Ullmann-Fischer.

Häufig landen auch hochwertige Sachen in der Brauchbar. „Sogar Nagellacks und tolle Parfüms“, freut sie sich. Ungewöhnlichstes Produkt war bisher eine Beinprothese. „Wir haben sie nicht weitervermitteln können“, schildert Borghild Köhler. Deshalb endete sie leider auf dem Wertstoffhof. Wer Waren anliefert, ist auch als Kunde willkommen. „Das sind uns die liebsten“, sagt Köhler und lächelt. Die Helfer kaufen selbst gerne in der Brauchbar ein. Ullmann-Fischer trägt heute Hose, Oberteil und Gürtel von hier.

Nacheinander kommen Flüchtlinge durch die Tür. Ein kleiner Junge rennt grüßend auf den Tisch zu. Mitarbeiterin Regina Battikh antwortet: „Aleikum Salam.“ Es entspinnt sich ein kurzer arabischer Wortwechsel, der mit „Al-Hamdu li-llâh“  endet – das heißt Gott sei Dank. Battikh lebte Mitte der Achtziger ein Jahr lang in Aleppo. „Ich hab‘ von der Sprache zwar viel vergessen, aber es macht Spaß, sich ein bisschen auszutauschen. Die Flüchtlinge freut es“, berichtet sie.

Ein etwa dreijähriges Mädchen schiebt einen Teddy im Kinderwagen durch den Raum und beißt  genüsslich in einen Apfel. Kinder unterschiedlicher Hautfarben spielen einträchtig miteinander und rennen vergnügt durch den Flur. Im Café sitzen ein paar junge Männer. Die Stimmung ist heiter-gelöst. Die meisten Kunden stöbern Klamotten durch. Familie Rasheed sieht sich gerade bei den Spielsachen um. Vor zweieinhalb Jahren flüchteten sie aus Syrien. Vater Mohamad erzählt, sie seien jede Woche in der Brauchbar um einzukaufen, Kaffee zu trinken und Deutsch zu sprechen. „Leute alle gut“, lobt er die Langenburger.

Auf dem Tresen steht eine Nähmaschine­. Köhler und Fischer sind begeistert: Eine Person war auf der Suche, jemand anderes hatte eine übrig. „Perfect match“, heißt es im Englischen, „passt genau“. Größere Stücke wie Waschmaschinen und Möbel können sie im Laden nicht präsentieren. Aber an einem Brett an der Wand sind Angebote und Nachfragen gesammelt.

Laut Pfarrer Hermann setzt die Einrichtung an acht Öffnungstagen im Monat über 1000 Euro um. „Die Ausgaben lagen in den letzten Jahren immer unter den Einnahmen“, sagt er. Die Rücklagensituation sei gut. Jedes Jahr spendet die Brauchbar 3000 Euro an die Johann-Ludwig-Schneller-Schule im Libanon. Der Langenburger Pfarrer war bereits persönlich vor Ort. Kinder und Jugendliche, die verwaist sind oder aus armen Verhältnissen stammen, erhalten dort eine schulische und handwerkliche Ausbildung. Alleinerziehende syrische Mütter haben die Chance, in den Werkstätten eine Kurzausbildung zu absolvieren, um ihre Kinder ernähren zu können. „Wir sind stolz, dass wir die Schule durch unsere Arbeit unterstützen können“, sagt Pfarrer Hermann.

Und die Arbeit in der Brauchbar geht nie aus. Schon kommen wieder zwei Frauen mit prallgefüllten Taschen herein. Darin sind Sachen, die sie übrig haben. Berit Ullmann-Fischer sagt: „Unser Motto ist: Wir nehmen alles.“ Borghild Köhler ergänzt: „Alles, was brauchbar ist.“

Info

Im August bleibt die Brauchbar geschlossen. Ansonsten gelten folgende Öffnungszeiten: mittwochs 16 bis 18 Uhr; samstags 9.30 Uhr bis 11.30 Uhr und zusätzlich jeden ersten Samstag im Monat von 15 bis 17 Uhr. Waren können jeweils 30 Minuten vor Öffnung des Ladens abgegeben werden.

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