Crailsheim Detektiv geht undercover auf Diebesjagd

In der Summe 147 Artikel soll ein Lagerist bei seinem Arbeitgeber, einem Autoersatzteilhändler, unterschlagen haben. Jetzt muss er sich vor dem Amtsgericht verantworten.
In der Summe 147 Artikel soll ein Lagerist bei seinem Arbeitgeber, einem Autoersatzteilhändler, unterschlagen haben. Jetzt muss er sich vor dem Amtsgericht verantworten. © Foto: Martin Kalb
Crailsheim / Guido Seyerle, swp 24.01.2019
Ein 53-Jähriger aus Satteldorf soll 147 Artikel bei seinem ehemaligen Arbeitgeber unterschlagen haben. Er bestreitet die Vorwürfe und will Öl und Reifen auf dem Flohmarkt gekauft haben.

Der Schwund wurde immer größer. „Normal sind 1 bis 1,5 Prozent“, berichtet der ehemalige Filialleiter eines Autoersatzteilhändlers aus dem Altkreis vor dem Crailsheimer Amtsgericht. „Bei uns waren es aber zwischen 4,5 und 6 Prozent. Je nachdem, ob man es wert- oder mengenmäßig betrachtet.“ Die Unternehmensführung in der Zentrale in Norddeutschland entschließt sich dazu, eine große Detektei einzuschalten.

Diese wendet eine besondere Strategie an. Sie schleust einen Mitarbeiter als Lagerarbeiter in die Filiale ein, getarnt als vom Arbeitsamt entsandter vierwöchiger Praktikant. Und dieser überführt tatsächlich einen Dieb – allerdings nicht denjenigen, den sie eigentlich im Auge hatte. Doch dieser belastet den derzeitigen Angeklagten mit den Worten: „Der verkauft doch auch hinten am Tor.“

Nicht mit dem Auto zur Arbeit?

Kurz nachdem der Dieb überführt wurde, sprechen die beiden Detektive den anderen Verdächtigen an. „Der Lagerist gab an, nicht mit dem Auto zur Arbeit gefahren zu sein“, berichtet einer der privaten Ermittler, ein pensionierter Polizist, vor Gericht. Daraufhin bittet er den 53-Jährigen, ihm seinen Schlüsselbund zu zeigen. Prompt ist dort ein Autoschlüssel zu sehen. Allerdings findet man den VW Golf nicht auf dem Firmenparkplatz.

Ein Kollege des Lageristen gibt den entscheidenden Tipp: Normalerweise parkt der Lagerarbeiter auf dem Firmenparkplatz des Nachbarbetriebs. Dort steht sein Golf dann auch. Das Fahrzeug wird untersucht und man findet darin einen Liter Motorenöl sowie einen Sensor. Genau diese Marken verkauft auch der Arbeitgeber des Lagerarbeiters, der angibt: „Das Öl habe ich an einer Tankstelle gekauft. Beim anderen erinnere ich mich nicht, wo ich es erworben habe.“

Die Doppelgarage ist voll

Die Detektive möchten Nägel mit Köpfen machen und das Haus des Beschuldigten in Augenschein nehmen. „Dort ist niemand daheim und ich habe keinen Schlüssel dabei“, gibt der Lagerist als Auskunft. Trotzdem fährt die Gruppe dann doch nach Satteldorf. Der Schwiegersohn des 53-Jährigen öffnet. „Die Doppelgarage war voll“, berichtet der ehemalige Filialleiter in der vergangenen Woche vor Gericht. „Da war so viel drin, wir mussten es auf den Gehweg stapeln und später einen Lkw zum Abtransport anfordern.“

Um die Situation in den Griff zu bekommen, fordert der Detektiv die Polizei an, die kurzfristig einen Durchsuchungsbefehl erstellen lässt. „Als wir dort ankamen und den Umfang sahen, haben wir eine zusätzliche Streife zur Unterstützung angefordert“, berichtet der ermittelnde Kriminalkommissar. 147 Anklagepunkte sind daraus entstanden – von der Glühbirne für ein paar Cent bis zum 800 Euro teuren Kupplungssatz. Insgesamt soll ein Schaden von rund 13.200 Euro entstanden sein. Alle gesicherten Gegenstände kann man beim damaligen Arbeitgeber des 53-Jährigen kaufen. Aber sie sind genauso im freien Verkauf und im Internet erhältlich. Darauf beruft sich der Angeklagte, der die Sachen entweder über Kollegen bei seinem damaligen Arbeitgeber, auf Flohmärkten oder bei Baumärkten erstanden haben will.

Punkt für Punkt abgleichen

Für Richterin Uta Herrmann stellen die unterschiedlichen Listen und die jeweils individuell vergebenen Artikelnummern eine Herausforderung dar. Zum einen gibt es die Inventurliste der Materialien, wie sie von der Kriminalpolizei aufgenommen wurden. Dazu die Artikelnummern-Liste des Großhändlers mit Netto- und Bruttopreisen sowie die Anklageschrift. Um dem Beschuldigten den Diebstahl nachweisen zu können, müssen Punkt für Punkt die Angaben des in Kasachstan geborenen 53-Jährigen mit Zeugenaussagen abgeglichen werden.

Beim Diebstahl selbst wurde der Mann nie beobachtet. Ein Zeuge will zwar gesehen haben, wie der damalige Lagerist Ware an einen Bekannten übergeben hat. Unklar blieb aber, ob diese davor oder danach an der Kasse im vorne an das Lager angebauten Bürotrakt bezahlt worden ist.

Polizei verfolgt Diebstahl stets streng

In dem vorliegenden Gerichtsfall müssen sich die Juristen zwar mit großen Mengen an potenziellem Diebesgut befassen. Aber bei kleineren Diebstählen ist die Polizei ebenfalls stets am Ball - und ist sich auch nicht zum Ermitteln zu schade, wenn die Beute mitunter verschwindend klein ausfällt. So sorgten die Gesetzeshüter vor einigen Monaten in Crailsheim für Aufsehen und auch etwas Belustigung im Netz, als sie in einem Supermarkt den Diebstahl einer Traube ahndeten.

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Info

Der Prozess wird am Donnerstag fortgesetzt.

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