Dunkelblau-dämmrig der Karton, undeutlich zeichnen sich die Brettheimer Friedhofslinden ab, wie Schatten der Erinnerung: Der Einband des neuen Buches über die Männer von Brettheim, das der Förderverein Erinnerungsstätte herausgibt und das am Mittwoch im Anschluss an dessen Mitgliederversammlung vorgestellt wurde, spiegelt die Düsternis des im Frühjahr 1945 Geschehenen und die Unauslöschbarkeit des Unfassbaren, sein Fortwirken im Hintergrund eines normalen Dorfalltags.

Die Friedhofslinden werfen ihre Schatten, sie sollen ihre Schatten weiterwerfen, wie der Fördervereins-Vorsitzende Norman Krauß deutlich machte: „Wir möchten mit diesem Buch erinnernd mahnen, weil das dunkle Kapitel eben nicht abgeschlossen ist – und schon gar nicht weggewischt werden kann wie ein lästiger Vogelschiss.“

Die Ermordung von Bauer Friedrich Hanselmann, Bürgermeister Leonhard Gackstatter und NS-Ortsgruppenleiter Leonhard Wolfmeyer durch die SS ist in der Vergangenheit bereits in einer Broschüre der Landeszentrale für politische Bildung und in dem Band „Die Tragödie von Brettheim“ von Hans Schultheiß thematisiert worden.

Gedenkfeier in Brettheim Erinnerungskultur geschaffen

Rot am See

Das aktuelle Buch versammelt nun viele bereits veröffentlichte Texte, die gemeinsam ein umfassendes Bild ergeben: Schultheiß’ Ausführungen zum unmittelbaren Geschehen etwa und zu den Nachkriegsprozessen, die Rede über die Kriegslage am 10. April 1945, die der Historiker Eberhard Jäckel 1992 zur Eröffnung der Brettheimer Erinnerungsstätte gehalten hat, Thilo Pohles „Die zweite Heimsuchung“ über die Zerstörung Brettheims aus der Luft und Ludwig Helbigs „Erziehung zum Krieg“ über das Aufwachsen der Hitlerjungen im Totalitarismus.

Angehörige kommen zu Wort

Angehörige der Toten kommen ebenso in dem Buch zu Wort wie Friedrich Braun, der den Weg zur Erinnerungsstätte nachzeichnet – einen Weg, der ohne seinen eigenen unermüdlichen Einsatz nicht zu gehen gewesen wäre.

Ganz neue Beiträge gibt es auch: Franz Josef Merkl zeigt akribisch, dass das XIII. SS-Armeekorps unter der schrecklichen Führung von General Max Simon am Kriegsende nicht nur in Brettheim wütete, sondern eine Blutspur durch ganz Süddeutschland zog. Uwe Rauprich, der Großneffe eines der Täter, des SS-Sturmbannführers Friedrich Gottschalk, macht sich aus seiner ganz persönlichen Perspektive beeindruckende Gedanken zu Brettheim. Und HT-Redakteur Harald Zigan legt dar, wie die Presse über die Tragödie und ihre Verarbeitung berichtete.

Historiker Hans Schultheiß stellte das Buch am Mittwoch vor, indem er noch einmal zurückblickte auf die Entstehung der Erinnerungsstätte. Er war seinerzeit zusammen mit anderen – und in enger Kooperation mit Braun – für die Konzeption der Ausstellung im Rathaus verantwortlich. Für ihn war es das erste Projekt dieser Art, viele weitere sollten folgen. „So eine intensive Gemeinschaftsarbeit wie hier in Brettheim habe ich aber nicht mehr wieder erlebt“, sagte er. „Mir schien, dass ganz Brettheim zum Team gehörte. Das Dorf war immer noch umschlungen, ja traumatisiert, vom Geschehen.“ Schultheiß berichtete etwa davon, wie ihn der Schreiner Otto Ackermann einmal zur Seite nahm („Sind Sie der aus Stuttgart mit der Erinnerungsstätte?“) und ihm am Küchentisch erzählte, wie er geholfen hatte, die Leichen von den Linden zu nehmen. „Zum Schluss hat er eine Zeichnung der Särge angefertigt“, so Schultheiß. „Ich meine, er musste sich etwas von der Seele reden.“

Das Buch als Zeugnis

Ja, da ist etwas auf der Brettheimer Seele seit 1945. Aber bei der Beschäftigung damit ist das Dorf dank des unermüdlichen Einsatzes vieler so weit gekommen, wie man es nicht oft erlebt. Das neue Buch ist Zeugnis davon. Und wenn Uwe Rauprich am Ende seines Beitrags konstatiert, „Im Grunde unserer Herzen können wir die Tragik des Geschehens doch nicht begreifen“, dann hat er vielleicht recht. Aber: Brettheim beweist, wie sehr es sich lohnt, es immer wieder zu versuchen.

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Info


Das Buch „Die Männer von Brettheim“ (Forum Stadt Verlag), 270 Seiten, ist im Buchhandel erhältlich.